Sichergestellte Blindgänger liegen zwischen Warnschildern. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew
Reportage

Krieg gegen die Ukraine Ein Dorf in Geiselhaft

Stand: 10.06.2022 10:05 Uhr

Das ukrainische Dorf Jahidne im Gebiet Tschernihiw war mehr als einen Monat lang von russischen Truppen besetzt. Die Bewohner müssen nun wiederaufbauen, Minen räumen - und traumatische Erlebnisse verarbeiten.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Der alte Petro hackt Holz im Garten vor seinem Haus. Er schwitzt ein bisschen und schiebt die helle Schirmmütze aus dem Gesicht. "Ich hatte vier Meter Brennholz und alles ist verbrannt. Wenn der Winter kommt, brauche ich neues", sagt er. Doch nicht nur die vier Meter Holz gingen in Flammen auf.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Petro lebt mit seiner Familie im Norden der Ukraine. Sein Dorf Jahidne im Gebiet Tschernihiw war mehr als einen Monat lang von russischen Truppen besetzt. Damals im März wurden viele Häuser dem Erdboden gleich gemacht und fast 150 der 180 Häuser beschädigt.

Ein alter Mann steht in seinem Garten vor Wäscheleine und Baumaterialien. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Der 71-jährige Petro war im Keller der Dorfschule von Jahidne gefangen. Bild: Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Geiseln in der Dorfschule

Während der Besatzung des kleinen Dorfes sind rund 350 Dorfbewohnerinnen und -bewohner im Keller der Dorfschule eingesperrt. Im Finstern, ohne Essen - und Demütigungen ausgesetzt. Auch der 71-jährige Petro wird zur Geisel der russischen Armee. "Es haben nicht alle hineingepasst, die Luft reichte nicht für alle und es sind welche erstickt", erzählt er. "Dreizehn Menschen sind gestorben, zwei von ihnen mein Alter und älter."

Die älteste Geisel ist 93 Jahre alt. Und auch 77 Kinder sind eingesperrt im dunklen Keller der Schule, das jüngste ein Baby von eineinhalb Monaten. Rund um die Dorfschule sind Zerstörung und Spuren der Besatzung noch zu sehen, etwa Schützengräben.

Ein beschädigtes Schul-Gebäude in einem lichten Mischwald. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Im Keller der Dorfschule wurden rund 350 Menschen gefangengehalten. Bild: Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Sieben Menschen getötet

Außerhalb des Kellers erschießen die Besatzer zudem mindestens sieben Menschen. Sie plündern die Vorräte der Dorfbewohner, schlachten ihre Schweine und Hühner. Sie zerstören Fahrräder, Schleifmaschinen, das Getreide.

Nur für die dringendsten Bedürfnisse dürfen die Menschen das Kellergefängnis verlassen und auch das nicht immer, sagt Anatoly Vasylchenko vom ukrainischen Katastrophenschutz, der vor der Dorfschule steht: "Die russische Armee hat sehr viel zerstört. In den Wäldern waren ihre Positionen und hier hatten sie ihr Munitionslager. Was man benutzen kann, haben wir genommen, und den anderen Teil entsorgen und vernichten wir."

Nicht explodierte Raketen liegen geordnet auf einem Haufen. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Nicht explodierte Raketen aus einem Mehrfachraketenwerfer liegen auf dem Boden. Bild: Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

"Noch sehr viel Munition"

In Wäldern, auf Feldern, auf Friedhöfen, auf Wiesen oder einfach am Wegesrand: Rund um Jahidne und im gesamten Gebiet Tschernihiw liegen zahllose Blindgänger - Munition, Mörsergranaten, Marschflugkörper.

Kampfmittelräumer wie Mikhail Ilyev brauchen Unterstützung aus dem ganzen Land. Er ist Chef der Pyrotechnik und Minenräumgruppe des ukrainischen Katastrophenschutzes in der Region Tschernihiw. "Rund um das Dorf Jahidne gibt es noch sehr viel Munition, die wir aufsammeln müssen", sagt Ilyev. "Wir müssen die ganze Gegend absuchen und zerstören, was wir finden."

Männer in Schutzkleidung tragen Granaten. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Kampfmittelräumung in Jahidne Bild: Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Viele Gefahren

Im umliegenden Wald lassen die Kampfmittelräumer einen Teil ihrer Funde explodieren. Dem lauten Knall folgt das Geräusch herabfallender Teile.

In Jahidne sensibilisiert unterdessen ein Kampfmittelräumer den Dorfbewohner Petro für die vielen Gefahren, die den alten Mann nach wie vor umgeben. Ein Flugblatt zeigt verschiedene Minen, die auf perfide Weise Menschen töten und verletzten sollen, darunter die besonders berüchtigte Anti-Personen-Mine Pom-2, deren tödliche Stolperdrähte sich bis zu zehn Meter ausbreiten können.

Zwei Männer blicken auf einen Info-Zettel. | Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

Mitarbeiter der Kampfmittelräumung sensibilisieren für die Minengefahr. Bild: Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Kiew

"Versöhnung gibt es nicht"

Petro zeigt das Flugblatt anschließend seinem Sohn. "Ich gehe sowieso nirgendwo mehr hin", sagt er dann. "Als junger Mann lebte ich zwei Jahre in Mariupol", erzählt er wehmütig und schaut auf die Trümmer seines Lebens.

Haus und Garten wieder aufbauen, das wird für ihn schwierig mit umgerechnet nicht einmal 100 Euro Rente. "Ja, auch in Russland gibt es gute Menschen", ringt er sich dann ab. "Aber Versöhnung unter Putin? Nein. Ich denke der Krieg wird irgendwann enden, aber Versöhnung gibt es nicht, denn sie werden bis zum Ende gehen."