Luftbild vom Kiewer Höhlenkloster Petscherska Lawra | AP

Krieg gegen die Ukraine Kreml-Propaganda aus dem Kloster?

Stand: 26.11.2022 11:20 Uhr

Die alte orthodoxe Kirche der Ukraine steht im Visier des Geheimdienstes. Obwohl sie sich im Mai offiziell von Moskau lossagte, sollen ihre Priester russische Propaganda verbreitet und die Invasionsarmee unterstützt haben.

Von Rebecca Barth, WDR, zzt. Kiew

Es ist nur ein kurzes Video, das viele Menschen in der Ukraine bewegt. Darin zu sehen sind Gläubige in einer Kirche des berühmten Kiewer Höhlenklosters. Sie singen das Lied "Mütterchen Russland erwache" - und genau das sorgt für Unmut. Der Vorwurf: Inmitten der Sehenswürdigkeit werde Kremlpropaganda verbreitet.

Prorussische Flugblätter sichergestellt

Es folgte eine Durchsuchung durch den SBU, den Geheimdienst der Ukraine. Doch um den Gesang sei es dabei gar nicht gegangen, erklärt Viktor Jahun, Generalmajor des Geheimdienstes gegenüber ukrainischen Medien. "Wir sind von den Menschen auf viele Dinge hingewiesen worden, die wir uns ansehen mussten. Das betrifft vor allem Dinge, die die Menschen sehen, wenn sie die Kirche betreten - nicht den Gesang, der vor kurzem aufgezeichnet wurde, sondern die Literatur, die dort präsentiert wird."

Denn die sei in Teilen prorussisch, teilte der SBU mit und veröffentlichte Fotos von Flugblättern. Auf Ukrainisch heißt es da: "Ein Brudervolk. Ein orthodoxer Glaube. Ein Land." oder "Politisch ist die Ukraine Ausland. Spirituell und historisch gesehen hat es sie nie gegeben. Vor Gott sind wir ein Volk."

Dazu abgedruckt: Ein Portrait des russischen Patriarchen Kyrill, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Der ist ein Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin und rechtfertigt den Krieg gegen die Ukraine als einen "heiligen Krieg". Seine Kirche stehe unter dem Einfluss des russischen Geheimdienstes FSB, sagt Petro Burkowskyj, Direktor des Kiewer Think Tanks "Demokratische Initiativen":

Durch diese Struktur versucht Russland seit über 30 Jahren, die Situation in der Ukraine zu destabilisieren, die Einheit der ukrainischen Gesellschaft zu zerstören. All dies kann man nicht mehr ignorieren, man muss sich damit beschäftigen.
Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes überprüfen die Personalien von Besucherinnen des Kiewer Höhlenklosters. | AFP

Bei einer Razzia im Höhlenkloster und zwei anderen kirchlichen Einrichtungen entdeckte der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU nach eigenen Angaben pro-russisches Propagandamaterial, Bargeld in Millionenhöhe und "dubiose" russische Staatsbürger. Bild: AFP

Bruch mit Moskau

350 Kirchengebäude und mehr als 800 Personen hat der ukrainische Geheimdienst in der vergangenen Woche überprüft - nicht nur in Kiew. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats betrachten viele nicht erst seit dem 24. Februar skeptisch. Schon vor drei Jahren hatte der damalige Präsident Petro Poroschenko sich für die Eigenständigkeit der orthodoxen Kirche der Ukraine eingesetzt.

"Für uns Ukrainer ist unsere eigene Kirche eine Garantie unserer geistigen Freiheit, sie ist eine Garantie für sozialen Frieden", sagte Poroschenko seinerzeit. "Als Präsident garantiere ich im Namen des Staates, dass die Ukraine die Religionswahl und Religionsfreiheit jedes Bürgers respektieren wird. Ich gratuliere allen, denen die Gründung der autokephalen orthodoxen Kirche der Ukraine am Herzen liegt. Und ich danke allen, die unermüdlich an ihrer Entstehung gearbeitet, Einheit geschaffen und Gerechtigkeit wiederhergestellt haben."

