Ein ausgebranntes Militärfahrzeug steht vor Wohnhäusern. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Heftige Kämpfe in Großstadt Charkiw

Stand: 28.02.2022 18:33 Uhr

Die Ukraine meldet heftigen Beschuss der Stadt Charkiw. Elf Zivilisten seien dort getötet worden. Der Vorstoß der russischen Truppen auf Kiew hat sich offenbar verlangsamt, sie nahmen aber zwei Städte im Südosten ein.

Bei Raketenangriffen russischer Streitkräfte auf Wohnviertel der ukrainischen Stadt Charkiw sind örtlichen Behörden zufolge mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. Dutzende Menschen seien zudem verletzt worden, sagt der Leiter der Regionalverwaltung, Oleg Synegubow. "Es ist ein Verbrechen", fügt er hinzu.

"Keine Stellungen der Armee in Charkiw"

Die nordöstliche Stadt, die zweitgrößte der Ukraine, ist zu einem der wichtigsten Schlachtfelder seit der russischen Invasion geworden. Synegubow zufolge hat die russische Artillerie Wohngebiete von Charkiw beschossen, in denen es weder Stellungen der ukrainischen Armee noch strategische Infrastruktur gebe. "Das passiert tagsüber, wenn die Leute in die Apotheke gehen, Lebensmittel kaufen oder Wasser getrunken haben."

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Es war nicht sofort möglich, die Opferzahlen unabhängig zu überprüfen. Zuvor hatte der frühere Berater des Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, von Dutzende Toten in Charkiw gesprochen.

Russland dagegen behauptete, die ukrainischen "Nationalisten" würden die von russischen Truppen umstellten Städte selber beschießen.

Unmittelbar dem Ende der ersten Runde der Verhandlungen zwischen Ukraine und Russland, die am Nachmittag ohne Ergebnis zu Ende gegangen war, meldeten die Nachrichtenagentur Unian und andere Medien mindestens drei weitere Einschläge in Charkiw sowie zwei große Explosionen in Kiew. Auch in anderen Gebietshauptstädten wurde Luftalarm ausgelöst.

Aus Kiew waren zuvor schon mehrere Explosionen gemeldet worden. Im Norden Kiews habe die russische Armee versucht, eine Pontonbrücke zu bauen, um den Fluss Irpin zu überqueren, schrieb der ukrainische Generalstab auf Facebook. Ein weiterer Versuch, die gleichnamige Stadt Irpin kurz vor Kiew zu erobern, sei erfolglos gewesen.

"Besatzer haben Tempo verringert"

Nach Angaben Großbritanniens, der USA sowie der Ukraine hat sich der Vormarsch der russischen Armee in der Ukraine verlangsamt. "Die russischen Besatzer haben das Tempo der Offensive verringert, versuchen aber immer noch, in einigen Gebieten Erfolge zu erzielen", teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte mit.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands.

Zuvor hatte bereits das US-Verteidigungsministeriums erklärt, dass der russische Vormarsch von heftiger Gegenwehr der Ukrainer gebremst worden sei. "Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Ministeriums in einem Briefing für Journalisten. "Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen." Man beobachte zudem "Treibstoff- und Logistikengpässe" der russischen Truppen, hieß es.

Auch das britische Verteidigungsministerium erklärte auf Basis neuer Geheimdienstinformationen, der Vorstoß der russischen Truppen auf Kiew habe sich wegen des starken Widerstands der ukrainischen Streitkräfte und logistischer Probleme verlangsamt. Der Großteil der russischen Bodentruppen befinde sich weiterhin rund 30 Kilometer vor Kiew. Auch der strategisch wichtige Flughafen Hostomel werde weiter von ukrainischen Soldaten gehalten.

Ukraine widerspricht Einnahme von Kernkraftwerk

Russische Truppen eroberten nach Angaben aus Moskau jedoch die ukrainischen Städte Berdjansk und Enerhodar im Südosten des Landes. Sie stünden unter russischer Kontrolle, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit. Die Einnahme von Berdjansk am Asowschen Meer wurde von ukrainischer Seite bestätigt. Die Stadt liegt auf dem Weg von der von Russland annektierten Krim zur umkämpften Hafenmetropole Mariupol. Diese wiederum gilt als ein Hauptziel der russischen Kräfte.

Die Ukraine bestritt die russische Aussage, man habe auch das Kernkraftwerk in Saporischschja im Süden des Landes unter Kontrolle gebracht. Es ist das größte Atomkraftwerk Europas.

