Soldaten der prorussischen Truppen in Uniformen ohne Abzeichen fahren in der belagerten südlichen Hafenstadt Mariupol, Ukraine, ein gepanzertes Fahrzeug. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Kunstschule in Mariupol bombardiert

Stand: 20.03.2022 16:17 Uhr

Russland verstärkt die Angriffe auf die Ukraine - nach eigenen Angaben erneut auch mit Hyperschallraketen. In Mariupol wurde offenbar eine Kunstschule bombardiert, in der Hunderte Menschen Zuflucht suchten.

Russische Streitkräfte haben ukrainischen Angaben zufolge eine Kunstschule in der belagerten Stadt Mariupol bombardiert, in der mehrere hundert Menschen Zuflucht gesucht hätten. Das Gebäude sei bei dem Angriff am Samstag zerstört worden, unter den Trümmern seien noch Menschen eingeschlossen, teilte die Stadtverwaltung mit.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte in seiner nächtlichen Videoansprache an die Nation gesagt, die Belagerung Mariupols werde wegen Kriegsverbrechen der russischen Truppen in die Geschichte eingehen. "Das einer friedlichen Stadt anzutun, was die Besatzer getan haben, ist ein Terror, an den man sich noch jahrhundertelang erinnern wird", sagte er.

Berichte über Deportationen

Die strategisch wichtige Hafenstadt im Südosten der Ukraine ist seit Wochen Ziel heftiger Bombardements. Laut der Stadtverwaltung von Mariupol wurden zahlreiche Einwohner gegen ihren Willen nach Russland gebracht. Zuvor seien ihnen die ukrainischen Pässe abgenommen worden. Die russischen Streitkräfte hätten auf diese Weise bereits mehr als 1000 Einwohner aus dem Osten der Stadt deportiert, erklärte der Leiter der Regionalverwaltung von Donezk, Pawlo Kyrylenko.

Nach Angaben von Petro Andrjuschtschenko, eines Beraters von Mariupols Bürgermeister, wurden die Bewohner in die russischen Städte Tomsk, Wladimir und Jaroslawl gebracht. Von unabhängiger Seite lassen sich diese Angaben nicht überprüfen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Hyperschallrakete soll Treibstofflager zerstört haben

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurde eine weitere Hyperschallrakete eingesetzt. Die Rakete Kinschal (Dolch) sei von der Halbinsel Krim, die Russland 2014 annektiert hatte, auf ein Treibstofflager des ukrainischen Militärs abgeschossen worden, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit.

In der Nacht und am Sonntagmorgen seien mehrere Ziele der Infrastruktur des ukrainischen Militärs angegriffen worden. Von Schiffen im Schwarzen sowie Kaspischen Meer seien Marschflugkörper abgefeuert worden. Dabei sei unter anderem in Nischyn eine Reparaturwerkstatt für Militärfahrzeuge getroffen worden. Auch eine Ausbildungsstätte für ausländische Kämpfer, die sich der ukrainischen Armee anschließen wollten, sei unter Beschuss genommen worden.

Sieben Fluchtkorridore für Zivilisten

Die humanitäre Lage in mehreren ukrainischen Städten verschlimmert sich weiter. Mehr als 6600 Menschen flohen am Samstag aus Mariupol und Kiew. In den besonders umkämpften Gebieten wurden sieben humanitäre Korridore für flüchtende Zivilisten eingerichtet.

Über diese Wege sollten auch Hilfsgüter in die Städte gebracht werden, teilte die ukrainische Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk in Kiew mit. Angelegt seien die Korridore in den Gebieten um die Hauptstadt Kiew sowie um Charkiw und aus der besonders schwer von Kämpfen betroffenen Hafenstadt Mariupol in Richtung der Stadt Saporischschja. Für die Menschen stünden Busse bereit, sagte Wereschtschuk. Verlassen werden könne Mariupol auch mit dem Auto.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.03.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.03.2022

Im Gebiet Kiew sollten einzelne Dörfer evakuiert und die Menschen in die Großstadt Browary gebracht werden, wo Busse für die Weiterfahrt warteten. Aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, sollten Lebensmittel und Medikamente in Ortschaften in der Nähe gebracht werden, um den Menschen zu helfen. Die Fluchtrouten und Wege für die Hilfslieferungen werden für jeden Tag neu angekündigt.

Mehr als 260 getötete Zivilisten in Charkiw

Beim Beschuss eines mehrstöckigen Wohnhauses in Charkiw im Osten der Ukraine gab es ukrainischen Angaben zufolge mehrere Todesopfer. In der Nacht zum Sonntag habe es mehrere Angriffe gegeben. Gebäude seien dabei in Brand geraten, teilte das Militär mit. Die Armee sprach von mindestens zwei Todesopfern, die lokale Polizei von fünf. Den Behörden der Stadt zufolge sind seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine vor mehr als drei Wochen allein in Charkiw 266 Zivilisten getötet worden.

Die Ukraine wirft der russischen Armee ein immer brutaleres Vorgehen mit zerstörerischem Artillerie-Beschuss vor. Wegen vielfachen Scheiterns bei den Angriffen auf die Ukraine würden die Waffen gegen friedliche Städte gerichtet, schrieb der ukrainische Präsidentenberater Michail Podoljak auf Twitter.

Weitere hochrangige russische Militärs getötet?

Gleichzeitig behauptet die ukrainische Seite, weitere hochrangige russische Militärs getötet zu haben. Kommandeure des Fallschirmjägerregiments und des Kosakenregiments seien "eliminiert" worden, teilte die ukrainische Armee mit. Die "hohe Sterblichkeitsrate unter Russlands hochrangigen Militäroffizieren" mache deutlich, dass die russische Armee nicht auf den Kampf gegen die ukrainischen Verteidiger vorbereitet gewesen sei, schreibt Selenskyj-Berater Podoljak auf Twitter. Um überhaupt Erfolge zu erzielen, sei Russland auf seine große Zahl an Soldaten und Raketenangriffe angewiesen.

Von russischer Seiten lagen dazu keine Informationen vor. In mehr als drei Wochen Krieg will die ukrainische Armee mindestens sechs Generäle von Armee und Nationalgarde getötet haben.

Waisenkinder in Sicherheit gebracht

Aus der umkämpften Stadt Sumy evakuierten die Behörden viele Waisenkinder. Der Gouverneur der Region, Dmytro Schywytskyj, sagte, 71 Kleinkinder und Babys seien über einen Fluchtkorridor in Sicherheit gebracht worden. Die meisten von ihnen bedürften ständiger medizinischer Versorgung. Wie viele andere ukrainische Städte wird Sumy von russischen Truppen belagert und ist wiederholtem Beschuss ausgesetzt.

Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums gab es von Seiten der russischen Streitkräfte seit Kriegsbeginn am 24. Februar 291 Raketenangriffe und 1403 Luftangriffe.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. März 2022 um 09:55 Uhr.