Wladimir Putin | AP
Interview

Russlands Teilmobilmachung "Putin gehen die Optionen aus"

Stand: 22.09.2022 18:59 Uhr

Die angekündigte Teilmobilmachung werfe für Russland viele Probleme auf, sagt Militärexperte Gady. Am Ende könne sie die Moral der Truppe noch weiter senken - doch für die Ukraine sei der Krieg "noch lange nicht gewonnen".

tagesschau.de: Wie schnell kann die von Russlands Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu angekündigte Teilmobilmachung greifen und auf das Kriegsgeschehen einwirken?

Franz-Stefan Gady: Russland hat, historisch gesehen, nur drei Mal eine Mobilisierung der Streitkräfte angeordnet in den vergangenen 120 Jahren. So gesehen ist das ein besonderes Ereignis. Aber man muss verstehen, dass Russland keine Streitkräftestruktur mehr hat, die auf eine Massenmobilisierung wie zu Sowjetzeiten ausgerichtet ist. Das macht es schwierig, einzuschätzen, wie schnell diese Einheiten an die Front kommen können.

Das Kampfgeschehen wird diese Maßnahme auf jeden Fall beeinflussen, indem es den Krieg zumindest von russischer Seite in die Länge zieht. Den unmittelbaren Kriegsverlauf kann diese Maßnahme aber nicht beeinflussen. Dennoch: Neben der Entscheidung, den Krieg in der Ukraine zu beginnen, ist dies sicher die schwerwiegendste in der Amtszeit Putins und eine eindeutige Eskalation.

 Franz-Stefan Gady 
Zur Person

Franz-Stefan Gady ist Militärexperte und Research Fellow beim Institute for International Strategic Studies in London.

Drei Optionen - und ihre Folgen

tagesschau.de: Wenn Russland diese Struktur nicht hat, wo könnten die neuen Rekruten denn eingesetzt werden?

Gady: Hier gibt es drei Optionen. Die erste: Die russische Armee könnte komplett neue Einheiten aufstellen, die eine Zeit lang trainiert und dann in den Kampf geschickt werden. Das kann je nach Waffengattung drei bis sechs Monate dauern.

Die zweite Option wäre, die taktischen Bataillonsgruppen, die in der Ukraine sind und teilweise eine nur noch eingeschränkte Kampfstärke haben, aufzufüllen. Da stellt sich aber die Frage: Werden diese Verbände aus dem Kampf herausgenommen und nach Russland zurückgeschickt, um die neuen Reservisten aufzunehmen und mit ihnen zu trainieren? Auch das würde mehrere Monate dauern. Oder werden die neuen Rekruten einfach nach und nach in die Ukraine geschickt? Das könnte nach der Grundausbildung, die sie bekommen sollen, innerhalb von ein paar Wochen geschehen, würde aber zu großen Problemen bei der Kampfmoral führen.

Die Russen haben ohnehin das Problem, dass sie - anders als die Ukrainer - keine Einheiten aus der Frontlinie ablösen können, damit die sich im Hinterland erholen und neu ausgerüstet werden können. Sie sind schon mehr als 210 Tage an der Front und erfahrungsgemäß erreicht man nach 200 bis 240 Tagen eine Art Scheitelpunkt, ab dem die Moral nachlässt - und die ist eines der wichtigsten Elemente in der Kriegsführung. Hier haben die Ukrainer klare Vorteile. Das Quantitätsproblem der russischen Streitkräfte wird vielleicht gelöst, aber nicht das Qualitätsproblem.

Die dritte Option wäre, mit den Rekruten einfache defensive, territoriale Bataillone zu bilden, die schnell zusammengestellt wären und benutzt würden, um verschiedene Frontabschnitte zu halten, wie es jetzt schon zwangsrekrutierte Einheiten der sogenannten Volksrepubliken tun. Solche Einheiten könnten innerhalb von wenigen Monaten einsatzbereit sein.

tagesschau.de: Wie gravierend ist der Umstand, dass die russische Armee nicht auf eine Mobilisierung ausgerichtet ist?