"Wir lassen Euch nicht durch"

In der ukrainischen Kleinstadt Dniprorudne im Süden des Landes stellten sich offenbar mehrere Menschen unbewaffnet einer russischen Militärkolonne mit Panzern entgegen. Das zeigen mehrere Aufnahmen vom Rand von Dniprorudne, die in sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden.

Zu sehen ist darin der Bürgermeister der Stadt, Jewhenij Matwejew, der nach vorn läuft und mit den Fahrern der vordersten Panzers spricht. Die Männer im Hintergrund rufen "Geht nach Hause!" oder "Wir lassen Euch nicht durch". Nach einem kurzen Gespräch mit dem Bürgermeister drehen die Panzer um.

Ostukraine: Separatisten setzen Mobilmachung aus

Die Separatisten in der ostukrainischen Region Donezk setzten nach eigenen Angaben die Mobilmachung derweil aus. Die erforderlichen Gebiete seien inzwischen besetzt worden, sagte der Chef der selbst ernannten "Volksrepublik", Denis Puschilin, im russischen Staatsfernsehen. Das habe man mit dem Aufruf zum Kampf erreichen wollen.

Die Aufständischen in den Gebieten Luhansk und Donezk haben bei den Kämpfen in den vergangenen Tagen mit Unterstützung russischer Streitkräfte von den ukrainischen Streitkräften kontrollierte Gebiete erobert.

UN: Zivile Todesopfer vor allem durch Raketenangriffe

Nach Angaben der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, sind in dem Krieg bislang 102 Zivilpersonen getötet und 304 verletzt worden. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber "erheblich höher" sein, sagte Bachelet. Die meisten Todesopfer seien bei Raketenangriffen zu verzeichnen gewesen.

Russland hatte wiederholt versichert, dass seine Truppen lediglich ukrainische Militäranlagen ins Visier nähmen. Die ukrainische Zivilbevölkerung sei nicht in Gefahr. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow machte zudem die Ukraine selbst für den Beschuss von Wohngebieten im eigenen Land verantwortlich. Ukrainische "Nationalisten" würden Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen und Waffen in Wohngebieten stationieren. Russland habe nie gezielt auf Wohngebiete geschossen, so Peskow. Unabhängig konnten seine Angaben nicht überprüft werden.

Erstmals räumte das russische Verteidigungsministerium aber ein, dass es Tote und Verletzte unter seinen Soldaten gebe. Zudem seien "einige wenige" russische Soldaten gefangen genommen worden. Genaue Zahlen wurden nicht genannt.

Nach Angaben der ukrainischen Armee sollen auf russischer Seite seit Beginn des Krieges etwa 4500 Soldaten getötet worden sein. Außerdem seien Hubschrauber, Panzer und weitere militärische Fahrzeuge zerstört worden, erklärte der ukrainische Generalstab.

Amnesty wirft Russland Streubomben-Einsatz vor

Am Sonntag hatte Amnesty International Russland den Einsatz von Streubomben in der Ukraine vorgeworfen. Wie die Menschenrechtsorganisation mitteilte, wurden bei einem Angriff auf einen Kindergarten in der Stadt Ochtyrka im Nordosten der Ukraine drei Zivilisten durch Streumunition getötet, darunter ein Kind. Ein weiteres Kind sei verletzt worden. Der Angriff solle als "Kriegsverbrechen" untersucht werden, forderte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard.

Die Organisation beruft sich auf Videoaufnahmen von Drohnen vom Angriffsort, die zeigen sollen, "wie Streumunition mindestens sieben Orte in und um das Gebäude trifft". Amnesty erhielt nach eigenen Angaben zudem 65 Fotos und Videos von einer lokalen Quelle. Alles deute darauf hin, dass Russland für den Einsatz dieser international geächteten Waffe verantwortlich sei, so Amnesty.

Belarus vor möglichem Kriegseintritt

Nach US-Geheimdienstinformationen könnte sich Belarus noch heute am russischen Angriff beteiligen. Die Entscheidung des Staatschefs Alexander Lukaschenko hänge vom Ausgang der Gespräche zwischen Russland und der Ukraine ab, sagte ein hoher US-Geheimdienstbeamter.

Die Gespräche sind unterdessen ohne einen Durchbruch zu Ende gegangen. "Wir reisen zu Beratungen in die Hauptstädte zurück", sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak vor Journalisten. Details nannte er nicht.

Beide Seiten hätten eine Reihe von Hauptthemen festgelegt, bei denen "bestimmte Entscheidungen" getroffen werden müssten. Das Treffen dauerte etwa sechs Stunden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Februar 2022 um 17:00 Uhr.