Auf einem Feld bei Grebeni, Ukraine blühen Sonnenblumen. | REUTERS

Krieg in der Ukraine Europas Angst vor Lebensmittelknappheit

Stand: 21.03.2022 17:05 Uhr

Ob Weizen oder Sonnenblumenöl: Die Angst vor Exportausfällen aus der Ukraine ist groß. Die EU-Landwirtschaftsminister wollen künftig mehr in Europa produzieren - auch auf Kosten der Umwelt.

Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Auf dem Spiel steht nicht weniger als der "Green Deal" in der Europäischen Landwirtschaft - jedenfalls hört man das aus den Reihen der Grünen im Europaparlament. Grund ist die Sorge vor einer sich zuspitzenden Versorgungslage mit Lebensmitteln, vor allem mit Weizen und Protein-Erzeugnissen wie Soja oder Sonnenblumenöl.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Denn die Ukraine ist ein global wichtiger Exporteur für diese landwirtschaftlichen Produkte. Der Krieg dort zerstört nicht nur an vielen Orten Anbau und Ernte. Er zerstört auch die Transportwege: Straßen, Häfen, Eisenbahnstrecken. Um bis zu zwei Drittel niedriger, so die Befürchtung, könnten die ukrainischen Erträge in diesem Jahr ausfallen.

Angst vor weltweiter Lebensmittelknappheit

Nahrungsmittelengpässe könnten folgen. Und das nicht nur in der Ukraine selbst: "Wir sehen, dass wir sehr stark abhängig sind - und ich glaube, dass Europa sehr gut beraten wäre, auch wieder mehr selbst zu produzieren. Aber dieses Jahr wird auf jeden Fall ein sehr schwieriges werden für die Landwirtschaft und damit eben auch für die Lebensmittelversorgung in Europa", sagt Elisabeth Köstinger, österreichische Landwirtschaftsministerin.

Die EU-Landwirtschaft hängt vor allem von Soja aus der Ukraine ab, das hier vor allem für die Fleischproduktion verwendet wird, in der Tiermast. Der Weizen aus der Ukraine wird vor allem nach Nordafrika oder in asiatische Länder geliefert. Dort befürchtet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen tatsächlich Hungersnöte.

Mehr Produktion in Europa

Deshalb wollen viele EU-Landwirtschaftsminister alles daran setzen, um die Produktion innerhalb Europas zu erhöhen. Die EU-Kommission schlägt vor, Brachflächen zu reaktivieren oder solche, die bisher für ökologische Landwirtschaft reserviert waren. Außerdem soll es 1,5 Milliarden Euro zusätzliche Fördermittel geben, um verstärkt Raps und Soja in Europa anzubauen.

Und: Die Mitgliedsstaaten sollen Düngemittel subventionieren dürfen. Kritik, dass auf diese Weise jeder nachhaltige und ökologische Ansatz in der europäischen Landwirtschaft zerstört werde, lässt Julian de Normandie, Frankreichs Agrarminister, nicht gelten: "Wir müssen jetzt auf einmal und im selben Moment unsere Lebensmittelversorgung sicherstellen, das was wir produzieren wollen und bisher produzieren - und zugleich unsere Unabhängigkeit bei der Nahrungsmittelproduktion", sagt er. Denn die Abhängigkeit spürten manche Mitgliedsstaaten ganz besonders - und genau darum ginge es.

Auf Kosten der Umwelt

Die Bundesregierung drängt darauf, trotz der schwierigen Situation am grundsätzlichen Kurs zu einer ökologischeren Landwirtschaft festzuhalten. Doch im Moment scheint das für die meisten der 27 EU-Staaten nicht das wichtigste Ziel zu sein. Vielen kommt es darauf an, jetzt mehr produzieren zu können - ob in Europa selbst nun eine Nahrungsmittelknappheit droht oder nicht.

Er glaube nicht, dass man in der EU in eine solche Situation hinein gerate durch den Krieg, so der dänische Landwirtschaftsminister Rasmus Prehn. Aber: Die Preise werden seiner Einschätzung nach massiv steigen - weshalb man den Lebensmittelmarkt aber nicht stärker regulieren dürfe.

Die Diskussion über die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung und die Konsequenzen für die Landwirtschaft in Europa dürfte jetzt erst richtig beginnen. Aus dem deutschen Bauernverband hieß es schließlich schon: In diesem Jahr sei alles sicher, was ab 2023 komme, könne allerdings niemand vorhersagen. Mit anderen Worten: Dann könnte sich das auch ändern

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. März 2022 um 08:48 Uhr.