Blick auf den Waltherplatz mit dem Walther-Denkmal in der Stadt Bozen. | dpa

Corona in Italien Südtirol - Hochburg der Impfgegner

Stand: 28.07.2021 20:17 Uhr

Diese Tabelle überrascht: In der Rangliste des Impftempos in Italien steht die Provinz Südtirol ganz unten. Ausgerechnet die Region, wo sonst vieles so effizient läuft. Woran kann das liegen?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Arno Kompatscher sitzt in seinem Arbeitszimmer im zweiten Stock des Regierungsgebäudes in Bozen. Ja, räumt der Landeshauptmann ein, bei der Impfquote liege Südtirol im inneritalienischen Vergleich zurück. "Die Impfbereitschaft der Bevölkerung ist teilweise noch zu gering."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Während bei anderen Themen Südtirol in regionalen italienischen Statistiken häufig als Klassenbester glänzt, ist die autonome Provinz diesmal Schlusslicht. 45 Prozent der Südtirolerinnen und Südtiroler sind noch ohne Corona-Impfung. Ähnlich schlecht stehen unter anderem die süditalienischen Regionen Sizilien und Kalabrien da.

In Südtirol ist das keine Frage der Organisation. Viele Menschen wollen hier einfach nicht. So wie Georg Zelger. Der Mietwagenchauffeur trinkt einen Cappuccino in einem Café am Rand des Bozener Zentrums und erzählt, warum er die Anti-Covid-Impfkampagne nicht mitmacht: "Meine Gesundheit ist mir viel mehr wert, als irgendjemandem einen Gefallen zu machen. Oder vielleicht sogar die Pharmaindustrie zu fördern oder die politischen Ziele zu bestärken. Also, mit mir nicht!"

Heftigere Impfdebatte in Deutschland und Österreich

Die Impfskeptiker in Südtirol sind überwiegend deutschsprachig. Die Nähe zu Deutschland und Österreich, mit den dortigen Anti-Impfbewegungen, macht sich bemerkbar. "Es ist so, dass die deutschsprachigen Südtirolerinnen und Südtiroler hauptsächlich deutschsprachige Medien konsumieren", erklärt Landeshauptmann Kompatscher. "Und natürlich ist diese Debatte, die in Deutschland und Österreich heftiger geführt wird als in Italien, auch in Südtirol entsprechend präsenter. Das mag dann einen Einfluss haben." Mit dem Ergebnis, dass zu den jüngsten Kundgebungen gegen die Corona-Beschränkungen im relativ kleinen Bozen so viele Menschen kamen wie in einigen italienischen Großstädten.

Rechtsanwältin Renate Holzeisen ist eine der Südtiroler Wortführerinnen und verteidigt das Nein ihrer Landsleute zu einer Impfung: "Wir erleben jetzt eine Riesen-Feldstudie an der Gesamtbevölkerung und da ist es eigentlich Ausdruck einer sehr aufgeklärten Bevölkerung, dass sie hier aus meiner Sicht absolut begründete Skepsis zeigt."

Argumente, die so oder ähnlich von vielen Impfgegnern bekannt sind, in der italienischen Diskussion bislang aber eine geringe Rolle spielen. Doch Bozen sei anders, sagt Aktivistin Holzeisen: "Ich gehe davon aus, dass wir in Südtirol aufgrund unserer Zwei- und manchmal auch Dreisprachigkeit vermehrt Zugang zu Information haben. Wir genießen eine enorm große Medienlandschaft, beginnend mit der deutschsprachigen."

Nicht Menschen zur Impfung, sondern Impfung zu den Menschen

Die Provinzregierung will trotz aller Schwierigkeiten gegensteuern und die Impfung jetzt direkt zu den Menschen bringen. Impfbusse fahren seit drei Wochen durch Südtirol, halten auf Marktplätzen auch kleiner Gemeinden und bieten Impfen im Vorbeigehen an.

"Sicher sind die Hardcore-Verweigerer keine Zielgruppe, denn die sind, glaube ich, unansprechbar", gibt Patrick Franzoni, Organisator der Impfkampagne in Südtirol, zu. Aber mit dem Bus gelinge es, die Zögerer und die Bequemen zu bekommen. "Diejenigen, die zum Beispiel in der Gemeinde einkaufen gehen. Sie sehen den Bus, kommen nach dem Einkaufen hin und lassen sich impfen."

Landeshauptmann Kompatscher setzt bei seinen Landsleuten, die manchmal etwas eigen sind, auch auf dieses niedrigschwellige Angebot. "Ich glaube, bei uns ist es noch gebündelt mit einer Haltung, die lautet: 'Vorschreiben lasse ich mir schon gar nichts.' Allein das Gefühl, hier wird man irgendwie zu etwas gedrängt, führt schon dazu, dass viele Menschen allergisch reagieren und sagen: 'Ich bestimme schon noch selbst.'" Das sei eine Tiroler Eigenart.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2021 um 05:55 Uhr.