Ukrainische Soldaten werden aus dem Asow-Stahlwerk evakuiert. | AP

Moskau zur Lage in Mariupol Fast 1000 Kämpfer sollen aufgegeben haben

Stand: 18.05.2022 11:24 Uhr

Nach russischen Angaben haben sich mittlerweile fast 1000 ukrainische Kämpfer aus dem Asowstal-Werk ergeben. Die Ukraine hofft auf einen Gefangenenaustausch. Doch dagegen gibt es in Russland Widerstand.

In der ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben sich russischen Angaben zufolge seit Wochenbeginn 959 ukrainische Kämpfer aus dem belagerten Asowstal-Werk ergeben. Unter ihnen seien 80 Verletzte, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau laut Agentur Interfax mit.

In den vergangenen 24 Stunden hätten sich 694 gestellt, darunter 29 Verletzte, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Von ukrainischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung für diese Zahl.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in der Nacht in seiner Videoansprache, die ukrainische Regierung arbeite daran, die verbliebenen Kämpfer herauszuholen. Beaufsichtigt werde die Mission vom ukrainischen Militär und von Geheimdienstagenten, beteiligt seien zudem "die einflussreichsten internationalen Vermittler".

Gefangenenaustausch steht infrage

Die Ukraine hofft auf einen Austausch gegen russische Kriegsgefangene, Russlands Militär ließ einen solchen Schritt zunächst offen.

Das russische Parlament will staatlichen Medienberichten zufolge im Laufe des Tages über eine Resolution gegen einen Austausch evakuierter Asowstal-Kämpfer beraten. Eine solche Resolution könnte verhindern, dass Mitglieder des ultranationalistischen Asow-Regiments freikommen.

Wie viele Kämpfer sich noch auf dem Werksgelände aufhalten, ist unklar. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge sollen es vor Beginn der Evakuierungsmission zwischen 1000 und 2500 gewesen sein. Die letzten Zivilisten waren vor rund eineinhalb Wochen mit internationaler Hilfe in Sicherheit gebracht worden.

Kämpfe in der Ostukraine gehen weiter

Im Osten der Ukraine gehen die Kämpfe unterdessen weiter, auch in anderen Regionen gibt es russische Luftangriffe. Russland zeigte sich entschlossen, das besetzte Gebiet Cherson in der Südukraine an sich zu binden. Die Region um die Hafenstadt werde einen "würdigen Platz in unserer russischen Familie" einnehmen, sagte Russlands Vize-Regierungschef Marat Chusnullin.

Die ukrainische Regierung zeigte sich dagegen überzeugt, dass "eine Russifizierung" des Gebiets Cherson scheitern werde.

Im Gebiet Donezk wurden am Dienstag nach Behördenangaben sieben Zivilisten getötet. Sechs weitere seien verletzt worden, teilte der ukrainische Militärgouverneur Pawlo Kyrylenko beim Nachrichtendienst Telegram mit. Er warf russischen Truppen vor, die Menschen getötet zu haben.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/17.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/17.05.2022

Angeblich ranghohe russische Offiziere getötet

In Melitopol sollen ukrainische Guerillakämpfer mehrere ranghohe russische Offiziere getötet haben. Das erklärte die Regionalverwaltung der südukrainischen Stadt auf Telegram. Die Mitteilung konnte nicht unabhängig bestätigt werden.

Dem ukrainischen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow zufolge graben sich die russischen Streitkräfte im Süden und Osten seines Landes ein. "Russland bereitet sich auf eine längerfristige Militäroperation vor", sagte er vor den EU-Verteidigungsministern und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Selenskyj zählte zuletzt Raketenangriffe und Bombardements in den Gebieten Lwiw, Sumy, Chernihiv und Luhansk auf. Das russische Militär wolle damit die Misserfolge im Osten und Süden kompensieren, sagte er in seiner Videoansprache.

Telefonat mit Scholz und Macron

Selenskyj telefonierte zudem ein weiteres Mal mit Bundeskanzler Olaf Scholz. Das Telefonat sei "recht produktiv" gewesen, erklärte Selenskyj. Man habe unter anderem über militärische Unterstützung für die Ukraine gesprochen. Er habe Scholz über die aktuelle militärische Lage und ihre mögliche künftige Entwicklung informiert.

Selenskyj sprach auch ein weiteres Mal mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Es sei unter anderem um die nächste Runde der europäischen Sanktionen gegen Russland und die Pläne der Ukraine für einen raschen EU-Beitritt gegangen, sagte Selenskyj.

Die USA haben unterdessen eine Konfliktbeobachtungsstelle gestartet. Das neue Conflict Observatory solle sicherstellen, "dass von Russlands Truppen begangene Verbrechen dokumentiert und die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden", sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Mai 2022 u.a. um 09:00 Uhr und 12:00 Uhr.