Ein Eisenbahner mit einer Weste der Gewerkschaft Sud Rail spricht während einer Generalversammlung der Eisenbahner im Gare de Lyon in Paris. | AFP

Aktion in Frankreich Streiks für höheren Inflationsausgleich

Stand: 18.10.2022 13:30 Uhr

Linksgerichtete Gewerkschaften haben in Frankreich zu einem landesweiten Streik in verschiedenen Branchen aufgerufen. Dabei geht es um einen Inflationsausgleich und die Lage in den Raffinerien und an den Tankstellen.

Von Cai Rienäcker, ARD-Studio Paris

Eine Ansage am Pariser Bahnhof Saint-Lazare weist die Reisenden darauf hin, dass wegen der Streiks nicht alle Züge fahren. Vor einem der Monitore mit den Ankunfts- und Abfahrtzeiten steht Edouard, der für eine Firma in Straßburg arbeitet und in die Normandie weiterreist: "Ich warte auf den Zug nach Rouen. Bisher hat er keine Verspätung. Also beten wir, dass es so bleibt."

Cai Rienäcker ARD-Studio Paris

Ein paar Meter weiter schaut Sabrine hin und her zwischen den Anzeigen am Gleis und ihrem Handy. Obwohl ihr die Zugausfälle das Leben schwermachen, nimmt sie es den streikenden Lokführern nicht übel: "Ich kann das verstehen in Bezug auf die Gehälter." Evelyne, eine weitere Passantin, ist auf dem Weg zu einem Seminar. Sie unterstützt die Streiks: "Es ist immer die einfache Bevölkerung, die die Konsequenzen ausbaden muss. Aber es gibt gute Gründe für die Streiks. Und es ist vielleicht Zeit, dass Frankreich aufwacht."

Ausgleich für hohe Inflation

Die Kaufkraftverluste spüren alle Französinnen und Franzosen. Bei den streikerfahrenen Berufspendlern gibt es viel Verständnis, zumal sich die Störungen heute in Grenzen halten. Es gibt weniger Regionalzüge als sonst, es gibt Ausfälle bei der Pariser S-Bahn und im Busverkehr, aber der Betrieb der Pariser Metro ist fast normal.

Die anderen punktuellen Streiks sind nicht so wahrnehmbar. LKW-Fahrer, Berufsschullehrer und Kita-Beschäftigte hatten angekündigt, sich den Protesten der weit links stehenden Gewerkschaft CGT anzuschließen. Andere gemäßigtere Gewerkschaften machen nicht mit.

Seit Wochen bestreikt die CGT Öl-Raffinerien und Treibstofflager. Auch etwa ein Dutzend Atomreaktoren sind derzeit durch die Gewerkschaft lahmgelegt. Den Streikenden geht es um einen höheren Ausgleich für die starke Inflation. Der Streiktag ist aber auch ein Protest gegen die von der französischen Regierung eingesetzten Dienstverpflichtungen in bestreikten Treibstofflagern.

Enttäuscht von Macrons Politik

Nach einer Krisensitzung bei Präsident Emmanuel Macron kündigte die Energieministerin an, dass alles getan werde, um die Situation an den Zapfsäulen zu normalisieren. Noch haben landesweit etwas mehr als ein Viertel der Tankstellen Probleme bei der Versorgung mit Benzin oder Diesel. Nächste Woche sind auch in Frankreich Herbstferien.

Dass es nun zu sozialen Konflikten kommt, schreiben viele auch der Politik des Präsidenten zu - so wie Ingenieur Marc, der am Bahnhof Saint-Lazare ebenfalls auf seinen Zug warten musste: "Macron kann sich nicht mehr so durchsetzen wie während seiner ersten Amtszeit. Er ist sehr von sich überzeugt und er hat die Bodenhaftung verloren."

Dabei hat sich die Regierung um Präsident Macron bemüht, die Kaufkraftverluste in Grenzen zu halten. Premierministerin Elisabeth Borne hat gerade angekündigt, die Tankrabatte von 30 Cent pro Liter um zwei Wochen bis Mitte November zu verlängern.