Feuer rund um einen Panzer im Donbass | REUTERS

Ukraine-Krieg "Alles konzentriert sich auf den Donbass"

Stand: 26.05.2022 18:08 Uhr

Im Donbass stehen der ukrainischen Armee möglicherweise entscheidende Kämpfe bevor. Russische Truppen sind offenbar in der Überzahl und versuchen, strategisch wichtige Orte einzukesseln.

Die ukrainische Armee im Donbass im Osten des Landes sieht sich nach eigenen Angaben einer Übermacht russischen Militärs gegenüber. "Russland ist im Vorteil, aber wir tun alles, was wir können", sagte General Olexij Gromow.

Innenminister Wadym Denisenko nannte die Lage sehr angespannt und erklärte: "Alles konzentriert sich nun auf den Donbass."

Die kriegerischen Auseinandersetzungen werden auch nach Darstellung von Vize-Verteidigungsministerin Ganna Malyar immer erbitterter. "Der Kampf hat seine maximale Intensität erreicht", erklärte sie. "Die feindlichen Truppen stürmen die Positionen unserer Truppen gleichzeitig aus mehreren Richtungen."

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die russischen Soldaten seien in einigen Teilen des Ostens "zahlenmäßig weit überlegen".

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Fällt Luhansk?

Seit sich Russland aus dem Norden und der Zentral-Ukraine zurückgezogen hat, konzentriert es seine Angriffe auf den Osten. Dort dringen russische Soldaten offenbar immer tiefer in die Donbass-Region hinein. Dabei sind die Städte Sewerodonezk und Lyssytschansk von entscheidender strategischer Bedeutung.

Nach Angaben Gromows versuchen 25 russische Bataillone, die ukrainischen Truppen einzukesseln. Ein Bataillon zählt in voller Stärke etwa 800 Soldaten. Wäre der russische Angriff hier erfolgreich, fiele voraussichtlich die gesamte Region Luhansk. Damit wäre ein wichtiges Kriegsziel des Kreml erreicht.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/25.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/25.05.2022

Wieder Angriffe auf Charkiw

Auch aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine Charkiw werden wieder Angriffe gemeldet. Bei Bombardements der russischen Armee seien nach vorläufigen Angaben sieben Menschen getötet und mindestens 17 weitere verletzt worden, teilte Regionalgouverneur Oleg Sinegubow mit. Er appellierte an die Bevölkerung, in Schutzräumen zu bleiben.

Die Universitätsstadt Charkiw liegt unweit der ukrainisch-russischen Grenze im Nordosten des Landes. Zu Beginn des russischen Angriffskrieges vor gut drei Monaten war sie schwer beschossen worden. Seit Mitte Mai herrschte in Charkiw allerdings wieder relative Ruhe, weil die russische Seite die Eroberung der Stadt aufgegeben und sich zurückgezogen hatte.

Kiew nicht sicher

Nach Einschätzung der ukrainischen Stellen ist auch Kiew nicht sicher vor neuen russischen Attacken. Vize-Verteidigungsministerin Malyar erklärte, die Hauptstadt sei weiterhin bedroht, "denn Kiew zu zerstören und die ukrainische Regierung zu stürzen, ist der schnellste Weg, die Ukraine zu erobern". Auch der Bürgermeister der Stadt, Vitali Klitschko, erklärte beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos, er könne den Einwohnern Kiews "keine Sicherheitsgarantien" geben.

Krim laut Selenskyj nicht verhandelbar

Präsident Selenskyj wies unterdessen Vorschläge zurück, seine Regierung solle Gebiete an Russland abtreten, um ein Ende des Kriegs herbeizuführen. Der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, hatte angeregt, Moskau die Kontrolle über die 2014 annektierte Halbinsel Krim zu überlassen.

Dazu sagte Selenskyj, "weltpolitische Figuren" wie Kissinger sähen "nie die gewöhnlichen Menschen, die gewöhnlichen Ukrainer, die Millionen, die auf dem Gebiet leben, das sie für einen illusorischen Frieden eintauschen wollen". Auch Bundeskanzler Olaf Scholz betonte auf dem Weltwirtschaftsforum noch einmal, dass weder die Ukraine noch der Westen einen "russischen Diktatfrieden" akzeptieren werde.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Mai 2022 um 16:45 Uhr.