Das gerissenen Zugseil liegt in der Trasse der Seilbahn von Stresa | EPA

Seilbahnunglück im Piemont "Es war kein Versehen"

Stand: 26.05.2021 18:19 Uhr

Nach dem Seilbahnunglück am Monte Mottarone herrscht in Stresa Verbitterung. Die Ermittler sind sich sicher, dass das Notbremssystem deaktiviert wurde. Warum das Zugseil riss, ist aber weiter unklar.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Fassungslosigkeit, ungläubiges Kopfschütteln. Die Menschen in Stresa können die Nachricht kaum glauben. Dass das Unglück an "ihrer" Seilbahn kein tragischer Zufall gewesen sein soll, sondern das Resultat vorsätzlichen Handelns.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

"Wir sind verbittert, das tut im Herzen weh", sagt Barbara Colla zur Meldung, dass der Betreiber der Seilbahn und zwei seiner Mitarbeiter im Zusammenhang mit dem Unglück festgenommen wurden - und zumindest einer von ihnen eingeräumt hat, die Bremsanlage der Unglücksgondel manipuliert zu haben. "Es war schon ein schlimmer Moment, und dies ist jetzt ein weiter Schlag. Den Menschen hier fehlen die Worte."

In dem 5000-Einwohner-Städtchen, in dem die Talstation der Seilbahn liegt, waren die jetzt Beschuldigten häufig zu sehen. "Ich kenne zwei von den Personen sehr gut, die jetzt festgenommen wurden", sagt auch Luciano Mussa. "Ich kann mir es nicht erklären und man muss sehen, wie es dazu gekommen ist. Leider wird jemand dafür bezahlen müssen."

Bremsanlage vorsätzlich manipuliert

Die Ermittler sind sich sicher, dass die Festgenommenen die Bremsanlage der Unglücksgondel vorsätzlich manipuliert haben, um Verspätungen und Ausfälle von Fahrten zu vermeiden.

"Es war kein Versehen", sagt der zuständige Carabinieri-Kommandant Roberto Cicognani, der an den Verhören in der vergangenen Nacht beteiligt war. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, um die Seilbahn weiter zu betreiben. Diese habe ein Problem gehabt, bei dem die Notbremse sich hätte aktivieren können. Der Betrieb der Seilbahn hätte dann unterbrochen werden müssen.

"Eine Person hat berichtet, dass sie Veränderungen vorgenommen hat, damit die Seilbahn fahren kann", erklärt Cicognani. "Das hat zur Ausschaltung der Notbremse geführt und leider zu dieser Tragödie."

Roberto Cicognani | Jörg Seisselberg

Carabinieri-Kommandant Roberto Cicognani berichtet von einer vorsätzlichen Manipulation der Notbremsvorrichtung. Bild: Jörg Seisselberg

Metallgabel wurde offenbar öfter eingesetzt

Konkret ist eine sogenannte Metallgabel in die Bremsanlage eingesetzt worden. Sie wird normalerweise bei Wartungsarbeiten genutzt, oder wenn die Seilbahn nachts außer Betrieb ist. Diese Metallgabel verhindert, dass die Notbremsautomatik in Kraft tritt. Die Verantwortlichen konnten mit dieser Manipulation den Seilbahnverkehr bis zum Unglück aufrechterhalten, trotz der in den Tagen zuvor aufgetretenen Probleme.

Die Metallgabel, sagt die leitende Staatsanwältin Olimpia Bossi, sei nicht nur am Tag des Absturzes eingesetzt worden: "Nachdem was wir heute wissen, ist es mehrfach gemacht worden - ob ständig oder nur, wenn konkrete Probleme im Betrieb auftraten, wissen wir noch nicht." Klar sei allerdings, dass es nicht nur am Sonntag der Fall war. "Das ist zugegeben worden."

Absturz hätte wohl verhindert werden können

Weil die Bremsanlage manipuliert war, konnte am Sonntag der bei Seilbahnen vorgesehen Sicherheitsmechanismus nicht greifen: Ein automatisches Abbremsen der Gondel am noch intakten Tragseil hätte einen Absturz aller Wahrscheinlichkeit nach verhindert.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich jetzt auf die Frage, warum das Zugseil gerissen ist, und ob hier möglicherweise eine Verbindung zur manipulierten Bremsanlage besteht.

Überlebender Fünfjähriger aus Koma geholt

Gute Nachrichten gibt es von dem fünf Jahre alten Jungen, der das Unglück als einziger von 15 Passagieren überlebt hat. Die behandelnden Ärzte berichten, das Kind habe erstmals kurz die Augen geöffnet. Seit gestern wird der Fünfjährige langsam aus dem künstlichen Koma geholt, am Vormittag wurde erstmals die Beatmungsmaschine abgestellt. Die Reaktionen des Jungen seien positiv, sagen die Ärzte, es gebe Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Mai 2021 um 16:00 Uhr.