Eine Krankenschwester zeigt eine Ampulle des Impfstoffs Turkovac in die Kamera. | REUTERS

Neuer türkischer Impfstoff Zweifel am Hoffnungsträger Turkovac

Stand: 10.01.2022 15:58 Uhr

Präsident Erdogan wirbt im Kampf gegen Corona für die türkische Impfstoff-Entwicklung Turkovac. Doch es gibt Zweifel an der Wirksamkeit. Offizielle Daten dazu fehlen bislang.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Auch in der Türkei dürfte die Omikron-Variante inzwischen dominant sein. Seit Tagen steigen die Zahlen deutlich. Nach offiziellen Angaben waren es vergangenen Donnerstag mehr als 66.000 positiv Getestete - so viele wie noch nie.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan hat aufgrund der Eigenschaften der Variante die Quarantänezeit von Infizierten auf sieben Tage verkürzt. Geimpfte Kontaktpersonen müssen gar nicht mehr in Quarantäne.

Ansonsten sind Restaurants, Bars und Nachtclubs bisher uneingeschränkt geöffnet. Gesundheitsminister Koca erklärte, die Lage in den Intensivstationen der landesweiten Krankenhäuser sei im Griff.

Viele Vorschusslorbeeren und Lob der Regierung

Der in der Türkei hergestellte Totimpfstoff Turkovac soll seit dem 30. Dezember dazu beitragen, dass es so bleibt. Im November hat laut Gesundheitsminister die Erciyes-Universität in der zentralanatolischen Stadt Kayseri den Antrag für eine Notfallzulassung bei der dem Gesundheitsministerium zugeordneten Medikamentenbehörde gestellt. Koca sagt, im Juni habe die dritte klinische Studie mit mehr als 40.000 Probanden begonnen.

Die Ergebnisse waren offenbar zufriedenstellend. Der Impfstoff könne als Booster eingesetzt werden, heißt es. Demonstrativ ließ sich Koca mit Turkovac impfen.

Mustafa Celik, Rektor der Erciyes-Universität, attestiert Turkovac bei der Delta-Variante eine Wirksamkeit von 100 Prozent. Auch der Corona-Wissenschaftsrat des Gesundheitsministeriums ist voll des Lobes. Die dem Rat angehörende Anästhesieärztin Sema Turan glaubt, es gebe viele Bürger, die auf Turkovac gewartet hätten.

Impfanreiz für Skeptiker und Nationalisten?

Im türkischen Präsidialsystem darf Erdogans Absolution natürlich keinesfalls fehlen. Der Präsident lässt sich zum Start der Serienproduktion ins osttürkischen Sanliurfa per Video zuschalten. Die Bürger hätten auf Turkovac gewartet und deshalb große Risiken auf sich genommen, erklärt Erdogan. Er ruft alle bisher nicht geimpften Türken zur Impfung mit Turkovac auf, das ja vollständig von türkischen Wissenschaftlern entwickelt wurde.

Vielleicht können Erdogans Worte bisher nicht geimpfte und für nationalistische Töne empfängliche Türken überzeugen. Zumindest Devlet Bahceli, Chef der mit Erdogans AKP-Partei im Bündnis stehenden rechtsextremen MHP, hat sich bereits mit dem "inländischen und nationalen Impfstoff" impfen lassen, wie er sagt, und das Volk aufgerufen, es ihm gleich zu tun.

Skepsis bei Experten und Ärztekammer

Doch alle Lobeshymnen und der in vielen türkischen Ohren sicherlich wohlklingende Name können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bisher keine offiziellen Daten zur Wirksamkeit von Turkovac vorliegen. Zwar hieß es aus dem staatlichen Corona-Wissenschaftsrat, der Impfstoff schütze auch vor Omikron. Der im Zuge der Pandemie bekannt gewordene Professor der Medizin Mehmet Ceyhan kritisiert jedoch, Turkovac ähnle vom Aufbau her dem chinesischen Impfstoff Sinovac, der in der Türkei vor einem Jahr umfänglich zum Einsatz kam und eine hohe Infektionswelle im März und April nicht abwenden konnte.

Esin Davutoglu Senol, Mitglied der unabhängigen Ärztevereinigung, fordert, Ergebnisse der dritten Phase der Studie müssten umgehend der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden. Nur so könne man Turkovac vertrauenserweckend der Öffentlichkeit anbieten. Allein die Zulassung durch die Medikamentenbehörde, so Osman Kücükosmaoglu, Generalsekretär der Istanbuler Ärztekammer, sage über die Wirksamkeit gar nichts aus. Die Behörde prüfe lediglich, ob bei der Entwicklung und den drei Studienphasen geforderte Standards eingehalten wurden.

Die regierungsnahe Presse teilt solche Skepsis keineswegs. Die Tageszeitung Sabah berichtet von Menschenschlangen vor Krankenhäusern. Das Interesse an Turkovac sei sehr groß, heißt es weiter. Ein frisch Geimpfter wird mit Worten zitiert, die denen des türkischen Präsidenten sicherlich rein zufällig stark ähneln. Danach sei der Geimpfte ein großes Risiko eingegangen, weil er auf den türkischen Impfstoff warten wollte. Jetzt sei er sehr glücklich.