Gady: Im Gegensatz zu vielen westlichen Streitkräften hat die russischen Armee kein zentrales Trainingsdepot, vielmehr trainieren die einzelnen Regimenter die sogenannten Reservisten. Die Armee hat aber ihre besser ausgebildeten Unteroffiziere und Offiziere in die Ukraine geschickt. Viele sind dort gefallen, wurden gefangen genommen oder werden vermisst. Wer bleibt also, um die einberufenen Reservisten zu trainieren? Denn es handelt sich hier nicht um Reservisten im klassischen Sinn, wie wir sie von der Bundeswehr kennen. Wir reden von Menschen, die vielleicht eine Grundausbildung absolviert und vor Jahren einen militärischen Dienst abgeleistet haben, danach aber nicht mehr zu Reserveübungen einberufen wurden.

"300.000 Reservisten völlig unrealistisch"

tagesschau.de: Und das Defizit an Offizieren wird dadurch auch nicht aufgefüllt...

Gady: Das ist das nächste Problem: Wo kommen die nächsten Offiziersjahrgänge her? Das Problem wird durch die Teilmobilisierung kurzfristig nicht gelöst werden. Auch die Zahl von 300.000 Reservisten ist schwer einzuschätzen. Es kann nicht einmal geschätzt werden, ob die Zahl überhaupt in den sechsstelligen Bereich geht, oder ob gar mehr Männer in mehreren Wellen zu den Fahnen gerufen werden, die dann die 300.000 übersteigen wird. Man muss sehr genau darauf achten, was diese Teilmobilisierung mit der Gesellschaft macht.

Das Wichtigste unmittelbar ist, dass die vertragsgebundenen Soldaten, die sich nur für eine bestimmte Zeit verpflichtet haben, durch den Erlass ihren Dienst nicht beenden können - solange die Mobilisierung anhält. Das allein wird die Kampfmoral senken, das vielleicht größte Problem neben der fehlenden Ausbildung auf russischer Seite. Möglicherweise ist das Auslaufen der Verträge auch ein Grund dafür, die Teilmobilisierung auszurufen - neben dem Erfolg der Ukrainer in der Charkiw-Offensive.

tagesschau.de: Was kann die Teilmobilisierung dann überhaupt bewirken?

Gady: Der einzige Effekt ist eine Verlängerung der Kampfhandlungen. Dem Abnutzungskrieg werden neue Truppen hinzugefügt, ohne dass die Einsatzfähigkeit der russischen Truppen gesteigert werden kann. Es ist ein quantitativer Ansatz, um ein qualitatives Problem innerhalb der russischen Streitkräfte zu lösen. Ich glaube nicht, dass das die Wende für Russland bringen wird.

Es geht hauptsächlich darum, die Front vor dem Winter zu stabilisieren. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass die Ukraine größere Fortschritte auch im Donbass gemacht hätte. Die ukrainischen Erfolge in Charkiw haben eine verwundbare rechte Flanke der russischen Streitkräfte geschaffen. Die Idee, dass Russland es jetzt noch schaffen würde, die gesamte Donbass-Region zu erobern, wie Putin es befohlen hat, ist dadurch aus militärischer Perspektive nahezu unmöglich geworden.

"Ausrüstungsdefizit" bei modernen Systemen

tagesschau.de: Wie steht es denn um Ausrüstung? Mehr Soldaten benötigen ja nun mehr Ausrüstung.

Gady: Ein großer Teil der besseren Ausrüstung der russischen Streitkräfte befindet sich in der Ukraine - vieles ist zerstört und es gibt nicht genug, um komplett neue Einheiten mit modernen Systemen aufzustellen. Es gibt hier ein Ausrüstungsdefizit, was moderne Systeme betrifft. Man wird auf ältere Bestände zurückgreifen müssen. Aber es sollte genug noch vorhanden sein, um die Soldaten zu bewaffnen und mit ausreichend Munition für die kommenden Monate zu versorgen.

tagesschau.de: Was bedeutet das für die Ukraine?

