Stadtansicht von Mariupol am Tag mit Stahlwerk im Hintergrund | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Fluchtkorridor für Mariupol

Stand: 20.04.2022 11:16 Uhr

Für Mariupol ist erneut eine Feuerpause vereinbart worden. Zivilisten sollen die Hafenstadt über einen Fluchtkorridor verlassen können. Ein ukrainischer Marinekommandeur bat um Evakuierung in einen Drittstaat.

Die Regierungen in Kiew und Moskau haben für Zivilisten in der umkämpften Hafenstadt Mariupol einen Fluchtkorridor ausgehandelt. "Uns ist es vorläufig gelungen, einen humanitären Korridor für Frauen, Kinder und ältere Menschen zu vereinbaren", teilte die ukrainische Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk im Nachrichtenkanal Telegram mit. Ab 14.00 Uhr Ortszeit (13.00 MESZ) könnten sie hinausgelangen. Danach solle eine Fahrzeugkolonne über Berdjansk ins rund 200 Kilometer entfernte Saporischschja fahren.

Ukrainische Soldaten sollen sich ergeben

Am Dienstag hatte die russische Armeeführung erneut eine Feuerpause und den freien Abzug von Zivilisten in Aussicht gestellt, die sich in dem von ukrainischen Kämpfern gehaltenen Stahlwerk Asowstal aufhalten. Zudem seien die dort verbliebenen ukrainischen Soldaten aufgefordert worden, sich zu ergeben, hieß es in einer Mitteilung des russischen Generalobersts Michail Misinzew. Russland will die strategisch wichtige Hafenstadt komplett unter Kontrolle bringen. Frühere Ultimaten an die Verteidiger ließen diese verstreichen.

Die Stadt und auch der Hafen gelten zu großen Teilen als zerstört. Zuletzt hielten sich russischen Angaben zufolge etwa 2500 ukrainische Kämpfer und 400 ausländische Söldner in dem Stahlwerk verschanzt. Ukrainischen Mitteilungen zufolge sollen etwa 1000 Zivilisten dort Schutz gesucht haben. Russland hat die ukrainischen Truppen dort bereits mehrmals dazu aufgerufen, sich zu ergeben.

"Appell an die Welt"

Der Kommandeur der im Stahlwerk eingekesselten Marineinfanteristen, Serhij Wolyna, hatte am frühen Morgen in einer Videobotschaft an die Welt um die Evakuierung per Schiff in einen Drittstaat gebeten. Die Soldaten hätten mehr als 500 Verwundete und es würden sich Hunderte Zivilisten bei ihnen befinden, sagte er. "Wir appellieren an alle führenden Politiker der Welt, uns zu helfen."

Russland habe Vorteile in der Luft, bei der Artillerie, den Bodentruppen, bei Ausrüstung und Panzern, sagt Wolyna weiter. Die ukrainische Seite verteidige nur ein Objekt, das Stahlwerk Asowstal, wo sich außer Militärs noch Zivilisten befänden. "Das ist unser Appell an die Welt", sagte Wolyna. "Das könnte der letzte Appell unseres Lebens sein."

Das Stahlwerk befindet sich direkt am Asowschen Meer und hat einen eigenen Hafen.

Selenskyj: Lage in Mariupol weiter äußerst ernst

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht die Lage in der Hafenstadt Mariupol derweil weiter als "so schwierig wie nur möglich". Das russische Militär blockiere alle Versuche, humanitäre Korridore zu organisieren und ukrainische Bürger zu retten, sagte Selenskyj in seiner allabendlichen Videobotschaft, die in der Nacht auf Telegram veröffentlicht wurde.

Bewohner der Stadt, die sich in den Händen russischer Einheiten befänden, versuche man zu "deportieren" oder in die russischen Truppen zu mobilisieren. Leider, sagte Selenskyj weiter, bekomme man keine Antworten auf den Vorschlag eines Austauschs, der es erlauben würde, Zivilisten und Verteidiger der Stadt zu retten. Nähere Angaben zu dem Austausch machte er nicht. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Explosionen in südlicher Stadt Mykolajiw

Aus der südukrainischen Großstadt Mykolajiw wurde erneut Beschuss gemeldet. Der Bürgermeister der Stadt, Olexander Senkewytsch, forderte die Einwohner der Stadt dazu auf, sich von den Fenstern fernzuhalten und an sicheren Orten zu bleiben.

Der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian zufolge berichteten Bewohner der Stadt zudem davon, dass stellenweise Feuer ausgebrochen sei. Über Schäden und Opfer gibt es bislang keine Angaben.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.04.2022

Kiew meldet russische Angriffe gegen Sjewjerodonezk

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs gab es erfolglose russische Versuche, die Städte Rubischne und Sjewjerodonezk im ostukrainischen Gebiet Luhansk zu stürmen. Demnach "wurden 130 verletzte Soldaten des Gegners in das örtliche Krankenhaus von Nowoajdar gebracht", teilte der Generalstab in seinem Lagebericht mit.

Darüber hinaus berichtete die ukrainische Militärführung von russischen Angriffen nahe der Kleinstadt Isjum im Gebiet Charkiw und schweren Gefechten um Marjinka, Popasna, Torske, Selena Dolyna und Kreminna.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Separatisten melden Einnahme von Kreminna

Gruppierungen der selbsternannten "Volksrepublik" Luhansk hatten zuvor mitgeteilt, die Kleinstadt Kreminna im Gebiet Luhansk im Osten der Ukraine eingenommen zu haben. Sie sei vollständig unter Kontrolle der Einheiten der "Volksrepublik", teilte die Luhansker "Volksmiliz" gestern Abend auf Telegram mit.

Auf einem angehängten Video ist zu sehen, dass auf der Eingangstür der Stadtverwaltung eine russische Fahne hängt. Von unabhängiger Seite lassen sich die Berichte nicht überprüfen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 20. April 2022 um 11:00 Uhr.