Ein Panzer pro-russischer Truppen feuert in Mariupol. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine UN: Neue Evakuierung aus Mariupol angelaufen

Stand: 06.05.2022 03:45 Uhr

Laut UN hat in der belagerten ukrainischen Stadt Mariupol eine dritte Evakuierung begonnen. Auch Präsident Selenskyj bestätigte das Unterfangen. Derweil berichtet Kiew, die russischen Truppen wollten das Stahlwerk bis Montag erobern.

Die Vereinten Nationen wollen erneut Zivilisten aus der zerbombten ukrainischen Stadt Mariupol und deren Umgebung in Sicherheit bringen. Eine neue Operation sei angelaufen, sagte ein Sprecher des UN-Nothilfeprogramms, Saviano Abreu, der Nachrichtenagentur AP. Man arbeite dabei mit den Konfliktparteien und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zusammen.

Weitere Informationen werde es erst geben, wenn die Situation das erlaube, sagte Abreu weiter. Wie viele Menschen in Sicherheit gebracht werden sollen und ob darunter auch Leute sind, die im Azovstal-Stahlwerk ausharren, wollte Abreu nicht sagen.

UN-Generalsekretär António Guterres bestätigte im Sicherheitsrat den Beginn einer dritten Evakuierungsaktion. Der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, Martin Griffiths, ergänzte, dass es das Ziel sei, weitere Zivilisten aus Mariupol und der Azovstal-Anlage zu holen. Am Wochenende waren laut Guterres bei der ersten Evakuierungsaktion 101 Menschen aus dem Stahlwerk sowie 59 weitere aus umliegenden Gebieten in Sicherheit gebracht worden. Der Einsatz endete demnach am Dienstag, mehr als 320 weitere Zivilisten wurden dann am Mittwoch aus Mariupol und anderen Orten in der Gegend evakuiert.

Die Evakuierungen von Zivilisten aus belagerten Gebieten wie Mariupol hatte Guterres bei jüngsten Treffen mit den Präsidenten der Ukraine und Russlands ausgehandelt. Er hoffe, dass die anhaltende Kooperation mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und den Regierungen in Kiew und Moskau zu weiteren Feuerpausen zu humanitären Zwecken führen werde, damit Zivilisten sicheres Geleit bekämen und Hilfe die besonders Bedürftigen erreiche, sagte der UN-Generalsekretär.

Selenskyj: Evakuierung aus Mariupol hält an

Die Evakuierung von Zivilisten aus Mariupol hält nach Worten des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an. In seiner Videoansprache sagt Selenskyj jedoch nicht, wie viele Menschen die belagerte Stadt am Donnerstag verlassen konnten.

Die russischen Streitkräfte griffen weiterhin das Stahlwerk Asowstal in Mariupol an, wo sich ukrainische Zivilisten und Soldaten aufhielten. Man werde alles unternehmen, um eine Lösung zu finden und die eingekesselten Soldaten dort zu retten.

Kiew: Russen wollen Azovstal bis zum 9. Mai erobern

Russland will nach Einschätzung der ukrainischen Regierung das belagerte Stahlwerk in der Hafenstadt Mariupol bis Montag erobern. Präsident Wolodymyr Selenskyjs Berater Olexij Arestowytsch sagte am Abend, das Azowstal-Werk solle zum 77. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland am 9. Mai erobert werden. "Das schönste Geschenk an einen Herrscher ist der Kopf seines Gegners. Ich erkenne klar das Bestreben, Azowstal zu erobern und Putin zum 9. Mai den 'Sieg' zu schenken", wurde er von der Agentur Unian zitiert. "Sie wollen das unbedingt, aber mal sehen, ob ihnen das gelingt", sagte Arestowytsch.

Die schweren Angriffe auf das Gelände des Stahlwerks ließen die Absichten des russischen Militärs klar erkennen. Zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, der in Russland am 9. Mai gefeiert wird, ist in Moskau am Montag eine große Militärparade geplant. Präsident Wladimir Putin wird eine Rede halten.

Sanitäter aus Mariupol bittet Erdogan um Unterstützung

Ein Sanitäter aus dem belagerten Werk Azowstal bat derweil den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan um Unterstützung. "Beenden Sie diesen Alptraum", bat der Mann, der sich als muslimischer Krim-Tatare mit dem Namen Hassan zu erkennen gab, in einer am Abend veröffentlichten Videobotschaft. "Hier sterben Menschen, die einen durch Kugeln, die anderen vor Hunger, die Verwundeten aus Mangel an Medikamenten, unter schrecklichen Bedingungen."

Er bat den türkischen Staatschef um Vermittlung in dem Konflikt, um Überwachung der Evakuierung der Menschen aus dem Werk, auch von ukrainischen Militärs. "Uns bleibt keine Zeit, ich weiß nicht, ob es noch ein morgen gibt", sagte der Mann, der vor dem Krieg Medizin studiert hatte und nun im Lazarett des Stahlwerks im Einsatz ist.

Er habe vor dem Krieg als Sanitäter gearbeitet, aber noch nie den Tod gesehen, sagte Hassan. "Aber heute, im Jahr 2022, schmerzt es mich, wenn mir Menschen unter den Händen an eitrigen Wunden sterben, einfach weil es keine Antibiotika gibt."

Pentagon: Gros der russischen Truppen hat Mariupol verlassen

Die meisten russischen Truppen haben das belagerte südukrainische Mariupol nach Einschätzung des Pentagons unterdessen inzwischen in Richtung Norden verlassen. In der Hafenstadt verblieben seien noch rund 2000 russische Soldaten, was zwei taktischen Bataillonsgruppen entspreche, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby.

Trotz anhaltender russischer Luftangriffe auf Mariupol machten Moskaus Truppen allenfalls "tapsende" Fortschritte, zumal sich die Hauptkämpfe auf den Donbass im Osten der Ukraine konzentrierten. Vor dem 9. Mai könne das Pentagon keine Veränderung im russischen Vorgehen oder eine andere Dynamik erkennen, sagte Kirby mit Blick auf den 77. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland.

Die USA gingen davon aus, dass Russland hinter dem Zeitplan für die Invasion liege und im Donbass nicht die vom Kreml erhofften Fortschritte erziele, ergänzte Kirby.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.