Forscher nehmen in der Sperrzone von Tschernobyl Proben des Bodens | ARD-Moskau
Weltspiegel

Umland von Tschernobyl Leben mit der Strahlung - und der Angst

Stand: 25.04.2021 05:16 Uhr

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurden Zehntausende Menschen umgesiedelt. Die Dörfer rings um die Sperrzone sind längst wieder bewohnt. Doch an der Gefahr hat sich nichts geändert.

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Die die Belastung von Boden, Blättern und Baumrinden in der Sperrzone rund um die Atomrunie von Tschernobyl ist hoch. Bei Waldbränden in der Vegetation rund um das Kraftwerk werden Partikel aufgewirbelt, radioaktiv verseuchter Rauch treibt in Richtung der Dörfer am Rande der Sperrzone.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

So geschah es auch bei den Bränden im vergangenen Jahr. Der Schock bei den Menschen in Mahdyn, einem kleinen Dorf ein paar Kilometer von der Sperrzone entfernt, sitzt bis heute tief. "Da war dieses Geräusch, lauter als ein Zug", sagt einer der Bewohner. "Erst kam schwarzer Rauch, dann die roten Flammen. Wir sind weggelaufen."

Nun haben die Dorfbewohner sich im Gemeindezentrum versammelt und beraten über den Wiederaufbau, wie es überhaupt weitergehen soll. Und sie reden über ihre Angst vor der unsichtbaren Gefahr, der Strahlung.

Mykola Bukhovez, ihr Bürgermeister, drückt aus, was den Menschen in Mahdyn Sorgen bereitet: "Die Strahlung ist um das Mehrfache gestiegen, denn die ganze Radioaktivität war im Boden. Wie hoch, kann ich offiziell nicht sagen, aber wir wissen aus der Erfahrung, dass die Feuerwehrleute, die in verstrahlten Gebieten arbeiten, in der Regel krank werden."

Bleibt Prypjat eine Geisterstadt?

35 Jahre ist sie her, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Eine Schutzhülle haben sie um die Atomruine gebaut. Erste Aufräumarbeiten im Inneren sollen bald beginnen. Jahrzehnte wird es dauern, bis diese Arbeiten abgeschlossen sind. Und so lange, und vielleicht für immer, wird die Stadt Prypjat nahe der Ruine eine Geisterstadt bleiben.

Die Sperrzone erstreckt sich über 4300 Quadratkilometer. Wer hierher will, braucht eine Sondergenehmigung. Tagtäglich nehmen Wissenschaftler dort Proben, die im Labor untersucht werden. Abgefallene Blätter etwa verrotten hier nur schlecht, das haben Wissenschaftler 2014 herausgefunden: Die Strahlung hat die Mikroorganismen im Boden stark geschädigt.

Die Forscher wollen herausfinden, wie groß die Gefahr noch heute ist - etwa, wenn bei Waldbränden strahlende Partikel aufgewirbelt werden. "Wir sehen hier Thorium, Uran und Plutonium", sagt Leonid Bohdan, der für die Analysen zuständig ist. "Bei den Bränden steigt die Radioaktivität natürlich stark an."

Verseuchter Wald in der Sperrzone von Tschernobyl | ARD-Moskau

Schwer geschädigter Wald in der Sperrzone von Tschernobyl. Bild: ARD-Moskau

"Europa ist nicht allzu weit"

Wenn der Wald in der Sperrzone brennt, sind die ersten vor Ort die Feuerwehrleute. Viele seiner Kollegen hätten Gesundheitsschäden, erzählt Mykola Naumenko. "Ob der Boden dort sauber oder verstrahlt ist, das hält uns nicht ab. Denn Arbeit ist Arbeit", sagt er. "Ich bin mehrmals in solche verstrahlte 'Flecken' geraten, da brennen einem die Lippen, sie werden wie Blei, sehr trocken. Dann versagt die Stimme, nach zwei Stunden."

An vielen Stellen in der Sperrzone ist der Boden stark belastet. Als das ARD-Team die Feuerwehrleute wieder verlässt, stellt sich heraus, dass auch das Teamfahrzeug verstrahlt ist und gereinigt werden muss.  

Wladimir Schalatow, stellvertretender Laborleiter, wird gefilmt | ARD-Moskau

Wladimir Schalatow, stellvertretender Laborleiter, untersucht die Bodenproben aus der Sperrzone. Bild: ARD-Moskau

Mit der Strahlung leben die Menschen in den Dörfern ringsum seit 35 Jahren, wie etwa in Krasjatytschi, ein Stück weiter in Richtung der Hauptstadt Kiew. Ivan Martschenko ist hier geboren. Er war ein Kind, als die Strahlenwolke damals über das Städtchen kam. Wachstumsstörungen waren die Folge.

Heute hat Martschenko eine kleine Bäckerei. Die Angst sei immer da, sagt er. Dass etwas passieren könnte, etwa bei den geplanten Aufräumarbeiten in der Atomruine. "Europa ist nicht allzu weit", mahnt er und meint damit die EU-Staaten Zentraleuropas. "Sollte etwas passieren, dann wird nach zwei, drei Tagen alles in Deutschland sein. Überall - wohin der Wind weht."

Bilderstrecke

Das Tschernobyl-Unglück vom 26. April 1986

Über dieses Thema berichtet der „Weltspiegel“ im Ersten am 25. April 2021 um 19:20 Uhr.

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KOMMENTARE

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Anderes1961 25.04.2021 • 12:54 Uhr

@Mass Effect

"Am 25. April 2021 um 12:43 von Mass Effect 11:22 von Anderes1961 @Tinktotis Bleiben sie doch mal ruhig und bei den Tatsachen. Der User Tinktotis er hat nur darauf hingewiesen das das fehlen einer äußeren Schutzhülle Tschernobyl zu einer noch größeren Katastrophe gemacht hat als es der eigentliche Störfall schon war." Nicht mehr und nicht weniger. Der Katastrophe ging ja wohl anders als in Japan ein Bedienungsfehler vorraus. Die Schutzhülle war in Japan nicht das Problem sondern der Ausfall des Kühlsystems da die Notstromdiesel zu tief errichtet wurden und somit von der Flutwelle überflutet wurden. " Und wieder nicht richtig gelesen. Noch mal: lesen Sie Posts ganz und nicht selektiv. So lang war mein Post nun wirklich nicht. Ich habe nicht geschieben, daß die Schutzhülle das Problem gewesen sei, sondern, daß auch 5 Schutzhüllen nichts genutzt hätten. Nicht in Tschernobyl und auch nicht in Fukushima. Die nutzt nämlich gar nichts, wenn einem das Ding um die Ohren fliegt.