Die belarusische Leichtathletin Kristina Timanowskaja spricht am Flughafen von Tokio mit einem Polizisten. | REUTERS

Belarusische Leichtathletin Timanowskaja bekommt polnisches Visum

Stand: 02.08.2021 18:22 Uhr

Nachdem die belarusische Olympia-Teilnehmerin Timanowskaja offenbar in ihre Heimat entführt werden sollte, bekommt sie nun von Polen ein Visum. Auch andere europäische Länder hatten ihr entsprechende Angebote gemacht.

Die belarusische Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja hat in der polnischen Botschaft in Tokio ein humanitäres Visum erhalten. Die Sportlerin, die nach Einschätzung der Opposition von den autoritären Behörden ihres Landes aus Japan entführt werden sollte, hatte sich dazu in Polens Vertretung in Tokio eingefunden.

"Polen wird alles Nötige tun, um ihr bei der Fortsetzung ihrer sportlichen Karriere zu helfen", schrieb Vize-Außenminister Marcin Przydacz bei Twitter. Polen stünde "für Solidarität". Neben Polen hatten auch Tschechien und Slowenien der Läuferin entsprechende Hilfe angeboten.

Ihr Ehemann Arseni Zhdanewitsch flüchtete nach eigenen Angaben aus Belarus und hält sich demnach in Kiew in der Ukraine auf.

Bundesregierung kritisiert Belarus

Przydacz hatte am Sonntagabend auf Twitter geschrieben, dass sein Land bereit sei zu helfen. "Sie hat die freie Wahl, ihre sportliche Karriere in Polen fortzusetzen, wenn sie sich dafür entscheidet." Frankreichs Europaminister Clement Beaune hatte sich ebenfalls für politisches Asyl für die 24-Jährige in der EU ausgesprochen. "Das wäre eine Ehre für Europa", sagte er dem Sender RFI.

Die Bundesregierung forderte die Behörden in Belarus zur Achtung demokratischer Grundrechte auf. Schikane, Verfolgung und Einschüchterung würden auf das Schärfste verurteilt, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Zu den Grundrechten zählten auch die Presse- und Meinungsfreiheit. Das Vorgehen von Belarus sei aber schon wiederholt kritisiert worden. "Die EU hat ein substanzielles Sanktionspaket verabschiedet wegen der anhaltenden schweren Menschenrechtsverstöße in Belarus", sagte die Sprecherin.

Nach Kritik an Funktionären nach Hause geschickt

Eigentlich sollte Timanowskaja heute im Olympiastadion in Tokio 200 Meter laufen, doch das Nationale Olympische Komitee von Belarus sperrte die Athletin nach ihrer Kritik an Verbandsfunktionären und wollte sie postwendend nach Hause schicken. 

In einem Video, das die oppositionelle belarusische Athletenvertretung Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) am Sonntag veröffentlichte, erklärte sie, sie habe gegen ihren Willen aus Japan ausgeflogen werden sollen.

Ihr werde vorgeworfen, öffentlich Kritik an belarusischen Sportfunktionären geäußert zu haben, sagte Timanowskaja. Sie habe jedoch bei der japanischen Polizei um Schutz gebeten. Die BSSF sprach von einer versuchten "gewaltsamen" Ausreise.

Das belarusische NOK hatte erklärt, die Athletin scheide auf ärztliches Anraten wegen ihres "emotionalen und psychologischen Zustands" aus dem Wettbewerb aus. Timanowskaja bezeichnete das auf Instagram als "Lüge". Sie sei noch nicht einmal untersucht worden.

Nacht im Flughafenhotel verbracht

Nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verbrachte Timanowskaja die Nacht "sicher und geschützt" in einem Hotel am Tokioter Flughafen Haneda. Mitarbeiter des Japanischen Organisationskommitees seien bei ihr gewesen, sagte IOC-Sprecher Mark Adams. "Das IOC in Tokio bleibt weiter mit ihr im Gespräch, die japanischen Behörden werden uns über die weiteren Schritte auf dem Laufenden halten."

IOC-Vertreter würden "noch einmal mit ihr sprechen, um zu erfahren, was sie tun will, und wir werden sie bei dieser Entscheidung unterstützen", erklärte Adams. Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sei in den Fall miteinbezogen worden.

Man habe außerdem vom NOK ihres Landes einen schriftlichen Bericht eingefordert, sagte Adams. Zunächst müssten die genaueren Hintergründe und Einzelheiten zu dem Vorfall abgewartet werden. Die Sprinterin gehörte nach Angaben von Adams zu einer Gruppe von 16 belarusischen Athleten, die am Sonntag heimfliegen sollten. Grundsätzlich gilt wegen des Coronavirus, dass Sportlerinnen und Sportler spätestens zwei Tage nach ihren Wettkämpfen das Olympische Dorf verlassen müssen.

Angespannte Beziehungen zum IOC

Das belarusische Regime unter Präsident Alexander Lukaschenko geht seit Langem hart gegen Kritiker vor. Monatelange Proteste gegen die mutmaßlich gefälschten Ergebnisse der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr hatten unter anderem zu Festnahmen geführt.

Im Dezember schloss das IOC Lukaschenko und dessen Sohn Viktor von allen Olympiaveranstaltungen aus. Das Komitee reagierte damit auf Beschwerden belarusischer Sportler, die sich wegen ihrer Unterstützung für die Opposition in ihrem Land diskriminiert sehen. 

Im März erkannte das IOC zudem die Ernennung von Viktor Lukaschenko zum Vorsitzenden des belarusischen NOK nicht an. Dieser hatte seinen Vater abgelöst, der seit 1967 an der Spitze des Komitees stand.

Mit Informationen von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. August 2021 um 11:00 Uhr in den Nachrichten.