Autos fahren aus Kiew Richtung Westen nach dem Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine | REUTERS
Interview

Angriff auf die Ukraine "Die Menschen fahren Richtung Westen"

Stand: 24.02.2022 10:21 Uhr

Der Journalist Roman Schell ist in der ostukrainischen Stadt Charkiw, wo er die Arbeit einer NGO begleitet. Im Interview beschreibt er, wie er den Angriff auf Charkiw erlebt hat und wie die Menschen im Land nun reagieren.

NDR Info: Wie haben Sie den Angriff erlebt?

Roman Schell: Ich bin in meinem Hotel um 5 Uhr morgens aufgewacht wegen heftiger Explosionen. Ich habe das Fenster geöffnet und habe gesehen, wie die Flammen aufgehen, habe kleine Blitze gesehen.

Die Menschen hier in Charkiw verlassen die Stadt. Es gibt im Moment viele Staus. Die Menschen wollen das Land verlassen, fahren Richtung Westen. Es gibt im Moment keine Flugzeuge, man kann nicht mehr nach Kiew fliegen. In Mariupol, in Odessa, in Kramatorsk, im ganzen Land hört man heftige Explosionen. Es gibt Berichte darüber, dass Menschen Kiew verlassen und Richtung Westen gehen.

Die Ukrainer gehen davon aus, dass die russischen Truppen den östlichen Teil des Landes zuerst einnehmen. Die Menschen gehen davon aus, dass sie in der Westukraine bei Lwiw vielleicht sicherer wären.

Zur Person

Roman Schell ist ein russischer Journalist und berichtet für den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus der Ukraine und aus Belarus.

NDR Info: Wie verhält sich die ukrainische Armee?

Schell: Im Moment ist es schwierig zu sagen. Gestern Abend haben sich die Soldaten noch kämpferisch gegeben. Es gab mehrere Videos im Internet, in denen sie zu den russischen Truppen vor dem möglichen Einmarsch sagen, 'Ihr seid ihr nicht herzlich willkommen, wir werden kämpfen'. Ich glaube nicht, dass die ukrainische Armee aufgibt. Ich glaube, dass in den nächsten Tagen ganz viel Blut vergossen wird, weil die ukrainische Armee nicht aufgeben wird. Sie ist gut ausgerüstet, besser als im Jahr 2014. Sie ist aber auf keinen Fall mit der russischen Armee zu vergleichen. Aber ich glaube, dass die Ukrainer kämpfen werden.

NDR Info: War die Ukraine darauf eingestellt, dass Putin jetzt wirklich diesen Schritt des Krieges geht?

Schell: Nein, die Menschen haben das einfach nicht geglaubt. Sie sind davon ausgegangen, dass es vielleicht im Donbass zu einer heftigeren Eskalation des Konflikts an der Frontlinie kommt. Ich begleite seit einer Woche ein Psychologenteam einer NGO entlang der sogenannten Kontaktlinie. Wir sind 350 Kilometer gefahren, um kriegstraumatisierte Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ihren Kräften zu therapieren. Entlang der ganzen Kontaktlinie haben wir Explosionen gehört, Schüsse und Maschinengewehre, Artillerie, Mörsergranaten. Das war ganz gefährlich.

Das Team hat aus dieser Region 10 - 15 Jugendliche therapiert. Am Nachmittag sind wir weggefahren und dann, abends, nach einem heftigen Angriff haben diese Kinder uns angerufen und darum gebeten, dass wir sie einfach mitnehmen. Und das haben wir gemacht und diese Kids und Jugendliche aus der Kriegsregion gebracht. Sie waren erst in Charkiw und werden jetzt in die Westukraine gebracht, um sie zu retten. Die ganze Stadt fährt jetzt in die Westukraine in der Hoffnung, dass Putin ihnen da nichts antun kann.

NDR Info: Sie wollen sich jetzt auch mit den anderen zusammen in Sicherheit bringen. Auf welchem Wege wollen sie das tun?

Schell: Die NGO hat ihre Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, drei kleine Busse. Ich fahre einfach weiter mit den Kids in Richtung Westen

Das Gespräch führte Stefan Schlag, NDR Info. Es wurde für die schriftliche Version angepasst.