Eine Statue der Jungfrau Maria in einer spanischen Kirche | AFP

Sexualisierte Gewalt in Spanien "Kein Fehler, sondern ein Verbrechen"

Stand: 19.02.2022 09:54 Uhr

Sexualisierte Gewalt durch katholische Geistliche war jahrzehntelang ein Tabu in Spanien. Eine systematische Aufarbeitung steht immer noch aus. Doch der Druck auf die Kirche wächst, denn es melden sich immer mehr Betroffene zu Wort.

Von Franka Welz, ARD-Studio Madrid

Luis Alaejos Gonzales war zwölf Jahre alt und besuchte eine vom katholischen Maristen-Orden geführte Schule in der nordspanischen Stadt León, als sein Lehrer, Bruder Isidro, ihn zum ersten Mal in einer kleinen Gruppe von vier oder fünf Schülern zur Strafe nachsitzen ließ.

Franka Welz ARD-Studio Madrid

Nach einer Weile habe der Priester seine Mitschüler nach Hause geschickt, erzählt Luis und ihn als letzten dabehalten, drei oder viermal sei das passiert: "Mich hat er dabehalten und abgefragt - es war abends, die Schule war praktisch leer, und ich habe die Lektion vor seinem Tisch vorgetragen und er hat mich an der Hand näher zu sich gezogen und mir unter meine kurzen Hosen gefasst."

Das war Mitte der 1960er-Jahre. Spanien war eine Diktatur unter Franco, die katholische Kirche als eine wichtige Stütze des Regimes eine mächtige Institution. Lange hat Luis Alaejos niemandem von seiner Erfahrung erzählt.

Ein Priester in seiner Soutane und mit dem Kreuz sei eine mächtige Figur für einen zwölfjährigen Jungen gewesen, sagt er heute. Er habe sich geschämt, wie ein Feigling und mitschuldig gefühlt, weil er sich nicht stärker gewehrt habe.

Luis Alaejos Gonzales | ARD Madrid

Es hat lange gebraucht, bis er über die sexualisierte Gewalt sprechen konnte, die ein Geistlicher ihm angetan hatte. Heute fordert Luis Alaejos Gonzales von der Kirche Aufklärung statt Vertuschung. Bild: ARD Madrid

Kein Interesse an Aufklärung

Alaejos ist mittlerweile 70 Jahre alt und arbeitet als Schriftsteller in Madrid. Inzwischen spricht er offen über das, was ihm widerfahren ist und kritisiert: Die Kirche habe niemals ein Interesse an der Aufklärung gezeigt, sondern stets alles vertuscht, etwa den betreffenden Priester in eine andere Provinz versetzt, seinen Namen geändert, jegliche Untersuchung verhindert und niemals kooperiert.

Die katholische Kirche in Spanien tut sich bis heute schwer mit der Idee einer landesweiten, unabhängigen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Der Generalsekretär der spanischen Bischofskonferenz witterte gar einen politisch motivierten Angriff auf die Kirche.

Der Kommunikationsdirektor der Bischofskonferenz, José Gabriel Vera, hat unlängst den dezentralen Ansatz der Kirche verteidigt, die 2019 Büros in allen spanischen Diözesen eröffnet hat, um die Opfer anzuhören, zu begleiten, zu entschädigen, "ihr Leben zu heilen". Er und andere Kirchenvertreter kritisieren, die Untersuchung ziele allein auf die Kirche, dabei sei Kindesmissbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem in Spanien.

Eine Zeitung sorgt für Öffentlichkeit

Opferorganisationen kritisieren dies als PR-Strategie, schreibt etwa die Zeitung "El País", deren Recherchen maßgeblich dazu beigetragen haben, dass in Spanien Bewegung in dieses Thema gekommen ist, dass mehr und mehr Betroffene ihre Erfahrungen öffentlich machen.

Reporter der Zeitung hatten Papst Franziskus vor einigen Woche einen 385-seitigen Bericht übergeben. Die Dokumentation umfasst 251 einschlägige Fälle, die zum Teil bis ins Jahr 1943 zurückreichen. Der Papst hatte daraufhin die spanischen Bischöfe aufgefordert, die Vorwürfe zu klären.

Das Erzbistum Madrid betonte derweil, eine umfassende Aufklärung sei notwendig, verbreitete aber bisher nur einen Videoclip, in dem dazu aufgerufen wird, mutmaßliche Fälle anzuzeigen, denn "jeder Missbrauchsfall" sei "einer zu viel". Ein offener Umgang mit dem Thema können helfen, "Wunden zu heilen".

Eine unabhängige Kommission soll aufarbeiten

Die Politik will jetzt handeln: Die regierende sozialistische Partei von Ministerpräsident Pedro Sánchez will eine unabhängige Kommission unter Vorsitz des Ombudsmannes, des spanischen Bürgerbeauftragten, mit der Aufarbeitung betrauen. Bevorzugt mit Beteiligung der Kirche, aber die will sich erst weiter äußern, wenn die Kommission gebildet sei.

Alaejos ist skeptisch, der Ombudsmann könne "anklagen, Dinge ans Licht bringen", aber nicht wirklich handeln.

Die Parteien verfolgen unterschiedliche Ziele

Die Fraktion von Podemos, der linke Koalitionspartner der Sozialistischen Partei, will zusätzlich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der parallel zu der unabhängigen Expertenkommission arbeiten soll, die Ministerpräsident Sánchez vorschwebt. Die konservative Volkspartei sowie die Rechtspopulisten von Vox lehnen beide Vorschläge ab.

Isabel Díaz Ayuso, die Regionalpräsidentin von Madrid von der konservativen Volkspartei (PP), äußerte vor einigen Tagen, alle Institutionen machten Fehler. Alaejos lässt das nicht gelten: "Das ist kein Fehler, sondern ein Verbrechen, ein sehr schweres Verbrechen."

Das historische Schwarzweißbild zeigt eine große Gruppe Grundschüler aufgereiht für ein Klassenphoto mit einem Priester als Lehrer. | ARD Madrid

Nach außen hin ein Ort der Fürsorge: die Schule des Maristen-Ordens in den 1960er-Jahren. Hier verging sich Bruder Isidro (2. Reihe, 1. v. links) an Luis Alaejos Gonzales (2. Reihe, 7. v. links). Bild: ARD Madrid

Viele Delikte verjährt

Spaniens Generalstaatsanwältin Dolores Delgado wies derweil die regionalen Staatsanwaltschaften an, alle Verdachtsfälle und Anzeigen zu sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld zu sammeln und nach Madrid zu schicken. Die Frist lief Anfang der Woche ab. Auch Alaejos hat seinen Fall der Staatsanwaltschaft in León gemeldet. Dass viele der Delikte mittlerweile verjährt sind, hält er für einen Skandal:

Hier geht es um den Missbrauch von Kindern. Von Kindern. Wir reden nicht über sexualisierte Gewalt zwischen Erwachsenen, das sind wehrlose Kinder. Und wenn diese Delikte verjähren können, ist das wirklich eine Schande.

Auch dafür gelte es zu kämpfen, dass das künftig nicht mehr möglich sein dürfe.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 14. Februar 2022 um 13:20 Uhr.