Ein ukrainischer Soldat steht Wache vor dem Sarkophag über der Atomruine von Tschernobyl. | AP

AKW-Ruine Tschernobyl Die Angst vor einer neuen Katastrophe

Stand: 26.04.2022 13:36 Uhr

Mit Tschernobyl hatte die Ukraine große Pläne: Die Atomruine sollte Welterbe, Touristenmagnet und Mahnmal werden. Nach dem Überfall durch russische Truppen, die zeitweise die Sperrzone besetzten, ist die Angst vor einem GAU zurück.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Es war ein Ausdruck, den Olena Parenjuk erst einmal nachschlagen musste: "Gravely concerned": Ernsthaft besorgt, den Ausdruck habe sie vorher noch nie gehört gehabt. Passender hätte der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die Lage Anfang März in Tschernobyl nicht auf den Punkt bringen können, meint die ukrainische Wissenschaftlerin, die sich mit den Folgen von Atomunfällen beschäftigt. Denn plötzlich lag der Unglücksreaktor inmitten eines umkämpften Gebiets. Und es gab allen Grund, "ernsthaft besorgt" zu sein.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Tschernobyl ist weit mehr als nur der vierte Reaktorblock, der vor 36 Jahren explodierte - und der nach Jahrzehnten nicht mehr nur durch einen eilig hochgezogenen Beton-Sarkophag, sondern durch eine moderne Schutzhülle gesichert wird. Da sind die drei anderen stillgelegten Reaktorblöcke, die weiter gewartet werden müssen.

"Es gibt dort außerdem Spezialbehälter für benutzte Atombrennstäbe. Dort lagern auch Brennelemente der drei stillgelegten Blöcke", erklärt die Wissenschaftlerin, die selbst zehn Jahre in Tschernobyl gearbeitet hat. Kaum jemand mag sich ausmalen, was passieren würde, sollte eine Rakete eine Atommüll-Lagerstätte wie diese treffen.

Zeitweilig erhöhte Strahlung gemessen

Dass die Gefahr eines Zwischenfalls real ist, zeigte sich Anfang März, als das Atomkraftwerk in Saporischschja - das größte AKW in Europa - beschossen wurde. Die Bilder der Überwachungskameras, die den Beschuss dokumentierten, gingen um die Welt. In einem Schulungsgebäude brach ein Brand aus.

Erhöhte Strahlenwerte seien nicht gemessen worden, teilte die IAEA mit. Anders als zumindest zeitweilig in Tschernobyl, wie IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi Anfang des Monats erklärte:

Im Großen und Ganzen ist die radioaktive Belastung im Normbereich. Es wurde aber zu der Zeit, als das Gelände besetzt wurde, ein höheres Maß an Radioaktivität festgestellt, weil schweres Gerät bewegt wurde. Wir haben gehört, dass es möglicherweise zu Strahlungsschäden bei Einzelnen gekommen ist, aber wir haben dafür keine Bestätigung.

Es wird davon ausgegangen, dass Panzerfahrzeuge und anderes schweres Gerät in der Sperrzone von Tschernobyl radioaktiven Staub aufgewirbelt haben.

AKW Saporischschja von Russland kontrolliert

Dass der Schichtbetrieb im stillgelegten Atomkraftwerk zwischenzeitlich zum Erliegen kam, warf bei vielen in der Region ebenfalls bange Fragen auf: Was, wenn jemand aus Müdigkeit oder unter dem gewaltigen psychischen Druck einen Fehler macht? Wenn es eine Kettenreaktion gibt - so wie 1986, als der Reaktorblock 4 explodierte und eine gewaltige radioaktive Wolke freigesetzt wurde, deren Folgen noch heute messbar sind.

Verlassene Gefechtsstellungen, die russische Truppen in der Sperrzone von Tschernobyl errichtet hatten. | AP

Verlassene Gefechtsstellungen, die russische Truppen in der Sperrzone von Tschernobyl errichtet hatten. Bild: AP

Auch Unterbrechungen bei der lebenswichtigen Stromversorgung der Anlagen in der Ukraine geben immer wieder Anlass zur Sorge. Das galt für Tschernobyl, aber auch für Saporischschja: "Zwei von sechs Reaktorblöcken sind momentan in Betrieb in Saporischschja. Sie laufen mit geringerer Kapazität, weil einige Stromversorgungsleitungen beschädigt wurden", sagt die ukrainische Wissenschaftlerin Parenjuk. Das AKW selbst befindet sich zurzeit unter der Kontrolle Russlands.

Die Internationale Atomenergiebehörde tut sich angesichts der Lage schwer, Bewertungen zu den vier aktiven ukrainischen AKW mit insgesamt 15 Reaktorblöcken abzugeben. Es fehlt an unabhängigen Informationen. Immerhin sei es inzwischen gelungen, die direkte Kommunikation der IAEA mit dem AKW Tschernobyl wieder aufzunehmen. Die Lieferung betriebswichtiger Ausrüstung ist bereits zugesagt.

Heute will Generaldirektor Grossi sich hier selbst ein Bild der Lage machen. Er dürfte einmal mehr mit politischen Forderungen konfrontiert werden: Die Ukraine drängt auf eine Entmilitarisierung und eine Freigabe der ukrainischen Atomkraftwerke.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. April 2022 um 11:47 Uhr.