Dieses von der ukrainischen Joint Forces Operation veröffentlichte Foto zeigt ein Kindergartengebäude in der Region Luhansk, das von Granaten getroffen worden sein soll. | dpa

Beschuss trotz Waffenruhe Beunruhigende Lage in der Ostukraine

Stand: 17.02.2022 19:38 Uhr

Aus der Ostukraine gibt es Berichte über zahlreiche Verstöße gegen die Waffenruhe, auch ein Kindergarten wurde offenbar von Granaten getroffen. Separatisten und Armee beschuldigen sich gegenseitig.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau

Es sind beunruhigende Nachrichten aus dem Osten der Ukraine, über die berichtet wird: Seit Mittwochvormittag meldete das Verteidigungsministerium mehr als 40 Verstöße gegen die geltende Waffenruhe. Insgesamt wurden mehrere Zivilisten und ein ukrainischer Soldat verletzt. Prorussische Separatisten hätten Dörfer beschossen.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Auch der Ort Stanitsa Luhanska in der Region Luhansk wurde von schwerer Artillerie getroffen. Granaten trafen einen Kindergarten. Durch den Einschlag wurden zwei Kindergartenmitarbeiter leicht verletzt. "Es waren 20 Kinder bei uns, Jungen und Mädchen", sagte eine blasse Mitarbeiterin im ukrainischen Fernsehsender 1+1. "Sie sind erschrocken."

Bei dem Beschuss wurde zivile Infrastruktur wie eine Gasleitung beschädigt. In rund 70 Wohnungen in Hochhäusern und fast 100 freistehenden Häusern war die Versorgung unterbrochen. Ein ukrainischer Soldat vor Ort kommentierte den Vorfall im Sender 1+1 so:

Wir können nicht von einem groß angelegten Angriff sprechen, weil der Beschuss und die verwendeten Waffen nicht ausreichen, um als Beginn einer feindlichen Offensive angesehen zu werden. Die Beschießungen haben den Charakter einer Provokation.

Einschlag im Schulhof

Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium wurde in der Region Luhansk auch das Dorf Wrubiwka beschossen. Eine der Granaten schlug im Schulhof eines Gymnasiums ein, in dem sich zu diesem Zeitpunkt 30 Schülerinnen und Schüler und mehr als zehn Mitarbeiter befanden.

Der ukrainischen Armee zufolge eröffneten prorussische Separatisten aus den besetzten Gebieten heraus auch das Feuer auf weitere Dörfer. Dabei wurden Hochspannungsleitungen, Bahnhofsgebäude und ein Lokdepot getroffen.

Das Verteidigungsministerium in Kiew erklärte, Stanitsa Luhanska und Wrubiwka seien mit Waffen beschossen worden, die laut den Minsker Vereinbarungen verboten sind. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte alle Partner auf, diese schwere Verletzung der Minsker Vereinbarungen durch Russland in der ohnehin angespannten Sicherheitslage zu verurteilen:

Das Wichtigste heute ist, für die ganze Welt festzuhalten, dass diese Granaten aus den vorübergehend eroberten Territorien der Ukraine gefeuert wurden, die heute Russland kontrolliert. Denn die russische Propaganda versucht, andere Realitäten zu schaffen und die Ukraine für diese Beschießungen zu beschuldigen. Aber wir sind sicher, dass es ihnen nicht gelingen wird.

Weiter Streit über russische Truppenbewegungen

Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte Diplomaten und OSZE-Vertreter auf, in der Region zu bleiben, und informierte die EU über die Sicherheitslage. Vertreter der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk gaben der ukrainischen Armee die Schuld an den Beschießungen.

Die Führung in Kiew bereite eine militärische Lösung der Donbass-Frage vor und habe mit Mörsern und Granatwerfern Siedlungen beschossen, auch am Stadtrand von Donzek und nahe Luhansk.

"Die Lage an der Kontaktlinie hat sich rasch zugespitzt", so Oleg Niktin von den Separatisten in Donzek in einem Telegram-Kanal. "Der Gegner unternimmt Versuche, aktive Kampfhandlungen auszulösen. Die ukrainische Seite verletzt weiterhin die Verpflichtungen zur Wahrung der Waffenruhe."

Unterdessen geht der Streit über russische Truppenbewegungen rund um die Ukraine weiter. Die Ukraine und westliche Partner bewerten den Rückzug russischer Soldaten in ihre Stützpunkte als nicht überzeugend. Aus dem Kreml hieß es hingegen, ein Rückzug brauche Zeit. Am Nachmittag wurde bekannt, dass Moskau den Vizebotschafter der USA aus Russland ausweisen will, laut Washington aus formalen Gründen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Februar 2022 um 17:05 Uhr.