Menschen vor einem ausgebrannten Gebäude in Mariupol | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Experten rechnen mit weiteren Gräueltaten

Stand: 07.04.2022 01:56 Uhr

Die Gräuel von Butscha werden nicht die letzten gewesen sein, fürchten westliche Experten. Laut Mariupols Bürgermeister haben russische Truppen Leichen in mobilen Krematorien verbrannt - zur Vertuschung von Kriegsverbrechen.

Westliche Regierungsexperten gehen davon aus, dass bald weitere Gräueltaten russischer Truppen in der Ukraine ans Licht kommen werden. "Ich glaube, dass dies ein Thema sein wird in den kommenden Tagen und Wochen", sagte ein Regierungsbeamter in London.

Ermittlungen zu russischen Kriegsverbrechen würden eines der "Vermächtnisse" dieses Konflikts sein, so der Regierungsexperte. Die konkrete Verantwortung für die Gräueltaten liege zwar bei den Tätern, doch die russische Führung trage auch eine Verantwortung. Mit ihren Behauptungen über angeblichen Völkermord an der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine habe sie ein Klima geschaffen, das zusammen mit dem militärischen Versagen der russischen Armee ein toxisches Gemisch ergebe.

Weltweit sorgen seit dem Wochenende Bilder für Entsetzen, die Leichen auf den Straßen der unweit von Kiew gelegenen Stadt Butscha zeigen. Bislang sind Berichten zufolge dort rund 330 getötete Menschen geborgen worden. Sie sind aus Sicht der ukrainischen Regierung Beweis für die gezielte Tötung von Zivilisten und damit für Kriegsverbrechen. Moskau bestreitet das und spricht von "Fälschung" - allerdings ohne Belege vorzulegen. Auch aus der ukrainischen Stadt Irpin, direkt an Butscha angrenzend, waren zuvor Gräueltaten gemeldet worden.

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Gräueltaten und Zerstörung in der Ukraine

Drastische Vorwürfe des Bürgermeisters von Mariupol

Besonders drastische Vorwürfe erhebt der Bürgermeister der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol. Er warf Russland vor, zur Vertuschung von Kriegsverbrechen Leichen in mobilen Krematorien zu verbrennen. So sollten Spuren verwischt werden, erklärte die Stadtverwaltung auf Telegram. "Das ist ein neues Auschwitz und Majdanek", wurde Bürgermeister Wadym Bojtschenko zitiert. Die "Schmutzarbeit" solle dabei durch örtliche Unterstützer der Russen verrichtet werden.

Meldungen aus Mariupol können seit Wochen kaum unabhängig überprüft werden, auch weil internationale Medien vor Ort nicht mehr arbeiten können. Schon früher hatten ukrainische Behörden und Medien mehrfach berichtet, russische Einheiten nutzten mobile Krematorien. Damals hieß es allerdings, diese würden eingesetzt, um die Leichen eigener Soldaten zu verbrennen, um die Zahlen getöteter eigener Soldaten zu vertuschen. Auch dafür gab es bisher keine Bestätigung.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ein Großteil Mariupols ist bereits von russischen Streitkräften besetzt. Laut Bojtschenko wurden bei den Kämpfen um die Stadt knapp 90 Prozent der Infrastruktur zerstört, 40 Prozent könnten nicht wiederaufgebaut werden. Mehrere Tausend Zivilisten seien getötet worden, schätzt die Stadtverwaltung, die aus der Stadt geflohen ist. Bojtschenko sprach auch von der Bombardierung eines Kinderkrankenhauses, bei der knapp 50 Menschen gestorben sein sollen. Wann genau das passiert sein soll, sagte er nicht.

Früher lebten etwa 440.000 Menschen in Mariupol. Nun wird geschätzt, dass noch mehr als 100.000 in der belagerten Stadt ausharren.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/05.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/05.04.2022

Selenskyj: Russland will Beweise für Kriegsverbrechen vertuschen

Der ukrainischen Präsident Selenskyj sagte ebenfalls, Russland versuche, Beweise für Kriegsverbrechen zu verbergen. "Wir haben Informationen, dass die russischen Truppen ihre Taktik geändert haben und versuchen, die toten Menschen, die toten Ukrainer, aus den Straßen und Kellern der von ihnen besetzten Gebiete zu entfernen", sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache an die Nation am späten Abend.

"Dies ist nur ein Versuch, die Beweise zu verstecken und nichts weiter." Damit sollten die internationalen Ermittlungen behindert werden. Es scheine, dass die russische Führung wirklich Angst habe, "dass sich die weltweite Wut über das, was in Butscha gesehen wurde, nach dem, was in anderen Städten gesehen wurde, wiederholen würde." Tausende von Menschen würden vermisst, entweder seien sie tot oder nach Russland verschleppt worden. "Wenn Sie sich auch nur ein bisschen dafür schämen, was das russische Militär in der Ukraine tut, dann ist dies für diese russischen Bürger ein Schlüsselmoment: Sie müssen ein Ende des Krieges fordern - einfach fordern", sagte Selenskyj.

Flüchtlinge in Saporischschja eingetroffen

Rund 500 Flüchtlinge aus dem Südosten der Ukraine sind derweil in der Großstadt Saporischschja eingetroffen. Der Konvoi aus sieben Bussen und 40 Privatfahrzeugen - laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen sie aus Mariupol stammen - sei unter dem Schutz des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) unterwegs gewesen, berichtete eine Reporterin der Nachrichtenagentur AFP. Auf Twitter erklärte das IKRK, die Helfer hätten fünf Tage lang versucht, Mariupol zu erreichen. Dies sei jedoch aufgrund der "Sicherheitslage nicht möglich" gewesen.

Menschen sollen aus Luhansk und Donezk fliehen

Die Ostukraine bereitet sich unterdessen auf einen erwarteten Großangriff der russischen Armee vor. Sewerodonezk, die östlichste noch von den ukrainischen Streitkräften gehaltene Stadt, wurde durchgehend beschossen. In regelmäßigen Abständen schlugen in der Stadt in der Region Luhansk Granaten und Raketen ein, wie AFP-Reporter berichteten.

Mehr als zehn Hochhäuser wurden nach offiziellen Angaben durch Artilleriebeschuss zerstört. Der Zivilschutz berichtete zudem von einer Schule, einem Einkaufszentrum und Garagen, die abgebrannt seien. "Das sind in keiner Weise strategische oder militärische Einrichtungen", kritisierte der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj. Die Zahl der Opfer des Beschusses werde "derzeit noch ermittelt".

"Der heutige Tag hat gezeigt, dass man nicht länger warten kann: Packt eure Sachen und flieht!", forderte er die verbliebenen Bewohner auf Facebook auf. Ähnlich äußerte sich auch die Vizeregierungschefin der Ukraine, Iryna Wereschtschuk.

Die ukrainische Eisenbahn transportierte allein am Mittwoch mehrere Tausend Menschen aus den bedrohten Gebieten in den Westen des Landes. Wereschtschuk berichtete von weiteren knapp 4000 Menschen, die aus den Gebieten Donezk, Luhansk und Saporischschja in Sicherheit gebracht worden seien.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. April 2022 um 20:00 Uhr.