Gady: Man darf nicht vergessen: Russland hat nach wie vor eine materielle Überlegenheit - was Waffensysteme betrifft. Vor allem bei der Artillerie gibt es noch enorme Defizite der ukrainischen Seite, die wettgemacht werden müssen. Zudem wissen wir nicht, wie hoch die Verluste und der Munitionsverbrauch der ukrainischen Streitkräfte in der jüngsten Offensive waren. Gibt es überhaupt noch genügend Munition, um eine zweite Offensive durchzuführen? Was können wir als Westen noch liefern, was sind wir noch gewillt zu liefern, wo sich hier auch die Depots leeren?

Die Ukraine braucht Flugabwehrsysteme mittlerer Reichweite, sie braucht Kampf- und Schützenpanzer, sie braucht weitere Artillerie, aber vor allem braucht sie schnell Munition. Und nach wie vor müssen auch die ukrainischen Einheiten trainiert werden. Hier muss der Westen noch viel mehr tun. Wenn wir das richtig machen, wird sich die Qualität der ukrainischen Streitkräfte in den nächsten Monaten steigern, während die der russischen Streitkräfte mit der Teilmobilisierung abnehmen wird. Das ist eine gute Ausgangslage für die Ukraine. Aber dieser Krieg ist noch lange nicht gewonnen. Die Ukraine braucht die westliche Unterstützung - das ist die Lebensader für die ukrainischen Streitkräfte.

"Eine neue Phase des Krieges"

tagesschau.de: Verheerender kann das Urteil über die Teilmobilisierung ja gar nicht ausfallen. Ist das ein Akt der Verzweiflung?

Gady: Putin gehen die Optionen aus, und ich glaube, er hat zum ersten Mal realisiert oder wurde erstmals darüber informiert, dass Russland diesen Krieg verlieren kann. Irgendetwas muss im Kreml passiert sein, was diese Entscheidung ausgelöst hat. Ob es die ukrainische Offensive war? In dieser Hinsicht ist eine neue Phase des Krieges eingetreten. Die Teilmobilisierung stellt eine Eskalation dar, ist aber auch ein Zeichen, dass die Ukraine jetzt dem Sieg näher ist als noch vor ein paar Wochen.

"Bewusste Strategie, den Westen einzuschüchtern"

tagesschau.de: Wie viel Irrationalität trauen Sie Putin in so einer Phase zu? Er hat erneut indirekt mit dem Einsatz von Atombomben gedroht.

Gady: Ein Einsatz taktischer Nuklearwaffen kann in diesem Krieg grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Die Gefahr halte ich zwar für sehr gering, aber am Ende weiß es nur ein Mensch - nämlich der russische Präsident. Ein solcher Angriff ist Teil der russischen Militärdoktrin, und sie sieht ein Eskalationsmanagement vor. Das bedeutet auch, dass es nach dem Abwurf einer Atombombe nicht direkt in den thermonuklearen Weltkrieg geht. Dazwischen gibt es weitere Eskalationsstufen. Das größere Risiko ist, dass der nukleare Schutzschirm über den Donbass gelegt wird, sobald die Scheinreferenden dort stattgefunden haben und diese Territorien annektiert worden sind.

Dann ist die Frage, was passiert, wenn diese Territorien von ukrainischen Truppen besetzt oder angegriffen werden. Die meisten Staaten werden diese Annexionen nicht anerkennen. Wird Putin unter diesen Bedingungen diese Waffen einsetzen? Was ist, wenn die Ukraine versucht, die Krim zurückzuerobern, deren Annexion ebenfalls international nicht anerkannt ist? Es gibt hier mehr Ungewissheiten als Gewissheiten. Aber ich glaube, dass es eine bewusste Strategie ist, den Westen und vor allem Deutschland mit diesem Szenario einzuschüchtern.

Russland hat nach wie vor Optionen, konventionell zu eskalieren: Mit gezielten Attacken auf die ukrainische zivile Infrastruktur. Die russische Armee kann Charkiw oder Kiew massiv bombardieren und dadurch stark beschädigen.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. September 2022 um 17:00 Uhr.