Menschen gehen am Londoner Bahnhof King's Cross auf einem vollen Bahnsteig entlang. | REUTERS

Coronavirus in Großbritannien Zwischen Wunschdenken und Realität

Stand: 23.10.2021 02:15 Uhr

Die Infektionszahlen in Großbritannien liegen bei 50.000 Fällen pro Tag. Ärzte und Fachleute warnen, die Regierung sollte Corona-Maßnahmen wieder einführen. Doch Untersuchungen zeigen: Viele Briten haben einfach die Nase voll.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Die Infektionszahlen sind hoch - und Fachleute und Politiker fragen sich, wie das kommt. Die Impfquote in Großbritannien liegt bei 80 Prozent, und 80 Prozent aller Personen ab 12 sind doppelt geimpft.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Aber mittlerweile sind eben schon viele berechtigt, eine dritte Impfung zu erhalten. Ältere Personen, Pflegepersonal und Ärzte, also die, bei denen die Impfung auch schon über ein halbes Jahr zurück liegt. Aber nur wenige holen sich die dritte Impfung ab. So wie bei diesem Apotheker in Manchester, bei dem gerade mal einer im Laden steht für die Impfung.

"Das hat auch damit zu tun, dass die Menschen sich daran gewöhnt haben, mit Corona zu leben. Es betrifft sie nicht. Sie denken, ich bin voll geimpft. Sie denken, die Pandemie ist vorbei", sagte der Apotheker Waka Shake der BBC.

Die Vorsicht sinkt rapide

Frisch veröffentlichte Zahlen des britischen Statistikamtes untermauern das. Demnach halten immer weniger Menschen Abstand. Mitte Juli gaben noch 63 % der Befragten an, sie hielten Abstand zu anderen, im Oktober waren es nur noch 39 %. Und auch beim Masken-Tragen fallen die Werte. Immer mehr Beschäftigte kommen auch wieder ins Büro. Die U-Bahn in London ist wieder voll.

Der Verband der Ärzte in Großbritannien warnte lautstark, die Regierung sollte Schutzmaßnahmen wieder einführen. Der Gesundheitsdienst NHS werde sonst bald überfordert sein. Doch Premierminister Boris Johnson bleibt dabei, alle Schutzmaßnahmen sind aufgehoben.

Bald 100.000 neue Fälle pro Tag?

Im Juli hatte Johnson alle Einschränkungen aufgehoben. Die Regierung beobachte die Entwicklung der Pandemie nun sehr genau, sagte der Premierminister. Man befürchte, die Infektionszahlen könnten auf 100.000 pro Tag ansteigen.

"Das wichtigste ist nun, dass die, die aufgerufen werden, ihre dritte Impfung abholen. Vier Millionen Booster-Impfungen haben wir schon verabreicht. Wir sind in einer wesentlich besseren Situation als vor dem vergangenen Winter", sagte Johnson. Noch bleibt die Regierung also dabei: keine Einschränkungen. Keine Vorgaben.

Abgeordnete gehen mit eigenem Beispiel voran

Selbst im Parlament sitzen die Abgeordneten mittlerweile wieder eng nebeneinander - ohne Mund-Nasen-Schutz. Zumindest die Konservativen. Die Labour-Abgeordneten tragen sehr oft Masken. In der Unterhaus-Debatte verteidigte sich der Abgeordnete Jacob Rees-Mogg, warum er glaube, dass es richtig sei, keinen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die Abgeordneten der Konservativen Partei auf seiner Seite würden einander kennen. Die Unlust einiger Abgeordneter, die Maske freiwillig anzulegen, könnte dazu beitragen, dass viele Briten es ganz ähnlich sehen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Oktober 2021 um 08:12 Uhr.