Ausländische und ukrainische Soldaten überqueren einen improvisierten Weg unter einer zerstörten Brücke in Irpin nordwestlich von Kiew.
Reportage

Ausländische Kämpfer "Nicht gegen Russland, aber für die Ukraine"

Stand: 15.03.2022 07:37 Uhr

Zuverlässige Zahlen über ausländische Kämpfer in der Ukraine zu bekommen, ist derzeit aussichtslos. Mehrere Tausend sollen sich dem Kampf gegen die russischen Invasoren angeschlossen haben - aus verschiedenen Motiven.

Von Björn Blaschke, WDR, zur Zeit in Lwiw, Ukraine.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte Ende Februar eine Videobotschaft, einen Appell: Er forderte alle Freunde der Ukraine, die deren Kampf gegen die russischen Angreifer unterstützen wollen, auf, zu kommen. Sein Land würde ihnen Waffen geben.

Björn Blaschke ARD-Studio Kairo

Nach groben Schätzungen sollen mittlerweile bis zu 20.000 Ausländer an der Seite der ukrainischen Streitkräfte gegen die Invasoren kämpfen, überwiegend Europäer und Nordamerikaner. Offizielle Zahlen hat das ukrainische Verteidigungsministerium nicht veröffentlicht.

Wer will, findet in Lwiw ausländische Kämpfer

Wer bei einer der Rekrutierungsstellen im westukrainischen Lwiw nachfragen will, muss mit einer klaren Ansage rechnen: "Keine Aufnahmen". Inoffiziell sagt einer der Wachhabenden immerhin kurz, dass jeder Bewerber eine militärische Ausbildung haben müsse. Nur dann dürfe er mit ihnen dienen.

Einige Plätze sind bekannt, an denen sich in Lwiw freiwillige Kämpfer treffen. Zum Beispiel nahe eines Steakrestaurants in der Altstadt. Aber: Die wenigsten Männer hier wollen Interviews geben. "Was würdest du empfehlen?", fragt ein Amerikaner einen ukrainischen Bekannten, ob der ihm zum Interview rate - sei das gut oder schlecht für die Ukraine? Der Bekannte sagt "ja".

Erste-Hilfe-Training, bevor es an die Front geht

Der schwarzhaarige Amerikaner bittet darum, ihn David Frances zu nennen. Über seine Familie will er nicht sprechen. Frances entspricht den Ansprüchen der ukrainischen Armee: "Ich bin Ex-Soldat, aber das ist länger her. Darum muss ich mich erst einmal wieder fit machen, bevor ich in den Krieg ziehe, an die Front."

Mit fit meint der muskulöse Mann nicht seine Kraft, sondern seine Fähigkeiten, im Notfall Erste Hilfe leisten zu können: "Je mehr du Erste Hilfe für den Kampfeinsatz trainierst, desto besser verstehst du die Realität des Krieges: Was es heißt, einen Arm oder ein Bein zu verlieren. Oder was es heißt, dass du einem Verletzten neben dir die Gedärme in den Bauch zurückschieben musst und du das richtig verbindest."

"Ich will die nicht allein lassen"

Nach offiziellen Angaben sind im Krieg auf ukrainischer Seite mehr als 1300 Soldaten gefallen. Dazu kamen - laut UN - annähernd 650 Zivilisten um. Abschreckende Zahlen? Nicht für Frances, der von sich sagt, als Englischlehrer seit sechs Jahren in der Ukraine zu wohnen:

"Hunderte meiner Schüler sind in diesem Krieg. Das sind meine Freunde, mit denen ich teilweise Sport getrieben habe. Ich will die nicht allein lassen."

Ein starkes Motiv. Lässt es einen die Angst vor Tod oder Verletzung vergessen? "Ich sage: Keine Angst zu haben, macht nicht mutig. Es macht dumm. Schrecken zu spüren macht mutig."

Wohin Frances genau geschickt wird, wenn er in zwei, drei Wochen sein Training absolviert hat, weiß er nicht. "Das kannst du dir nicht aussuchen - ich will da- oder dorthin. Sie schicken dich dahin, wo sie dich brauchen. Und wenn sie dich an die Front schicken, weißt du nicht, wann du deine Familie wiedersiehst."

Oder ob überhaupt.

Ausreise aus dem Schengen-Raum kaum zu kontrollieren

Frances wirkt nicht wie ein verrückter Abenteurer und auch nicht wie ein Rechtsradikaler.

Von denen sollen gerade aus Deutschland recht viele für die Ukraine in den Krieg gezogen sein. Ende des vergangenen Monats ging die Zahl eintausend durch die Medien, die ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin seinerzeit allerdings nicht bestätigte.

Die Zahl Rechtsradikaler sei gering, viele der Deutschen, die in die Ukraine gingen, hätten ukrainische Wurzeln. Sie kämpften offenbar für ihre "alte Heimat", haben Verwandte dort. Im Schengen-Raum ohne Grenzkontrollen ist es nicht so einfach, das zu kontrollieren.

"Das ist mein Zuhause"

Für Frances ist die Ukraine jedenfalls eine neue Heimat. "Ich habe hier eine ganze Weile gelebt. Das ist mein Zuhause, wie die USA. Ich bin hier nicht aus Hass auf die Russen. Ich bin hier aus Liebe zu den Ukrainern."

Motive für die Teilnahme am Krieg in der Ukraine gibt es viele - manche sind ehrenhaft, manche nicht.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. März 2022 um 07:50 Uhr.