Wlodymyr Selenskyj ist auf einem Bildschirm in einem Konferenzraum zu sehen | dpa

Selenskyj zu NATO-Beitritt Trotz offener Tür kein Einlass

Stand: 15.03.2022 20:22 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenkskyj hat sich ernüchtert über die Perspektiven seines Landes gezeigt, zur NATO zu gehören. Man müsse einsehen, dass man nicht beitreten dürfe. Erneut forderte er die NATO auf, eine Flugverbotszone einzurichten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eingeräumt, dass eine NATO-Beitrittsperspektive seines Landes unwahrscheinlich ist. "Es ist klar, dass die Ukraine kein NATO-Mitglied ist, wir verstehen das", sagte Selenskyj während eines Online-Auftritts vor Vertretern der nordeuropäischen Militär-Kooperation Joint Expeditionary Force.

"Jahrelang haben wir von offenen Türen gehört, aber jetzt haben wir auch gehört, dass wir dort nicht eintreten dürfen, und das müssen wir einsehen", fügte Selenskyj hinzu. "Ich bin froh, dass unser Volk beginnt, das zu verstehen, auf sich selbst zu zählen und auf unsere Partner, die uns helfen."

Langsamer Abschied vom Verfassungsziel

Selenskyj hatte bereits in einem Interview vor einer Woche erklärt, dass er seine Haltung zu dieser Frage "schon vor einiger Zeit abgemildert" habe, da die NATO offenbar nicht bereit sei, "die Ukraine zu akzeptieren". 

Russland, das seit fast drei Wochen Krieg gegen die Ukraine führt, fordert einen "neutralen" Status des Nachbarlandes - also einen Verzicht der Ukraine auf einen NATO-Beitritt. Moskau gibt an, sich von der Erweiterung des Bündnisses Richtung Osten bedroht zu fühlen. Die Ukraine hat ihr Ziel, der NATO anzugehören, bislang in der Verfassung festgeschrieben.

Erneute Forderung nach einer Flugverbotszone

In einer Video-Ansprache vor dem kanadischen Parlament verlangte Selenskyj erneut die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine. Er forderte die NATO auf, den Luftraum zu schließen und die Bombardements damit zu beenden. "Wie viele Marschflugkörper müssen noch auf unsere Städte fallen, bevor sie das umsetzen?"

Bisher hätten ihn seine westlichen Partner als Reaktion auf diese Bitte immer nur vertröstet, sagte der ukrainische Präsident weiter. Die NATO lehnt eine Flugverbotszone ab, um nicht in einen direkten Konflikt mit Russland verwickelt zu werden.

NATO in Alarmbereitschaft

Nach Angaben von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg wurden in Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine mittlerweile mehrere Hunderttausend Soldaten aus den Bündnisstaaten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Wie der Norweger in Brüssel mitteilte, sind darunter etwa 100.000 US-Soldaten in Europa und ungefähr 40.000 Soldaten unter direktem NATO-Kommando. Unterstützt würden die Truppen von Luft- und Seestreitkräften sowie von der Luftabwehr.

Dauerhafte Verstärkung im Osten?

Darüber hinaus werde im Bündnis eine dauerhafte Verstärkung der Ostflanke erwogen, so Stoltenberg. Bei einem Verteidigungsministertreffen am morgigen Mittwoch solle eine Diskussion über die Sicherheit in allen Bereichen begonnen werden. Dazu könne gehören, substanziell mehr Streitkräfte im östlichen Teil der Allianz zu stationieren und dort mehr Ausrüstung vorzuhalten.

Zudem werde man deutlich mehr Luft- und Marineeinsätze, eine Stärkung der Luft- und Raketenabwehr sowie zusätzliche und größere Übungen in Erwägung ziehen. "Ich erwarte, dass wir die militärischen Befehlshaber der NATO damit beauftragen werden, Optionen für unseren Gipfel in Madrid im Juni zu entwickeln", sagte Stoltenberg.

Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten hatten Russlands Angriff auf die Ukraine bereits kurz nach dem Beginn als die "seit Jahrzehnten schwerwiegendste Bedrohung für die euro-atlantische Sicherheit" bezeichnet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. März 2022 um 16:00 Uhr.