Nicola Sturgeon vor ihrem eigenen Konterfei auf einem Wahlkampfplakat. | dpa
Porträt

Regierungschefin Sturgeon Eine Karriere für Schottland

Stand: 06.05.2021 04:47 Uhr

Schottlands Unabhängigkeit treibt Regierungschefin Sturgeon seit der Schulzeit um, als es noch keine Regionalregierung gab. Nun hat sie ihren Wahlkampf darauf ausgerichtet - das ist populär, aber riskant.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Im Leben von Nicola Sturgeon gibt es ein fortlaufendes Thema: Schottland. Schon als Teenagerin in den Achtzigerjahren habe sie die Übermacht Englands gespürt: Die Schotten hätten Labour gewählt und Margaret Thatcher bekommen, sagte die heutige schottische Regierungschefin in einer BBC-Sendung. 

Christoph Prössl ARD-Studio London

Das echte Leben um sie herum habe sie als junge Frau geprägt und motiviert, in die Politik zu gehen. "Meine Freunde und ich wussten damals: Wenn dein Vater den Job verliert, wird er nie wieder einen bekommen", erinnert sie sich. "Und die Schule, auf die ich ging, war keine Schule, die den Weg zur Universität ebnete. Es gab das Gefühl, dass es keine Hoffnung auf einen Job für uns gibt."

Politisch interessierte Schülerin

Sturgeon wuchs in der Nähe von Glasgow auf. Die Eltern waren 17 und 21 Jahre alt, als Nicola als älteste von drei Töchtern 1970 geboren wurde. Der Vater war Elektriker, die Mutter Zahnarzthelferin. Eine Jugend in der Thatcher-Ära, mit Duran Duran, Kate Bush und der Diskothek Frosties, wie sie in einem Interview einmal erzählte.

Politisch interessiert war sie schon in der Schule: "Lange bevor ich der Partei SNP beigetreten bin, war ich fasziniert von der Welt um mich herum und was da so passiert ist. Nicht nur schottische Politik. Auch Südafrika zum Beispiel hat mich interessiert", beschrieb sie die Anfänge ihrer politischen Bildung. "Ein Lehrer hat mich sehr unterstützt. Ich konnte mir meine eigene Meinung bilden. Das war eine der wertvollsten Dinge, die er für mich getan hat."

Erste Kandidaturen ohne Erfolg

Sturgeon studierte Jura in Glasgow, noch an der Universität schloss sie sich einer Organisation an, die sich für die Unabhängigkeit Schottlands einsetzt. Später trat sie der Schottischen Nationalpartei, kurz SNP, bei und arbeitete als Anwältin. Die Partei verfolgt eine starke Sozialpolitik und die Unabhängigkeit Schottlands. Sturgeon trat als Kandidatin für mehrere Regional- und Kommunalwahlen an, scheiterte jedoch zunächst.

1999 gelang Sturgeon der Einzug ins gerade neu geschaffene schottische Parlament. 1998 hatte Tony Blair durch die sogenannte "Devolution" Kompetenzen von London nach Schottland, Nordirland und Wales abgegeben. Seitdem gibt es regionale Regierungen für Gesundheit, Schule, Wohnungspolitik und Tourismus.

Karriere im Team mit Salmond

Sturgeon machte in den folgenden Jahren Karriere. Schon bald an der Seite von Alex Salmond, dem damaligen SNP-Chef. Der trat 2014 nach dem verlorenen Referendum für die Unabhängigkeit Schottlands zurück. 55 Prozent der Schotten hatten damals gegen die Unabhängigkeit gestimmt. Weil man ihnen gesagt hätte, sie würden den Zusammenhalt der Union, des Vereinigten Königreichs gefährden, sagt Sturgeon heute. Später argumentierte sie: Schottland ist gegen seinen Willen aus der Europäischen Union geführt worden. Also stellt sich nach Ansicht der SNP die Frage neu.

Sturgeon übernahm 2014 den Parteivorsitz und wurde "Erste Ministerin", also Regierungschefin Schottlands. 2016 verfehlte die SNP bei den Wahlen nur knapp die absolute Mehrheit. In diesem Jahr, nach dem Brexit, steht die Unabhängigkeit Schottlands im Mittelpunkt der Kampagne der SNP: Schottland sei im internationalen Vergleich ein wohlhabendes und wirtschaftlich starkes Land, das sein Potenzial nicht ausschöpfen könne, weil es von der Regierung in London in die falsche Richtung gezogen worden sei, sagte Sturgeon in einer Diskussionsrunde in dieser Woche.

Möglich, dass die SNP die absolute Mehrheit holt. Ein Referendum auszurichten, wird dann allerdings nicht ganz so einfach. Die Regierung in London muss zustimmen: Premierminister Boris Johnson machte deutlich, dass es ja 2014 schon eines gegeben habe. Mit dieser Begründung lehnt er ein weiteres für die kommenden Jahre ab. Davon lässt Sturgeon sich wenig beeindrucken. Wenn die SNP ein starkes Ergebnis einfährt, hätte sie für ihre Forderung Rückenwind.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Mai 2021 um 22:15 Uhr.