In St. Petersburg übermalen städtische Arbeiter ein Wandbild des Kreml-Kritikers Nawalny.

Ein Jahr nach Nawalny-Anschlag "Schweig oder stirb"

Stand: 02.08.2021 08:42 Uhr

Im August 2020 wird Alexej Nawalny Opfer eines Giftanschlags. Ein Jahr später ist er im Straflager, seine Webseiten sind blockiert - Nawalny ist zur Unperson geworden. Was aber ist aus seinen Anhängern geworden?

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Es ist sechs Uhr früh, als es bei Sergej Rimskij an der Wohnungstür hämmert. Er weiß sofort, was das bedeutet: Seine ehemaligen Kollegen stehen vor der Tür, mit einem Durchsuchungsbefehl. Sergej ist 28 Jahre alt und hat im Februar bei der Polizei in der russischen Industriestadt Iwanowo gekündigt - wegen der Verurteilung Alexej Nawalnys der Polizeigewalt bei den Demos für seine Freilassung.

Ina Ruck ARD-Studio Moskau

Er habe es nicht mehr ausgehalten, sagt er. Etwa die Bilder aus St. Petersburg, wo ein Polizist eine Frau niedergetreten hat: "Er bekommt kein Verfahren, keine Bestrafung dafür. Ich will nicht mehr Teil dieses Systems sein. Ich würde mich schämen für die Gewalt, auch wenn ich selbst nicht dabei gewesen wäre."

Gegen Sergej läuft ein Strafverfahren wegen Verleumdung. Er bloggt jetzt über Brutalität bei der Polizei, und einer der Beamten klagte. Zur Durchsuchung der Einzimmerwohnung seien gleich sieben Polizisten erschienen, erzählt Sergejs Freundin - mit Pistolen, Maschinengewehren, Schutzwesten, Helmen und sogar Schilden. "Dachten die, dass wir uns hier mit Waffen verteidigen? Ich will alles waschen, was sie angefasst haben. Das ist so unangenehm!"

Sergej Rimskij | ARD

Gegen den ehemaligen Polizisten Sergej Rimskij läuft ein Verfahren wegen Verleumdung. Bild: ARD

Die Nawalny-Mitstreiterin in Tomsk

2500 Kilometer weiter östlich schaut Ksenia Fadejewa im sibirischen Tomsk in den Rückspiegel ihres Autos. Sie habe bemerkt, dass man ihr folgt, erzählt sie: "Sie fahren mir hinterher und ich weiß nicht, ob sie mich nicht demnächst festnehmen." Das sei auch ein Druck, den sie ausüben. "Und natürlich ist das nicht angenehm. Aber es ist für mich kein Grund aufzuhören, jedenfalls jetzt noch nicht."

Ksenia ist seit einem Jahr Abgeordnete im Stadtrat von Tomsk. Sie hat Nawalnys lokalen Stab geleitet, bis dessen landesweites Netzwerk zu Extremisten erklärt und verboten wurde. Sie ist eine der letzten, die Nawalny vor seiner Vergiftung gesehen haben, als er im August 2020 in Tomsk Wahlkampf gemacht hatte. Sein System des "Smart Votings" sah vor, überall die Kandidatinnen und Kandidaten zu empfehlen, die der Regierungspartei "Geeintes Russland" am meisten schaden könnten. Ein in der Opposition umstrittenes System, denn er empfahl auch mal Kommunisten oder Rechtspopulisten - Hauptsache, niemand von "Geeintes Russland" bekommt den Sitz. Nawalny erreicht Millionen in den sozialen Medien, seine Empfehlungen waren ein mächtiges Instrument.

Ksenia Fadejewa | ARD

Nicht viele Abgeordnete des Tomsker Stadtrats trauen sich, mit Ksenia Fadejewa zusammenzuarbeiten. Bild: ARD

Ksenia Fadejewa | ARD

Und auch wenn sie von regelmäßigen Einschüchterungsversuchen berichtet, fühlt sie sich nicht allein. Bild: ARD

In Tomsk unterstützte er seine Mitarbeiterin Fadejewa. Auf dem Rückflug brach Nawalny zusammen - der Rest ist Geschichte: die Notlandung in Omsk, die Diagnose einer angeblichen Stoffwechselerkrankung durch russische Ärzte, schließlich die Behandlung in der Charité. Und der Nachweis eines Nervenkampfstoffs der "Nowitschok"-Gruppe.

