Demonstranten in Madrid (Archivbild) | picture alliance / dpa

Zehn Jahre "Spanischer Frühling" Was ist aus den "Empörten" geworden?

Stand: 15.05.2021 17:36 Uhr

Im Frühjahr 2011 lehnte sich Spaniens Jugend auf. Arbeitslosigkeit und Frust über die Parteien trieb sie auf die Straßen. Madrid wurde zur Protest-Hochburg. Einige Vertreter schafften es später in die Parlamente.

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Es war eine halbspontane Aktion: Nach einer der vielen Demonstrationen gegen soziale Ungerechtigkeit, Politikversagen und Korruption, die es im Frühjahr 2011 gab, besetzten ein paar junge Leute kurzerhand eine Ecke an der Puerta del Sol, dem wichtigsten Platz im Herzen Madrids.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

In den nächsten Tagen wurde aus dem Happening eine ausgewachsene Platzbesetzung, auch in einigen anderen großen Städten fanden solche Aktionen statt. Jeden Abend kamen Tausende Menschen, um die zumeist jungen Demonstranten mit zu unterstützen. "Indignados" nannten sich manche - die "Empörten". Sie fühlten sich von der Politik nicht vertreten.

Hohe Arbeitslosenquote

Laut damaligen Umfragen hatten drei Viertel der Bevölkerung Sympathie für die jungen Leute - so wie diese Frau. Der Protest sei überfällig, sie sei stolz, dabei zu sein, sagte sie. Sie habe die Nase gestrichen voll, seit Jahren schon.

Denn seit Jahren schon waren die Menschen in Spanien schwer gebeutelt: Erst war die Immobilienblase geplatzt, dann kam die Banken- und Eurokrise dazu. In Spanien lag die Jugendarbeitslosigkeit bei deutlich über 40 Prozent. Die Politik hatte versagt, fanden viele.

Die Platzbesetzung in Madrid war eine der längsten: Rund einen Monat lang stand dort das Zeltlager der "Bewegung des 15. Mai" - so hatten die Medien den Protest getauft. Die Demonstranten hatten nicht nur einen Küchendienst organisiert, sondern auch eine medizinische Versorgung und die Müllbeseitigung. Im ganzen Camp gab es jede Menge politische Diskussionen.

Einzug ins EU-Parlament

"Die Besetzung war kein Wert an sich, das ist uns irgendwann klar geworden. Wir haben begonnen, unsere Versammlungen, die politische Arbeit, in möglichst viele Stadtteile zu tragen", sagt Eduardo Fernandez, der damals als 19-jähriger dabei war. Ein paar Jahre später gehörte er zu denen, die die Agitation von der Straße in die Politik tragen wollten.

Für die frisch gegründete Partei Podemos stellte er 2014 ein Social Media Team zusammen. International bekannt ist aber vor allem Mitbegründer Pablo Iglesias. Der Politologe führte die Linkspartei aus dem Stand ins Europaparlament.

Sein rebellisches Äußeres, mit Goatee und langem Zopf, passte zum angekündigten Widerstand gegen die EU-Sparpolitik: "Wir wollen keine Kolonie Deutschlands oder der Troika sein", schimpfte er.

Schwere Schlappe für Iglesias

Inzwischen ist Podemos mit der Traditionspartei "Vereinigte Linke" fusioniert und tatsächlich Juniorpartner in der Regierung von Ministerpräsident Pedro Sanchez. Sie hat unter anderem durchgesetzt, dass der Mindestlohn angehoben wurde. Trotzdem knirscht es oft gewaltig.

Die Linkspartei ist ideologisch unbeweglich. Auch deswegen ging es seit den sagenhaften 17 Prozent bei den Parlamentswahlen 2016 tendenziell bergab. Die Regionalwahl in Madrid, Anfang des Monats, geriet zu einer Enttäuschung.

Sie erhielt nur zehn Prozent der Stimmen, obwohl Iglesias sogar den Ministerposten in der Regierungskoalition aufgegeben hatte, um als Spitzenkandidat in der Region anzutreten. Als Konsequenz zog der Podemos-Mitbegründer sich aus der aktiven Politik zurück.

Neues Bündnis in Madrid

Die "Bewegung des 15. Mai" ist aber nicht nur in Form von Podemos in der Politik vertreten. Barcelona hat eine Bürgermeisterin, die aus der dortigen "Bewegung des 15. Mai" kommt. Madrid hatte von 2015 bis 2019 eine linksalternative Bürgermeisterin. Ihre Wiederwahl scheiterte hauchdünn.

Bei der Regionalwahl in Madrid Anfang des Monats war ein Wahlbündnis aus der Tradition des 15. Mai stärkste Kraft der Opposition geworden, noch vor den Sozialisten. Mas Madrid heißt der Zusammenschluss, dessen Mitglieder sich selbst dem Spektrum der Grünen zurechnen.

Spitzenkandidatin Monica Garcia beeindruckte politische Beobachter. Auch damit, dass sie das Angebot einer gemeinsamen Liste mit Podemos und deren damaligen prominentem Spitzenkandidaten Iglesias dankend ablehnte. Die Zeiten, in denen Frauen in die zweite Reihe zurückgetreten sind, seien vorbei, sagte sie.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Mai 2021 um 17:26 Uhr.