Eine Person geht an einer leeren Straße in Kiew entlang. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Kiew hält russischer Offensive Stand

Stand: 28.02.2022 10:38 Uhr

Die russische Armee hat sich auch in der Nacht schwere Gefechte mit ukrainischen Truppen geliefert. In Kiew und Charkiw soll es mehrere Explosionen gegeben haben. Doch nach US-Angaben stockt der russische Vormarsch.

Die russische Offensive gegen die ukrainische Hauptstadt Kiew wird nach Angaben des ukrainischen Militärs fortgesetzt. In den Metropolen Kiew und Charkiw kam es nach Angaben des staatlichen Informationsdienstes der Ukraine zu mehreren Explosionen. Zuvor sei es in der Hauptstadt Kiew mehrere Stunden lang ruhig gewesen, hieß es.

Im Norden Kiews habe die russische Armee versucht, eine Pontonbrücke zu bauen, um den Fluss Irpin zu überqueren, schrieb der ukrainische Generalstab auf Facebook. Ein weiterer Versuch, die Stadt Irpin kurz vor Kiew zu erobern, sei erfolglos gewesen.

Das US-Unternehmen Maxar, das sich auf hochauflösende Satellitenbilder spezialisiert hat, meldete, ein kilometerlanger russischer Konvoi bestehend aus Truppen, Panzern und Versorgungsfahrzeugen bewege sich auf Kiew zu.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Menschen in Kiew sollen weiter zuhause bleiben

Die Kiewer Stadtverwaltung rief die Menschen dazu auf, ihre Häuser nur in dringenden Fällen zu verlassen. Straßenkämpfe fänden weiterhin in praktisch allen Bezirken der Stadt statt.

Insgesamt sei die Nacht verhältnismäßig ruhig verlaufen, abgesehen von einigen Gefechten und Kämpfen mit Sabotage- und Aufklärungsgruppen, erklärte die Verwaltung weiter. Die Stadt sei hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich weiter auf ihre Verteidigung vorzubereiten. Sollten die Menschen also das Haus verlassen, sähen sie neue Befestigungen, Panzerfallen und andere Verteidigungsstrukturen.

Geschäfte und öffentlicher Verkehr öffneten, allerdings verkehrten die U-Bahn-Züge seltener als gewöhnlich. Es gelte weiter eine Ausgangssperre von 22.00 Uhr bis 7.00 Uhr. Die Behörde rief zudem dazu auf, sich um Nachbarinnen und Nachbarn zu kümmern - vor allem Ältere oder jene, deren Verwandte das Land verteidigten. Gebeten wurde außerdem darum, ein Auge auf Wohnungen zu halten, deren Bewohnerinnen und Bewohner die Stadt verlassen hätten, um Plünderungen zu vermeiden.

Klitschko hofft auf Unterstützung

Der Vorstoß der russischen Truppen auf Kiew habe sich wegen des starken Widerstands der ukrainischen Streitkräfte und logistischer Probleme verlangsamt, erklärte das britische Verteidigungsministerium auf Basis neuer Geheimdienstinformationen. Der Großteil der russischen Bodentruppen befinde sich weiterhin rund 30 Kilometer vor Kiew. Auch der strategisch wichtige Flughafen Hostomel werde weiter von ukrainische Soldaten gehalten.

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko lobte die Moral der Bürgerinnen und Bürger, sorgte sich aber zugleich, wie lange sie durchhalten könnten. Männer wie Frauen, die Kiew verteidigen wollten, hätten sich Waffen an eigens eingerichteten Verteilstationen abgeholt, sagte er. Zugleich stehe die Stadt am Rande einer humanitären Katastrophe. Es gebe zwar noch Strom, Wasser und Heizung in den Wohnungen, sagte Klitschko. "Aber die Infrastruktur ist zerstört, um Lebensmittel und Medikamente auszuliefern."

UN: Zivile Todesopfer vor allem durch Raketenangriffe

In Kiew seien bisher neun Zivilpersonen getötet worden, darunter ein Kind, erklärte Klitschko. Das ukrainische Innenministerium meldete 352 getötete Zivilisten im ganzen Land, darunter 14 Kinder. 1684 Menschen seien verwundet, darunter 116 Kinder.

Nach Angaben der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, sind bislang 102 Zivilpersonen getötet und 304 verletzt worden. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber "erheblich höher" sein, sagte Bachelet. Die meisten Todesopfer seien bei Raketenangriffen zu verzeichnen gewesen.

Ukrainische Armee: 4500 tote russische Soldaten

Russland hatte wiederholt versichert, dass seine Truppen lediglich ukrainische Militäranlagen ins Visier nähmen. Die ukrainische Zivilbevölkerung sei nicht in Gefahr.

