Männer tragen einen Sarg | Eldina Jasarevic, ARD Studio Wien/Südosteuropa
Reportage

Beisetzung 26 Jahre nach Srebrenica Angehörige leiden unter dem Leugnen

Stand: 12.07.2021 09:07 Uhr

26 Jahre nach dem Srebrenica-Massaker werden immer noch Opfer identifiziert und bestattet - so wie gestern Azmir Osmanovic. Er war 16, als er starb. Seine Angehörigen leiden vor allem unter dem Leugnen des Völkermords.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Mit Angehörigen und Freunden stehen Azir Osmanovic und seine Schwester Anera am Grab ihres Bruders Azmir. Sie beten gemeinsam mit dem Imam auf dem Friedhof von Potochari.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Azmir war im Juli 1995 16 Jahre alt, als er nach dem Fall der UN-Schutzzone Srebrenica mit seinem Vater in die umliegenden Berge floh, sich auf der Flucht trennen mussten. Danach, so sagt Azir Osmanovic, der Kurator der Gedenkstätte Potocari, habe er seinen älteren Bruder nie wiedergesehen.

Tage vor der Beisetzung am Sonntag erzählt Azir, unter welchen Umständen er und seine Familie vom Tod Azmirs erfahren haben: "Er wurde in der Nähe von dem Dorf Susnjari 2018 gefunden", sagt Azir. "Manchen Erzählungen nach ist er dort ums Leben gekommen. Anfang April dieses Jahres habe ich erfahren, dass seine Überreste identifiziert wurden. Es wurde eigentlich nur sein Schädel gefunden."

Menschen beten am Grab von Azmir Osmanovic, der Opfer des Völkermords in Srebrenica wurde. | Eldina Jasarevic, ARD Studio Wien/Südosteuropa

26 Jahre nach dem Tod seines damals 16-jährigen Bruders konnten Azir Osmanovic (vorne Mitte), seine Schwester Anera, Familienangehörige und Freunde Azmir beisetzen lassen. Bild: Eldina Jasarevic, ARD Studio Wien/Südosteuropa

Unzufrieden mit der Suche nach Vermissten

Er sei auf der Flucht zusammen mit einigen Freunden in ein Minenfeld gelaufen und auf eine Mine getreten. Mit der Suche nach den rund 1000 Vermissten des Völkermords von Srebrenica sei er unzufrieden, sagt Azir Osmanovic, der Geschichte studiert hat und seit über zwölf Jahren als Kurator der Gedenkstätte arbeitet. Er lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in ostbosnischen Stadt, die in der serbisch dominierten Republika Srpska liegt.

Fast täglich geleugnet

In all den Jahren habe er nur eine einzige Schulklasse aus der Republika Srpska durch das Museum führen können, und das seien überwiegend bosniakische Kinder gewesen. Der Völkermord an 8372 Bosniaken im Juli 1995 durch die bosnisch-serbischen Einheiten unter Ratko Mladic werde in der Stadt fast tagtäglich geleugnet.

"Die, die den Völkermord begangen haben, leugnen ihn jeden Tag", sagt Azir. "Einem normalen Menschen, einem, der den Völkermord in Srebrenica, überlebt hat, fällt es überhaupt nicht leicht, dem Völkermordleugnen alltäglich ausgesetzt zu sein. Wir kämpfen dagegen, aber wir leben in so einem ungerechten System, dass wir da als Einzelpersonen nichts ändern können."

Manche der Täter würden sich frei in Srebrenica bewegen, sagt Azir Osmanovic, der 1982 geboren wurde. Es falle ihm nicht leicht, sie auf freiem Fuß zu sehen, zusammen mit ihnen manche Veranstaltungen zu besuchen.

Natürlich wäre es gut, wenn sich Gerichte in Bosnien-Herzegowina mit den Kriegsverbrechen beschäftigen würden - jetzt, nach dem Ende des Haager Kriegstribunals und dem finalen Urteilsspruch gegen Ex-General Ratko Mladic, der zur lebenslange Haft verurteilt worden ist. Aber angesichts der faktischen Zweiteilung des Landes in die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska habe er da seine Zweifel.

Hoffen auf ein Gesetz gegen die Völkermordleugnung

Azir Osmanovic hofft zudem, dass es endlich zu einem gesetzlichen Verbot des Volksmordleugnens von Srebrenica kommt, das bislang am Veto der Republika Srpska scheitert: "Ich habe mehrmals gesagt, dass die internationale Gemeinschaft das Gesetz über das Verbot von Völkermordleugnen aufzwingen soll. Dieses Gesetz soll nicht zu einem Papiertiger werden, was der Fall mit vielen Gesetzen in Bosnien ist", sagt er.

"Im Gesetz sollen drakonische Strafen vorgesehen werden für alle, die entweder nur versuchen oder besonders für die, die ständig den Völkermord in Srebrenica leugnen." Das Gesetz solle Strafen bestimmen, vor denen die Genozidleugner Angst hätten. "Nur so kann die Leugnung vom Völkermord in Srebrenica verhindert werden."

Am offenen Grab seines Bruders Azmir, der im Alter von 16 Jahren getötet wurde, stehen die Trauernden, der Sarg mit Erde bedeckt - dann verlassen die Angehörigen die frische Grabstelle.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 12. Juli 2021 um 07:50 Uhr.