Verbreitung russischer Propaganda

Poroschenko warfen Kritiker politische Instrumentalisierung der Religion vor. Doch weitaus schwerer wiegt der Vorwurf gegen Russlands Kirche in der Ukraine. Die Priester des Moskauer Patriarchats hätten bereits vor acht Jahren - als Russlands Krieg gegen die Ukraine im Donbass begann - die Bevölkerung in der Ostukraine aufgestachelt.

Die Priester hätten eine einflussreiche Rolle bei der Verbreitung russischer Propaganda im Donbass gespielt, sagt Petro Dudnyk, Pfarrer in der ostukrainischen Stadt Slawjansk. "Viele orthodoxe Priester, vor allem des Moskauer Patriarchats, betreiben Gehirnwäsche in Bezug auf die sogenannte russische Welt. Sie bezeichnen die Ukrainer als Faschisten und Nazis. Das ist ein Werk der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats."

Ukrainische Kirche setzt prorussische Bischöfe ab

Die ukrainisch-orthodoxe Kirche hat am Mittwoch drei der prorussischen Propaganda beschuldigten Metropoliten ihres Amtes entbunden. Das Leitungsgremium der Kirche, der Heilige Synod, begründete die Entscheidungen allerdings nicht mit den Vorwürfen gegen sie, sondern etwa mit einer schlechten Gesundheit eines der Bischöfe.

Die bisherigen Metropoliten Elischa von Isjum und Kupjansk sowie Joseph von Romny und Buryn im Nordosten der Ukraine setzten sich laut Medienberichten in den vergangenen Monaten nach Russland ab und wurden nun in den Ruhestand versetzt.

Beim dritten des Amtes enthobenen Metropoliten, Ioasaf on Kropywnyzkyj und Nowomyrhorod im Zentrum der Ukraine, soll der Inlandsgeheimdienst Beweise für pro-russische Aktivitäten gefunden haben. Ioasaf wird jedoch weiter in der Metropolie Kiew tätig sein. Der in die Kritik geratene Leiter des Kiewer Höhlenklosters, Metropolit Pawlo, behält indes sein Amt. Über seine Absetzung war zuvor spekuliert worden.

Unterstützung für russischen Einmarsch

Formal hatte sich dieser Zweig im Mai vom Moskauer Patriarchat losgesagt. Grund war die Unterstützung von Kyrill für Russlands Einmarsch in der Ukraine. Und dennoch finden sich etliche Beispiele, in denen Priester aus Russlands Kirche in der Ukraine die russischen Besatzungstruppen unterstützt haben, erklärt der Religionswissenschaftler Dmitro Horjewoj.

Ein Priester in Borodjanka habe geholfen, Anwohner nach Belarus zu verschleppen, berichtet Horjewoj. Ein weiterer aus einem Dorf in der Region Donezk habe sich während der Besatzung für die Zusammenarbeit mit den Russen eingesetzt.

"Der Metropolit von Isjum hat die Besatzungsmacht gesegnet. Der Metropolit von Romny hat die russische Staatsbürgerschaft erhalten und ist nach Russland gereist, um dort an einem Gottesdienst teilzunehmen, bei dem für Russland, seine Armee und seine Regierung gebetet wurde." Er könne die Liste noch fortführen, aber dafür reiche die Sendezeit nicht, fügt Horjewoj hinzu.

Etwa 60 Prozent der ukrainischen Bevölkerung bekennen sich zum orthodoxen Glauben. Doch sie gehören zwei verschiedenen orthodoxen Kirchen an. Und immer mehr Menschen bekennen sich zur eigenständigen orthodoxen Kirche der Ukraine.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. November 2022 um 12:04 Uhr.