Ein Feuerwehrmann rennt, nachdem ein russischer Luftangriff den Hauptfernsehturm in Kiew getroffen hat. | AFP

Russische Offensive Offenbar Tote bei Angriff auf Kiewer Fernsehturm

Stand: 01.03.2022 19:59 Uhr

Bei einem russischen Angriff soll der Fernsehturm in der ukrainischen Hauptstadt Kiew getroffen worden sein - Berichten zufolge wurden fünf Menschen getötet. Auch in Charkiw gab es offenbar weitere Opfer.

Russische Truppen haben nach ukrainischen Angaben den Fernsehturm in der Hauptstadt Kiew beschossen. Behörden zufolge wurden fünf Menschen getötet und fünf weitere verletzt. Ein Kontrollraum und ein Umspannwerk seien getroffen worden. Örtlichen Medienberichten zufolge gab es mehrere Explosionen. Ukrainische Fernsehsender stellten die Sendungen ein.

Das ukrainische Parlament postete ein Foto, das den in Rauchschwaden gehüllten Turm zeigte. Er befindet sich in der Nähe zahlreicher Wohnblöcke. Die Struktur des Fernsehturms sei intakt geblieben, so das Innenministerium.

Der Fernsehturm steht in der Nähe der Schlucht von Babyn Jar und der Gedenkstätte für ein dort von der Wehrmacht verübtes Massaker an jüdischen Ukrainern im Zweiten Weltkrieg. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der selbst Jude ist, prangerte an, dass die Welt schweige, während Bomben auf Babyn Jar fallen. "Wieder einmal ermorden diese Barbaren die Opfer des Holocausts", schrieb er auf Twitter.

"Massenpanik und zerstörte Infrastruktur"

Einem Berater Selenskyjs zufolge nimmt Russland bewusst Wohngebiete und Innenstädte unter Beschuss. "Russlands Ziel ist klar - Massenpanik, zivile Opfer und zerstörte Infrastruktur", sagte Mychailo Podoljak.

Das streitet Russland vehement ab. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu warf der Ukraine laut der Agentur Interfax seinerseits vor, Zivilisten als Schutzschilder zu benutzen.

Klitschko: "Werden nicht aufgeben"

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko bezeichnete die Lage als "bedrohlich". "Der Feind will das Herz unseres Landes erobern. Aber wir werden kämpfen und Kiew nicht aufgeben", schrieb er im Nachrichtenkanal Telegram. Er warnte zugleich vor Panik und Falschinformationen.

ARD-Korrespondent Demian von Osten sagte, mit der Zerstörung des Fernsehturms wolle man die ukrainische Berichterstattung unterbinden. Vermutlich plane Russland, Kommunikationsfahrzeuge heranzuschaffen, um pro-russische Kanäle und pro-russische Propaganda-Informationen zu verbreiten. Diese Strategie sei bereits von der Krim-Annexion bekannt.

Zuvor waren Befürchtungen gewachsen, dass die russischen Angriffe auf die Hauptstadt Kiew vor einer neuen Eskalation stehen könnten. Am Montag aufgenommene Satellitenbilder zeigten einen 60 Kilometer langen russischen Militärkonvoi nordwestlich der Hauptstadt.

Militärkommandant für Kiew eingesetzt

Präsident Wolodymyr Selenskyj setzte für die Hauptstadt einen Militärkommandanten ein. "Vitali Klitschko bleibt Bürgermeister von Kiew, er wird seinen Verantwortungsbereich haben", sagte das Staatsoberhaupt in einer Videobotschaft.

Das russische Militär verstärkt nach ukrainischen Angaben auch seine Angriffe auf weitere Städte im Land. So gab es in der zweitgrößten Stadt, Charkiw, am Morgen eine schwere Explosion. Das Außenministerium veröffentlichte bei Twitter ein Video, das einen Raketeneinschlag direkt auf dem zentralen Freiheitsplatz zeigt.

Wie das Innenministerium erklärte, wurden mindestens zehn Menschen getötet und 35 verletzt. Selenskyj nannte den Angriff "Staatsterrorismus".

Kontrolle am Asowschen Meer

Zuvor hatte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, erklärt, die Armee habe "die Kontrolle über die Regionen der Ukraine entlang der Küste des Asowschen Meeres übernommen".

Streitkräfte, die aus der 2014 von Russland annektierten Krim-Halbinsel die Küste entlang vorrückten, seien bis zu den Truppen der pro-russischen Separatisten aus Donezk vorgestoßen.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

Damit hätte Russland eine Landverbindung zwischen seinem Kernland und der Halbinsel Krim geschaffen. Die Angaben waren nicht unmittelbar überprüfbar. Die ukrainische Armee hatte noch kurz zuvor vermeldet, sie habe diesen Truppenzusammenschluss verhindern können.

Am Montag hatten russische Streitkräfte die Hafenstadt Berdjansk eingenommen, die etwa in der Mitte des ukrainischen Küstenstreifens liegt.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

In der Küstenregion am Asowschen Meer liegen mehrere wichtige Großstädte, darunter die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol. Nach einer Offensive war dort am Morgen die Stromversorgung ausgefallen. Es wurde heftiger Beschuss der Stadt gemeldet. Dabei seien Infrastruktur sowie Schulen und Häuser zerstört worden, sagte Bürgermeister Wadym Boitschenko. "Es gibt viele Verletzte. Es wurden Frauen und Kinder getötet."

Ein Satellitenbild des US-Anbieter Maxar zeigt offenbar eine Kolonne aus russischen Fahrzeugen auf dem Weg nach Kiew | dpa

Ein Satellitenbild des US-Firma Maxar Bild: dpa

Eduard Bassurin, Kommandeur der separatistischen Kräfte aus Donezk, erklärte, sein Ziel sei es, Mariupol "vollständig" einzukreisen.

Der ukrainische Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kirilenko, berichtete, die Stadt Wolnowacha, eine Autostunde nördlich von Mariupol, sei weitgehend "zerstört" worden.

Unklare Angaben zu Opfern

Nach Angaben des Regionsverwalters, Dmytro Schywyzkyj, wurden auf einem Militärstützpunkt in Ochtyrka, zwischen Charkiw und Kiew, mehr als 70 ukrainische Soldaten durch russisches Geschützfeuer getötet. Später schrieb Schywyzkyj auf Facebook, bei Kämpfen am Sonntag seien viele russische Soldaten und Einwohner getötet worden. Für die Angaben gibt es keine unabhängige Bestätigung.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Beginn der russischen Invasion insgesamt 136 Zivilisten getötet und 400 verletzt - die tatsächlichen Zahlen seien aber vermutlich "erheblich" höher. Die ukrainische Regierung berichtete indessen von 352 getöteten Zivilisten und 2040 Verletzten.

Unabhängig überprüfen ließen sich die Berichte nicht. Zudem gibt es keine verlässlichen Angaben über Verluste der russischen Streitkräfte, da die Regierung in Moskau keine Zahlen vorlegt. Ukrainischen Angaben zufolge verloren die Russen bislang 5710 Soldaten, 29 Flugzeuge und 198 Panzer.

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als 660.000 Menschen seit Beginn der Invasion die Ukraine in Richtung Nachbarländer verlassen. In Polen sind davon laut Außenminister Zbigniew Rau bislang rund 400.000 Menschen angekommen. Die EU-Staaten haben angekündigt, alle Flüchtlinge aufnehmen zu wollen.

Mit Informationen von Palina Milling, ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. März 2022 um 12:00 Uhr.