Alexandra Abramowa aus der Ukraine arbeitet seit zwei Monaten im Laden in der Spalena-Straße. | Barbora Sramkova

Cannabis-Debatte Tschechien toleriert - aber legalisieren?

Stand: 07.09.2022 06:38 Uhr

Tschechien ist im Umgang mit Cannabis relativ freizügig: Toleriert wird "eine Menge nicht größer als klein". Über eine umfassende Legalisierung wird diskutiert - vor allem die mitregierende Piratenpartei ist dafür.

Von Marianne Allweiss, ARD-Studio Prag

Ondra und seine Freunde wissen genau, wo sie sich ihren nächsten Joint kaufen können, und eine klare Meinung haben sie auch: Marihuana sollte komplett legalisiert werden, sagt der 16-Jährige, der seinen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen will, an einem sonnigen Abend in einem Prager Park - selbst wenn es mit Steuern dann teurer würde: "Je weniger von dem Zeug auf dem Schwarzmarkt ist, desto mehr würde der Verkauf von harten Drogen zurückgehen."

Marianne Allweiss ARD-Studio Prag

Cannabis mache weniger abhängig als Zigaretten oder Alkohol, außerdem weniger aggressiv. Und angesichts von Corona und Krieg sei ein Joint besser als Antidepressiva.

Ondra selbst hat mit 14 Jahren angefangen zu kiffen; in seiner Altersgruppe hätten schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen Erfahrung mit der Droge, sagt er. Laut der UN-Organisation für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) ist Cannabis in Tschechien deutlich stärker verbreitet als etwa in Deutschland. 

Ondra (16, rechts im Bild) mit Freunden im Riegerpark oberhalb des Prager Hauptbahnhofs. | Barbora Sramkova

Ondra (16, rechts im Bild) mit Freunden im Riegerpark oberhalb des Prager Hauptbahnhofs. Bild: Barbora Sramkova

"Gummiparagraph" regelt Konsum

Bereits 2010 hat Tschechien den Konsum von Cannabis entkriminalisiert. Erlaubt wurde "eine Menge nicht größer als klein" - wobei Paragraf 284 im Strafgesetzbuch immer wieder für Diskussionen gesorgt hat. Ursprünglich haben die Gerichte darunter 15 Gramm Marihuana und fünf Hanfpflanzen für den Eigenbedarf verstanden. Angesichts des gestiegenen THC-Gehalts liegt die Grenze inzwischen bei zehn Gramm.

Bis zu dieser Menge stellen Besitz und Anbau von Cannabis nur eine Ordnungswidrigkeit dar, der eine Geldstrafe folgen kann. Alles darüber sowie der Verkauf werden strafrechtlich verfolgt. Ein zweites Holland in Ostmitteleuropa ist Tschechien also nicht.

Dennoch dürfen mehr Hanfprodukte verkauft werden als in Deutschland. Anfang des Jahres ist der erlaubte THC-Gehalt auf ein Prozent erhöht worden. Das liegt deutlich über dem deutschen Grenzwert von 0,2 Prozent - was bei Urlaubsgeschenken wie Hanfbier, Cannabisöl oder Glückskapseln zu Problemen bei der Rückkehr aus Tschechien führen kann.

Zwischen Boom und Grauzone

Besonders in der Hauptstadt Prag florieren seitdem Weed-Shops. Immer neue Läden füllen die Lücken im Stadtbild, die die Corona-Pandemie hinterlassen hat - wobei einige nach kurzer Zeit wieder schließen.

Die 23-jährige Alexandra Abramowa aus der Ukraine verkauft seit zwei Monaten im Hempo-Shop in der Nähe des Karlsplatzes. Mit 13 Jahren hat sie angefangen, Marihuana zu rauchen. Seit sie im Geschäft arbeitet, bevorzugt sie das synthetische HHC. Das sei weniger psychoaktiv und besser zu dosieren, sagt sie.

Sie bedient zur Hälfte Touristen, zur Hälfte Tschechen - wobei Touristen eher ausprobierten und Tschechen genau wüssten, was sie suchten, erzählt sie. Fragen dazu, woher ihre Produkte stammen oder wer den THC-Gehalt kontrolliert, beantworten weder Abramowa noch andere Läden. Eine Notwendigkeit, weiter zu lockern, sieht sie trotzdem nicht.

Ein Schild mit einem Hanfblatt in der Prager Altstadt. | picture alliance / NurPhoto

Ein Schild in der Prager Altstadt. Bild: picture alliance / NurPhoto

Diskussion um Legalisierung

Initiativen für eine völlige Freigabe von Cannabis hat es in Tschechien immer wieder gegeben. Zuletzt ist die Piratenpartei vergangenes Jahr im Parlament mit einem Vorstoß gescheitert. Seit Dezember sind die Piraten Teil der Regierungskoalition. Ihren neuen Ansatz haben sie Ende August bei einem Runden Tisch präsentiert: eine umfassende Regulierung nach dem Vorbild Kanadas oder der USA.

Unterstützt werden sie dabei vom nationalen Drogenbeauftragten Jindrich Voboril: Ihm zufolge bietet ein streng regulierter Markt mehr Möglichkeiten zur Prävention und Kontrolle als der derzeitige Ansatz. Besonders was Herstellung und Verkauf von Cannabis-Produkten betrifft, erhofft er sich mehr Einfluss.

Blick auf Deutschland

Dagegen hält die Nationale Anti-Drogenzentrale der Polizei wenig von einer Gesetzesänderung. Direktor Jakub Frydrych verweist auf aktuelle Sanktionsmöglichkeiten. Außerdem sei Tschechien ohnehin eines der liberalsten Länder im Schengenraum, was den Umgang mit kleinen Mengen betreffe.

Mittelfristig stehen die Aussichten auf eine Cannabis-Legalisierung allerdings gar nicht so schlecht: Zwar ist die Piratenpartei der liberalste und auch der kleinste Regierungspartner. Mit dem konservativen Regierungschef Petr Fiala habe er aber schon gesprochen, so der Drogenbeauftragte. Beide seien sich darin einig, dass Tschechien auf die Liberalisierungspläne im großen Nachbarland Deutschland reagieren muss: Es gebe etwa einheimische 100 Unternehmen, so Voboril, die Cannabis exportieren könnten.   

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. September 2019 um 09:10 Uhr.