"Ich bin nicht allein"

Ein knappes Jahr später sitzt Fadejewa mit ihrem Nawalny-Aufkleber auf dem Laptop im Stadtrat von Tomsk. Hier hat das "Smart Voting" dazu geführt, dass die Regierungspartei die absolute Mehrheit verloren hat - doch sie stellt noch immer die meisten der Mandate. Nur wenige der anderen oppositionellen Abgeordneten trauten sich, mit ihr zusammenzuarbeiten, sagt Ksenia. Manchmal flüstere man ihr nach einem Auftritt ein "gut gemacht!" zu.

"Die ziehen doch nicht die Schrauben an, weil alles so toll ist und alle Putin lieben. Es ist doch genau umgekehrt", analysiert sie. An den Kommentaren in politischen Foren könne man das sehen: "Nicht, dass es viele Nawalny-Fans gäbe. Aber über den Präsidenten lesen sie da kein gutes Wort. Nein, auch wenn es anders wirkt: "Ich bin nicht allein."

Auf der Höhe der Protestwelle im Januar, als in mehr als 100 Städten für Nawalnys Freilassung demonstriert wurde, gaben bei einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts nur 19 Prozent der Befragten an, Nawalnys Arbeit gutzuheißen. Für russische Verhältnisse ist das viel, aber bei weitem keine Mehrheit. Dennoch wurden die Demos vielerorts brutal niedergeschlagen, Teilnehmer nachträglich bestraft.

Abgestraft für ein Plakat

Im kleinen Ort Mikun in der Teilrepublik Komi hat es Nikita Tuschkanow getroffen. Der Geschichtslehrer hatte ganz allein protestiert - mit einem selbstgemachten Plakat stand er auf dem zentralen Platz. Das Plakat hat er noch. "Schweig oder stirb" steht darauf. "Wenn du dich traust, etwas zu sagen, wirst du leiden. Mit 'stirb' meine ich nicht wirklich den Tod. Ich meine eher den sozialen Tod."

Nikita Tuschkanow | ARD

Nikita Tuschkanow traute sich, alleine mit einem Plakat zu demonstrieren. Zwei Monate später wurde dem Lehrer gekündigt. Bild: ARD

Nikita spricht auch von sich selbst. Zwei Monate nach dem Protest wird ihm gekündigt - formal aus anderen Gründen, wegen "unmoralischen Verhaltens". Als Beweis diente ein Foto aus Studententagen, auf dem er Wasserpfeife raucht. In die Schule darf er nicht mehr, nicht einmal zur Abschlussfeier seiner Examensklasse.

Aber die Klasse kommt nach der Zeugnisvergabe zu ihm nach Hause. In diesem Alter hätten sie einen großen Sinn für Gerechtigkeit, sagt Nikita. Er hoffe, sie können sich den bewahren: "Die Kids sehen doch im Internet, wirklich los ist. Die Erwachsenen kriegen die Nachrichten im Fernsehen, die gucken in diesen quadratischen Kasten und schlucken alles."

Verurteilt, gekündigt, eingeschüchtert

Nawalny ist zu zweieinhalb Jahren Straflager verurteilt, weitere Prozesse sind in Vorbereitung. Seine Websites sind blockiert. Aus der Öffentlichkeit ist er verschwunden. Der Geschichtslehrer Nikita hat gegen seine Kündigung geklagt - und den Prozess verloren. Er will in die zweite Instanz, obwohl er sich nicht mal einen Anwalt leisten kann.

Sergej, der Ex-Polizist, will jetzt in die Politik. Die Oppositionspartei Jabloko hat ihn für die Duma-Wahl nominiert. Dort ist sie jedoch seit Jahren nicht mehr vertreten. Ksenia darf bei der nächsten Wahl nicht mehr antreten - als Mitarbeiterin einer Organisation, die nun als extremistisch gilt. Viele aus Nawalnys Team sind festgenommen worden oder haben das Land verlassen. Ksenia will bleiben. Ihr Mandat im Stadtrat behält sie vorerst.

Sehen Sie zu diesem Thema das "Exclusiv im Ersten: Vergiftet - Wie der Fall Nawalny Russland verändert" - heute um 22.05 Uhr.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 02. August 2021 um 22:05 Uhr.

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Moderation 02.08.2021 • 13:35 Uhr

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