Das Abzeichen des Kalinovsky-Regiments

Kalinouski-Regiment Warum Belarusen für die Ukraine kämpfen

Stand: 19.12.2022 08:59 Uhr

Im Kalinouski-Regiment kämpfen belarusische Freiwillige für die ukrainische Armee - Denys und Oleg etwa. Sie sind strikte Lukaschenko-Gegner und glauben: Nur mit einer freien Ukraine ist auch ein freies Belarus möglich.

Von Andrea Beer, WDR, zurzeit Kiew

Ein kleines Kiewer Kino zeigt eine Dokumentation über die belarusische Protestbewegung 2020, die Machthaber Alexander Lukaschenko damals blutig niederschlagen ließ. Im Publikum sitzen Exil-Belarusen, aber auch Ukrainerinnen und Ukrainer. In der ersten Reihe schauen Denys und Oleg zu.

Die beiden Belarusen tragen die Uniform der ukrainischen Armee und am Ärmel Abzeichen des sogenannten belarusischen Kalinouski-Regiments. Dieses stehe unter dem Kommando der ukrainischen Militärs und habe mehr als 300 Angehörige, so Oleg. Ohne eine freie Ukraine gebe es kein freies Belarus, so der Mittdreißiger nach dem Film.

Der einzige Grund, warum Lukaschenko noch an der Macht ist, ist die Unterstützung aus Russland. Von dort kommen die Probleme in der Ukraine und in Belarus. Daher ist die einzige Möglichkeit, nicht nur die Ukraine, sondern auch Belarus frei zu sehen, die Zerstörung des jetzigen Regimes in Russland. Im Idealfall wäre das der Zusammenbruch Russlands. Ideal nicht nur für die Ukraine und Belarus, sondern für ganz Europa.
Denys und Oleg

Denys und Oleg: Sollte es doch einmal zu aktiven Kämpfen an der belarusisch-ukrainischen Grenze kommen, sind sie dabei - auf Seiten der Ukraine.

Erst Misstrauen von den Ukrainern

Oleg ist ein paar Jahre älter als der braunhaarige Denys neben ihm. Der selbstbewusst wirkende 27-Jährige aus Minsk ist seit 2014 in der Ukraine - als Russland den Krieg im Donbass begann, der im Februar in die Großinvasion mündete. Bevor Denys das belarusische Kalinovksy-Regiment mit aufgebaut hat, kämpfte er nach eigenen Angaben im ukrainischen Asow-Regiment, dem er sich über Umwege angeschlossen hatte, wie er erzählt.

Seine Tätowierungen an Hals und Armen schauen unter der ukrainischen Uniform mit ukrainisch-belarusischen Abzeichen hervor. Am 24. Februar dieses Jahres wollten auch Denys und Oleg gegen Russland zur Waffe greifen. Doch die Kiewer Polizei habe ihn und seine Freunde zunächst für Feinde gehalten, erzählt Oleg .

Wir waren eine Gruppe Belarusen und wollten uns an der Pferderennbahn in Kiew Waffen holen, die dort verteilt worden sind, aber es gab nicht genügend. Dann sind wir von der Polizei in Kiew festgenommen worden, weil wir ukrainische Uniformen ohne Erkennungszeichen hatten und alle dachten, wir seien belarusische Spione. Wir wurden mit Maschinengewehren in Schach gehalten und mussten uns auf den Boden legen. Dann wurden wir auf die Polizeiwache gebracht. Dort merkten sie, dass wir keine Saboteure, sondern normale Menschen sind, die für die Ukraine und für Belarus kämpfen wollen. Und sie ließen uns gehen.

Lukaschenko abhängig von Moskau

Belarus und die Ukraine haben eine rund 1000 Kilometer lange gemeinsame Grenze, und schon vor der russischen Großinvasion in die Ukraine machte der belarusische Diktator Lukaschenko sein Land zum bedrohlichen Aufmarschgebiet für die russische Armee.  Lukaschenko unterstützt offen den russischen Angriff auf das Nachbarland, möchte die belarusische Armee aber nicht direkt daran beteiligen. Doch nach dem Niederschlagen der Demokratiebewegung verhängte die EU Sanktionen, die Lukaschenko und seine Handlanger sowie das System empfindlich treffen.

Deswegen hängt der jahrzehntelange Machthaber auf Gedeih und Verderb von Moskau ab und das hat seinen Preis: Russische Truppen können belarusische Militärbasen für ihre Angriffe auf die Ukraine nutzen und russische Bomber-Flugzeuge heben dort regelmäßig ab, beschießen die Ukraine aber dann von Russland aus. Zudem hat Russland das Recht, dauerhaft Truppen in Belarus zu stationieren und nimmt das auch in Anspruch. Im Oktober dieses Jahres wurden nach belarusischen Angaben 9000 russische Soldaten sowie Militärtechnik nach Belarus gebracht.  

Vor dem Besuch des russischen Präsidenten Putin betonte Lukaschenko in Minsk: "Nach diesen Gesprächen wird jeder sagen, dass es keine Macht in Belarus gibt und dass die Russen hier herumlaufen und das Land regieren. Ich möchte unterstreichen, dass niemand außer uns hier in Belarus das Sagen hat."

Alexander Lukaschenko

Vor zwei Jahren ließ sich Lukaschenko nach einer Schein-Wahl in Belarus zum Sieger erklären. Heute sitzt er fest im Sattel. mehr

Mehrheit wohl gegen Kriegseintritt von Belarus

Die offizielle russische Seite veröffentlichte im Dezember Aufnahmen, die ein russisch-belarusisches Manöver in Belarus zeigen sollen. Viele ukrainische Experten glauben zurzeit dennoch eher nicht, dass die belarusische Armee in das südliche Nachbarland Ukraine mit einmarschiert, auch weil die Bevölkerung in der Mehrheit dagegen ist.

Das denken auch Oleg und Denys vom belarussischen Kalinovksy-Regiment der ukrainischen Armee. Er rechne eher damit, dass russischen Soldaten die Ukraine erneut über Belarus angreifen könnten.

Wir haben neulich Regionen nahe der belarusischen Grenze besucht, um Kontakte zu haben für den Fall, dass etwas passiert. Es ist kein Geheimnis, dass wir die Zuständigen im Verteidigungsministerium gebeten haben, dann in Richtung Belarus eingesetzt zu werden. Wir als Belarusen nehmen das persönlich und wir werden auch Gefangene machen. Wenn es belarusische Truppen gäbe, die sich ergeben würden.

Nach dem Dokumentarfilm über die belarusische Protestbewegung erzählen Denys und Oleg dem aufmerksamen Publikum von sich und ihrer Motivation und stehen dann noch ein wenig im Schneegestöber vor dem kleine Kiewer Kino. Die Veranstaltung ist vorbei, doch ihre Geschichte als Belarusen in der ukrainischen Armee ist noch lange nicht zu Ende. 

Andrea Beer, WDR, 19.12.2022 08:36 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 05. Dezember 2022 um 14:40 Uhr.