Eine Frau führt im slowakischen Trencianske Stankovce einen Corona-Schnelltest durch | AP

Corona in der Slowakei Hilf- und ratlos in die nächste Welle

Stand: 04.11.2021 10:26 Uhr

In der Slowakei erreichen die Infektionszahlen täglich neue Höchststände, die Kliniken füllen sich rapide. Die Regierung hat bei der Bevölkerung Vertrauen verspielt - und Maßnahmen stoßen auf immer mehr Widerstand.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Prievidza, eine Kleinstadt nordöstlich von Bratislava: Vor einem Supermarkt haben sich Aktivisten der Gruppe "Kämpfer gegen Schutzmasken" versammelt und skandieren "Freiheit, Freiheit". Einige von ihnen sind mit Maske in den Supermarkt gegangen, haben sich die Einkaufswagen voll geladen und sich dann an die Kasse gestellt - ohne Maske.

Peter Lange ARD-Studio Prag

Das Personal hat sie vergeblich aufgefordert die Masken wieder anzulegen. Die Aktivisten weigerten sich und blockierten die Kasse. Die Polizei wurde gerufen und nahm die Personalien auf. Der Supermarkt war drei Stunden blockiert.

"Es ist ein Problem", sagt Regierungschef Eduard Heger. "Ich verlasse mich auf den neuen Polizeipräsidenten. Es reicht hier, wenn Gesetze durchgesetzt werden gegenüber denen, die sie verletzen."

Keine Vorteile für Geimpfte

Noch sind das einzelne Aktionen, aber der Unmut in der slowakischen Gesellschaft ist gewaltig. So wie bei dem Inhaber eines Fitness-Studios in der Stadt Topolcany. Wegen hoher Infektionszahlen ist der Bezirk seit Montag schwarz gefärbt auf der Covid-Ampel. Deshalb soll Martin Gajnak sein Studio schließen. Doch er weigert sich.

Die Covid-Ampel sei ein Regierungsbeschluss und habe somit keine rechtliche Verbindlichkeit. Und besonders ärgert sich Gajnak darüber, dass es in den schwarzen Bezirken auch für vollständig Geimpfte keine Ausnahme gibt. "Impfung ist doch Freiheit! Warum sollten wir also Geimpfte nicht hereinlassen? Und wenn wir schließen sollen: Warum gibt es keine Kompensation bei Miete, Löhnen, Energie?"

Neuer Lockdown in Sicht

Wenn es so weitergehe, würden wohl auch die Menschen nachlassen, die bisher versucht haben, die Auflagen einzuhalten, sagt Marek Habulak, der Chef der Hotel- und Restaurant-Vereinigung. "Sie sind müde. Sie werden sich an die geltenden Regeln einfach nicht mehr halten."

Denn die Regeln, die in jenen Bezirken gelten, die auf der Corona-Ampel schwarz gefärbt sind, laufen auf einen neuen Lockdown hinaus. Und schwarz gefärbt sind inzwischen 24 der 79 Bezirke, ab nächster Woche sind es 36. Der Rest ist überwiegend dunkelrot. Am Dienstag wurden mit PCR-Tests knapp 5400 Infektionen nachgewiesen. Es war der höchste Tageswert in diesem Jahr. In den Krankenhäusern werden derzeit fast 1800 Menschen mit Covid-19 behandelt.

Impfquote weit unter EU-Durchschnitt

Auch in der Slowakei ist es überwiegend eine Pandemie der Ungeimpften. Knapp 44 Prozent der Bevölkerung hatten Ende Oktober vollständigen Impfschutz - ein Wert weit unter EU-Durchschnitt. Alle Bemühungen, die Impfquote zu heben - mit einer Lotterie zum Beispiel - sind gescheitert. Das muss auch Ministerpräsident Heger einräumen: "Ich denke, hinter der niedrigen Impfungsrate steht vor allem die starke Politisierung des Themas. Auch die Verbreitung von Lügen, auch durch Politiker. Nehmen Sie nur die Oppositionsführer. Die sind bis heute nicht geimpft."

Dass Geimpfte in den schwarzen Bezirken keine Vorteile davon haben, dass sie geimpft sind, hält der Regierungschef für richtig. Parlamentspräsident Boris Kollar, dessen Familienpartei auch im Kabinett sitzt, widerspricht: "Auf der einen Seite sagen wir 'Impfen ist Freiheit'. Und auf der anderen Seite sehen jetzt die Menschen: Es stimmt nicht. Vertrauen Sie dann dieser Regierung?"

Nach der letzten Meinungsumfrage kämen die vier Regierungsparteien nicht einmal mehr auf 30 Prozent der Stimmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2021 um 06:20 Uhr.