Kernkraftwerk Piwdennoukrainsk  | REUTERS

Anlage in der Südukraine Raketenangriff nahe weiterem AKW

Stand: 19.09.2022 15:55 Uhr

Neben Saporischschja ist offenbar noch ein weiteres ukrainisches Atomkraftwerk in Gefahr, durch Kampfhandlungen beschädigt zu werden: das AKW Südukraine. Präsident Selenskyj zufolge schlug in der Nähe eine russische Rakete ein.

In der Nähe des Atomkraftwerks Südukraine ist nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj eine russische Rakete eingeschlagen. Er warf Moskau die Gefährdung der ganzen Welt vor. "Wir müssen es stoppen, solange es nicht zu spät ist", schrieb er in den sozialen Netzwerken.

Das AKW Südukraine liegt knapp dreihundert Kilometer südlich der Hauptstadt Kiew. In Betrieb befinden sich drei Reaktoren mit einer Nettoleistung von 2850 Megawatt. Auch der staatliche ukrainische Atomkraftwerksbetreiber Enerhoatom berichtete von einem Raketenangriff auf das Industriegelände beim AKW. Dabei seien drei Hochspannungsleitungen und eine Anlage des nahen Wasserkraftwerks beschädigt worden. In dem AKW-Gebäude selbst seien mehr als 100 Fenster durch die Druckwelle zerstört worden. Der Konzern veröffentlichte Fotos von einem Krater mit vier Metern Durchmesser und zwei Metern Tiefe.

Zuvor hatte bereits über mehrere Wochen der Beschuss von Anlagen des russisch besetzten Kernkraftwerks Saporischschja international Besorgnis vor einer Atomkatastrophe ausgelöst. Das AKW Südukraine ist zwar unter Regierungskontrolle. Doch hatte Enerhoatom mehrfach auf die Gefahr durch überfliegende russische Raketen hingewiesen.

Separatisten melden ebenfalls Angriff

Die von Russland unterstützten Separatisten in der selbsternannten Volksrepublik Donezk im Osten des Landes warfen der Ukraine unterdessen einen Angriff mit 13 Todesopfern vor. Bei dem "Vergeltungsangriff" im Stadtviertel Kuibyschewskyj im Westen der Stadt Donezk seien "nach anfänglichen Informationen" 13 Zivilisten getötet worden, berichteten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Äußerungen des von Moskau unterstützten Bürgermeisters der Stadt, Alexej Kemsulin. 

Die Zahl der Verletzten müsse noch festgestellt werden, erklärte Kemsulin demnach. "Neun Geschosse mit einem Kaliber von 155 Millimetern" seien aus dem rund 15 Kilometer Luftlinie von Donezk entfernten Dorf Netailowe auf die Stadt abgefeuert worden. Kemsulin rief die Bevölkerung auf, "das Haus nur zu verlassen, wenn es absolut notwendig ist". 

Neue Offensive der Ukraine angekündigt

Selenskyj kündigte wiederum eine neue Offensive an. "Vielleicht erscheint es irgendjemandem unter Ihnen so, dass nach einer Reihe von Siegen Stille eingetreten ist, doch das ist keine Stille", sagte Selenskyj am Sonntag in seiner täglichen Videoansprache. Vielmehr sei es die Vorbereitung auf die nächste Offensive, deren Ziel die Rückeroberung von Mariupol, Melitopol und Cherson sei.

Das ukrainische Militär konnte nach eigenen Angaben am Fluss Oskil Truppenteile übersetzen und damit einen Brückenkopf gen Osten bilden - also eine militärische Stellung auf feindlichem Territorium. "Die ukrainischen Streitkräfte haben den Oskil überwunden. Seit gestern kontrolliert die Ukraine auch das linke Ufer", teilte die Pressestelle der ukrainischen Streitkräfte per Video auf ihrem Telegram-Kanal mit.

Nach Angaben Selenskyjs wird sich die Ukraine dabei nicht nur auf die Gebiete konzentrieren, die es vor dem russischen Überfall im Februar kontrollierte. Auch die Territorien der von Moskau unterstützten Separatisten im Osten des Landes und Städte auf der seit 2014 von Russland annektierten Krim würden zurückerobert, kündigte der 44-Jährige an. "Denn die gesamte Ukraine muss frei sein."

Kiew schließt Verhandlungen aktuell aus

Russland hatte nach seinem Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar große Gebiete im Süden und Osten des Landes erobert. Derzeit hält Moskau immer noch rund 125.000 Quadratkilometer besetzt - das ist etwa ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebietes inklusive der Halbinsel Krim.

Kiew schloss Verhandlungen und ein Treffen von Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Selenskyj zum jetzigen Zeitpunkt aus. "Kurz gesagt, der Verhandlungsprozess an sich und ein persönliches Treffen der Präsidenten ergeben derzeit keinen Sinn", sagte der externe Berater des ukrainischen Präsidentenbürochefs, Mychajlo Podoljak, ukrainischen Medien zufolge.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/18.09.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/18.09.2022

Podoljak nannte drei Gründe, warum Gespräche in dieser Phase zwecklos seien: Erstens werde Russland dabei versuchen, Geländegewinne festzuhalten und zu legitimieren. Zweitens diene das Festhalten des Status quo Russland nur als Atempause, um dann die Angriffe auf der neuen Linie fortsetzen zu können. Und drittens müsse Russland für die auf ukrainischem Terrain begangenen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.

Verhandlungen seien also erst möglich, wenn sich die russischen Truppen von ukrainischem Gebiet zurückgezogen hätten. Dann könne über die Höhe der Reparationszahlungen und die Herausgabe von Kriegsverbrechern verhandelt werden, sagte Podoljak.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 19. September 2022 um 06:07 Uhr.