Wohnblock in Lunik IX | AP
Reportage

Besuch in der Slowakei Lunik IX hofft auf den Papst

Stand: 14.09.2021 03:34 Uhr

Verwahrloste Plattenbauten, vergitterte Fenster, stinkender Müll: Normalerweise verirrt sich niemand nach Lunik IX - eines der größten Roma-Ghettos Europas. Aber der Papst-Besuch weckt Hoffnungen.

Von Marianne Allweiß, ARD-Studio Prag, zurzeit Kosice

Am hohen Metallzaun des Gemeindezentrums schiebt Pater Peter die letzten Kinder raus durch das Tor. Der große, schlanke Mittvierziger ist ein viel gefragter Mann in diesen Tagen. Normalerweise verirrt sich kaum jemand von außerhalb zu ihm nach Lunik IX - eines der größten Roma-Ghettos Europas, nur 15 Minuten außerhalb des historischen Zentrums von Kosice in der Ostslowakei.

Marianne Allweiss ARD-Studio Prag

Und auch der Slum sieht anders aus als sonst. Man verschönere gerade die Gegend, erzählt Pater Peter - die Grünflächen würden gepflegt, ein paar Bäumchen gepflanzt. Seit Wochen betonieren Bauarbeiter Gehwege, Anwohnerinnen fegen die Straßen. Der stinkende Müll, der sich sonst im Gras türmt, ist schon weggeräumt.

Nein, nur für den Papst passiere das alles hier nicht, meint der katholische Priester Peter Zatkulak: "Uns geht es darum, dass die Menschen das Schöne hier sehen, dass sie erkennen, dass man auch nach den Messen hier ein gepflegtes Leben haben kann."

Peter Zatkulak | AP

Priester Peter Zatkulak: "Man kann hier ein gepflegtes Leben haben." Bild: AP

Eine Geschichte des Verfalls

Rund 6000 Menschen wohnen in Lunik IX. In den 1970er-Jahren wurde hier ein gemischtes Neubauviertel geplant, die Roma aus der Umgebung von Kosice sollten richtige Wohnungen bekommen, sesshaft werden, mussten arbeiten. Nach dem Ende des Kommunismus blieben nur die Roma - mehr als 10.000 in den 1990er-Jahren. Die Platten verfielen, Strom, Wasser und Gas wurden oft abgestellt.

90 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner haben keine Arbeit, leben von Sozialhilfe und Kindergeld. Der Staat finanziert einen Kindergarten und eine Grundschule, um die Menschen kümmern sich Pater Peter und sein Orden, die Salesianer Don Boscos. Vor neun Jahren haben sie hier ihr Gemeindezentrum mit einer Kirche eröffnet. Die Fenster sind vergittert. Direkt dahinter, in den Panelaks, den Platten, fehlen viele Scheiben. 

Es fehlen Einsicht und Kraft

Mit den Jahren, berichtet Zatkulak weiter, habe es sich aber so entwickelt, dass die Leute zu ihnen kämen und um Hilfe bitten, anstatt umgekehrt - und das sehe er als riesigen Fortschritt an. Sein Traum sei es, dass sich diese Menschen in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, dass Lunik IX als Roma-Ghetto eines Tages nicht mehr existiert. Aber dazu fehle vielen die Einsicht und die Kraft, ihre eigenen Umstände ändern zu wollen. 

Auch vor dem Papst-Besuch hätten viele gefragt, warum er komme und ob er etwa die Wohnblöcke reparieren wolle, so der Priester. Er habe dann geantwortet: "Er kommt wegen euch. Er will Dich treffen, von Angesicht zu Angesicht, und Dir sein Lächeln schenken. Was Du damit anstellst, liegt dann bei Dir."

Kinder lauschen einem Konzert vor dem Papst-Besuch in Lunik IX. | EPA

Fast alle Bewohnerinnen und Bewohner leben von Sozialhilfe und Kindergeld. Bild: EPA

"Das hier verschreckt nur alle"

Aus ihrer Wohnung in Lunik IX haben Milan Turtak und seine Frau etwas gemacht. Wie viele andere auch ist sie farbenfroh eingerichtet, Grünpflanzen schmücken die kleinen aufgeräumten Zimmer, vor den Fenstern hängen Gardinen, sie servieren Tee. Seit 15 Jahren leben sie hier. Und doch, sagt er, könnten die Umstände in Lunik so nicht bleiben: "Der Staat muss die Wohnungen in Ordnung bringen, weil das hier einfach alle nur verschreckt." Er selbst wolle hier auch nicht wohnen.

Als abschreckendes Beispiel verfehlter Integrationspolitik gilt das Roma-Ghetto vielen Slowakinnen und Slowaken. Ein Großteil der Mehrheitsgesellschaft glaubt nicht, dass Roma diskriminiert werden. Als Schandfleck sehen sie Lunik IX trotzdem. Einige schämen sich dafür, andere sorgen sich um das Image der Slowakei, wenn der Papst ausgerechnet den Ort des Landes besucht, von dem alle nur wegwollen.

Frau Turtakova jedenfalls erzählt, dass sie ihrer Tochter, die in England als Putzkraft arbeite, Geld für Pässe geschickt habe: "Und dann habe ich sie fortgeschickt, weil die Kinder hier nur untergehen würden."

Was kommt, wenn der Papst weg ist?

Dennoch setzen nicht nur die Salesianer auf Hilfe vor Ort. Auch einen Roma-Bürgermeister gibt es seit mehreren Jahren. Und die Nichtregierungsorganisation ETP unterstützt einige Familien wie die von Ruzena Kandurova dabei, eigene Häuser in der Umgebung zu bauen, um den Platten und den Hütten im Wald am Rand der Platten zu entkommen. Ein Jahr lang habe sie jeden Monat 50 Euro gespart für ein Mini-Darlehen. Das sei verdammt schwer gewesen, aber sie habe es geschafft.

Ihr Haus wird der Papst nicht sehen können, die Baugenehmigung fehlt noch - genau wie nachhaltige Veränderungen hinter den Potemkinschen Platten. Milan Turtak glaubt trotzdem, dass sich die Menschen hier auf den Papst freuen. Was aber danach komme, das sei schwer zu sagen. "Der Staat unterstützt uns jetzt, aber Gott weiß, wie es danach wird."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. September 2021 um 09:45 Uhr.

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KOMMENTARE

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Alter Brummbär 14.09.2021 • 15:03 Uhr

Lunik IX hofft auf den Papst

Warum? Gegenseitiger Respekt, würde schon helfen, wenn man die Auffasung der Lebenesweise und Lebensumstände vergleicht. Aufeinander zugehen und nicht weiter spalten.