Erstmals räumte das russische Verteidigungsministerium aber ein, dass es Tote und Verletzte unter seinen Soldaten gebe. Zudem seien "einige wenige" russische Soldaten gefangen genommen worden. Genaue Zahlen wurden nicht genannt.

Nach Angaben der ukrainischen Armee sollen auf russischer Seite seit Beginn des Krieges etwa 4500 Soldaten getötet worden sein. Außerdem seien Hubschrauber, Panzer und weitere militärische Fahrzeuge zerstört worden, erklärte der ukrainische Generalstab.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

Ziele im Süden und Osten der Ukraine

Derweil sollen von der Krim aus viele Bomber und Jagdflugzeuge gestartet sein. Neben Kiew sollen die Städte Mykolajiw und Cherson im Süden sowie Charkiw im Osten zu den Zielen gehören, wie die ukrainische Agentur Unian meldete. Auch die Agentur Interfax-Ukraine berichtete, russische Truppen rückten von der südukrainischen Stadt Cherson in Richtung Mykolajiw vor, das zwischen der Hafenmetropole Odessa und der Krim an der Schwarzmeerküste liegt.

In der ukrainischen Großstadt Tschernihiw unweit der Grenze zu Belarus soll eine Rakete ein Wohnhaus getroffen haben. Dadurch sei ein Feuer ausgebrochen, wie der staatliche Informationsdienst der Ukraine auf Telegram schrieb. Angaben zu Verletzten gab es zunächst nicht.

Ukraine widerspricht Einnahme von Kernkraftwerk

Die Ukraine bestritt die russische Aussage, man habe das Kernkraftwerk in Saporischschja im Süden des Landes unter Kontrolle gebracht. Es ist das größte Atomkraftwerk Europas.

Von Kiew bestätigt wurde hingegen die russische Einnahme der südukrainischen Stadt Berdjansk am Asowschen Meer. Die Stadt liegt auf dem Weg von der von Russland annektierten Krim zur umkämpften Hafenmetropole Mariupol. Diese wiederum gilt als ein Hauptziel der russischen Kräfte.

Ostukraine: Separatisten setzen Mobilmachung aus

Die Separatisten in der ostukrainischen Region Donezk setzten nach eigenen Angaben die Mobilmachung aus. Die erforderlichen Gebiete seien inzwischen besetzt worden, sagte der Chef der selbst ernannten "Volksrepublik", Denis Puschilin, im russischen Staatsfernsehen. Das habe man mit dem Aufruf zum Kampf erreichen wollen.

Die Aufständischen in den Gebieten Luhansk und Donezk haben bei den Kämpfen in den vergangenen Tagen mit Unterstützung russischer Streitkräfte von den ukrainischen Streitkräften kontrollierte Gebiete erobert. Laut Puschilin wolle man sich nun auf die "humanitäre Komponente" konzentrieren.

Belarus vor möglichem Kriegseintritt

Belarus könnte sich nach US-Geheimdienstinformationen noch heute am russischen Angriff beteiligen. Die Entscheidung des Staatschefs Alexander Lukaschenko hänge vom Ausgang der Gespräche zwischen Russland und der Ukraine ab, sagte ein hoher US-Geheimdienstbeamter. Die Verhandlungen sollten in einem Ort an der belarusischen Grenze stattfinden.

Fallschirmjäger sollen indes bereits den Befehl bekommen haben, am Morgen in die Ukraine zu fliegen, berichtete die ukrainischen Agentur Unian. Sie beruft sich dabei auf Informationen der Nichtregierungsorganisation Bysol (Belarus Solidarity Foundation), die sich für Betroffene von politischen Repressionen in Belarus einsetzt. Auch dies ließ sich nicht unabhängig prüfen.

Erste Friedensgespräche erwartet

Derweil traf eine ukrainische Delegation zu Gesprächen mit russischen Vertretern an der ukrainisch-belarussischen Grenze ein. Die Gruppe werde angeführt vom Fraktionsvorsitzenden der Präsidentenpartei Sluha Narodu (Diener des Volkes), David Arachamija, teilte das Präsidialamt in Kiew mit. Zur Delegation gehörten demnach auch Verteidigungsminister Olexij Resnikow, Präsidentenberater Mychajlo Podoljak und Vize-Außenminister Mykola Totschyzkyj. Die Ukraine fordere einen "sofortigen Waffenstillstand" und den Abzug der russischen Truppen, teilte das ukrainische Präsidialamt mit.

Der russische Delegationsleiter Wladimir Medinski hatte zuvor versichert, dass Moskau an einer Einigung interessiert sei. Diese müsse aber "im Interesse beider Seiten sein".

Über dieses Thema berichteten am 28. Februar 2022 die tagesschau um 04:43 Uhr und Deutschlandfunk um 09:00 Uhr.