Zivilisten aus Sumy werden wegen der Kämpfe mit einem Bus aus der Stadt gebracht. | VIA REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Sechs Fluchtkorridore für Zivilisten

Stand: 09.03.2022 12:59 Uhr

Bislang hat nur ein Fluchtkorridor funktioniert. Heute sollen es sechs ukrainische Orte sein, aus denen Zivilisten vor den Kämpfen in Sicherheit gebracht werden. Russland stimmte dafür einer Feuerpause zu.

Die Ukraine hat der Einrichtung von sechs Fluchtkorridoren für die Rettung von Zivilisten aus belagerten Städten zugestimmt. Menschen aus Enerhodar und Mariupol sollten nach Saporischschja im Südosten der Ukraine gebracht werden, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk. Menschen aus Wolnowacha sollen demnach in Pokrowsk in Sicherheit gebracht werden, Einwohner aus Sumy nach Poltawa.

Fluchtkorridore seien auch für die Stadt Isjum im Osten sowie für mehrere Kleinstädte nördlich von Kiew vorgesehen, sagte Wereschtschuk weiter. Der Waffenstillstand soll demnach bis 20.00 Uhr MEZ gelten. Das Militär habe zugestimmt, dass in dieser Zeit nicht geschossen werde, sagte Wereschtschuk. Die Fluchtrouten seien mit Russland koordiniert und der entsprechende Brief ans Internationale Rote Kreuz geschickt worden. Zuvor hatte auch das russische Verteidigungsministerium eine Feuerpause für mehrere Regionen angekündigt.

Sumy - bislang der einzig funktionierende Fluchtkorridor

Sumy liegt an der russischen Grenze und ist in den vergangenen Tagen heftig beschossen worden. Der Fluchtkorridor aus der Stadt war bislang der einzige von fünf vereinbarten, der in dem knapp zweiwöchigen Krieg funktioniert hat. Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden bereits 6700 Menschen aus Sumy gerettet - allein gestern etwa 5000, darunter rund 1700 ausländische Studenten. In anderen Städten sind geplante Evakuierungen an russischem Beschuss gescheitert.

Inzwischen sind nach UN-Angaben mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. In Deutschland wurden bis Dienstag rund 64.600 Kriegsflüchtlinge registriert, doch dürften nach Einschätzung der Behörden schon viel mehr Ukrainer hierher gekommen sein.

Katastrophale Zustände in Mariupol und anderen Orten

Derweil verschlimmert sich die Lage für die Bewohner einiger Gebieten des Landes dramatisch. Der Bürgermeister von Tschernihiw, eine Großstadt am Ufer der Desna und bedeutender Standort der ukrainischen Armee, meldete, zwei Drittel der Haushalte seien ohne Strom und Wasser.

Auch in Mariupol, so berichtete das Rote Kreuz, seien viele Menschen seit Tagen ohne fließendes Wasser, Heizung, Kanalisation und Telefonverbindungen. Einige brachen auf der Suche nach Essbarem in Geschäfte ein, andere schmolzen Schnee, um Wasser zu haben. "Es gibt nichts, keine Haushaltsgegenstände. Das Wasser wird nach dem Regen von den Dächern gesammelt", sagte der Leiter des Roten Kreuzes von Mariupol, Alexej Bernzew.

Wegen der Stromausfälle konnten viele nur mit ihren Autoradios Neuigkeiten empfangen. Nachrichten zu beschaffen und weiterzugeben sei zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner Organisation geworden, sagte Bernzew weiter. "Manchmal sind Informationen für die Menschen wichtiger als Nahrung." Viele würden auf Nachrichten über Evakuierungsmöglichkeiten warten.

Die Stadt mit rund 430.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist eingekreist. Ein Versuch, Zivilisten zu evakuieren und dringend benötigte Medizin, Nahrung und Wasser nach Mariupol zu bringen, scheiterte am Dienstag. Ob der für heute geplante Fluchtkorridor gelingt, ist ungewiss.

Frontverläufe in der Ukraine mit Städten für die Fluchtkorridore | ISW/ 09.03.2022

Bild: ISW/ 09.03.2022

Kämpfe und Tote in der Nacht

Zugleich setzen die russischen Truppen ihre Angriffe auf ukrainische Städte fort. Auch in der Nacht zum Mittwoch meldeten ukrainische Behörden Tote - darunter auch Kinder - und viele Verletzte bei russischen Luftangriffen unter anderem in den Regionen Schytomyr und Charkiw.

Die russischen Invasionstruppen stellen ihre Waffen nach ukrainischen Angaben auch in Gebieten mit Zivilisten auf. In Tschernihiw im Norden hätten die Russen Militärgerät zwischen Wohngebäuden und auf Bauernhöfen platziert, teilte der Generalstab am Mittwoch mit. Im Süden hätten sich Russen beim Vorstoß auf Mykolaiw als Zivilisten verkleidet. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Neue Militärkolonne auf dem Weg nach Kiew

In Kiew habe die russische Artillerie Außenbezirke der Hauptstadt unter Beschuss genommen, sagte Jaroslaw Moskalenko, der humanitäre Hilfe in der Region Kiew koordiniert. Zivilisten hätten in Luftschutzräumen Zuflucht suchen müssen. Die Versorgung mit Wasser, Strom und Nahrungsmitteln sei unterbrochen.

Das US-Verteidigungsministerium berichtete unterdessen von einer neuen russischen Militärkolonne, die von Nordosten her auf Kiew vorrückte. Die Hauptkolonne aus dem Norden war vor mehreren Tagen zum Stillstand gekommen.

Kontrolle über "biologische Forschungseinrichtungen" gefährdet

US-Außenstaatssekretärin Victoria Nuland warnte zudem davor, dass russische Truppen die Kontrolle über "biologische Forschungseinrichtungen" in der Ukraine erlangen könnten. Die US-Regierung arbeite "mit den Ukrainern daran, wie sie verhindern können, dass diese Forschungsmaterialien in die Hände der russischen Streitkräfte fallen, sollten diese sich nähern", sagte sie bei einer Anhörung des US-Senats.

Zuvor hatte Moskau erklärt, dass die Ukraine mithilfe der USA an biologischen Waffen gearbeitet hätte. Die USA wiesen dies als falsch zurück.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. März 2022 um 12:00 Uhr sowie am 08. März 2022 um 14:30 Uhr in den Nachrichten.