Reperatur eines Autos in einer Autowerkstatt in Russland. | ARD Moskau

Russland und die Sanktionen Improvisieren, abspecken, warten

Stand: 24.07.2022 11:40 Uhr

Russland arrangiert sich auf seine Weise mit den Wirtschaftssanktionen. Teils werden Güter über Umwege beschafft, teils durch andere Produkte ersetzt. In der Autobranche verlangt das Improvisation und Geduld.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Davids Autowerkstatt ist etwas für Kenner. Sie liegt in einem Hof, weit hinten, am Rande eines kleinen Wäldchens. Das Rauschen der Moskauer Schnellstraßen ist trotzdem noch zu hören. Vor dem niedrigen, unverputzten Gebäude parkt ein Porsche. "Schön, oder?", fragt ein Mitarbeiter und zeigt den Weg in Richtung Chefbüro.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

David, der von seinem Schreibtisch aus die halbe Werkstatt überblicken kann, ist der erste, der sich bereit erklärt, über die aktuelle Situation in der russischen Autobranche unter Sanktionen zu sprechen. "Viele haben Angst", sagt er mit einem bestätigenden Nicken.

Die Nachfrage ist weiter da

Auf den Hebebühnen und über den Abschmiergruben in Davids Werkstatt stehen an diesem Nachmittag ein Audi, ein Nissan und ein Volkswagen. Nach wie vor laufe das Geschäft gut, sagt David. Über mangelnde Kundschaft könne er sich nicht beklagen.

Aber er mache sich Sorgen, ob er die Qualität seiner Reparaturarbeiten auf lange Sicht wird garantieren können. Denn Ersatzteile sind seit Verhängung der neuen Sanktionen nicht nur schwerer zu bekommen. Es kursierten nun auch immer mehr Fälschungen.

Der Beweis liegt verstreut auf dem Boden der Werkstatt: Feine Metallplättchen aus einem Schubgliederband, das laut dem Automechaniker beim Einsetzen in das Triebwerk einfach gerissen sein soll. Eine billige Kopie, sagt David, die aber in einer Original-Verpackung geliefert wurde.

Der ganz normale Betrug

Inzwischen ist auch Davids Kollege Soslan eingetroffen. Gemeinsam betreiben sie einen YouTube-Kanal für Autofans, mit dem sie gleichzeitig ihre eigene Arbeit bewerben.

Mit dem Handy filmt Soslan erst die kleinen Metallteile und das zerrissene Band, dann spricht er direkt in die Kamera: "Passt gut auf! In Verpackungen der Firma Bosch wird chinesischer Schrott verkauft." Mit den Sanktionen habe das aber nichts zu tun, ist der Automechaniker und Blogger überzeugt, es sei einfach nur Betrug.

Und auch sonst habe sich in seinen Augen nicht allzu viel verändert: "Es ist nur alles teurer geworden, und das hat niemand erwartet. Kostete Motoröl vorher 1000 Rubel, steht es jetzt bei 2000 bis 3000 Rubel. Ansonsten haben wir keine Probleme mit Einzelteilen oder ähnlichem - toi, toi, toi. So wie alles bei uns funktioniert hat, funktioniert es auch weiter."

Einzelteil in einer Autowerkstatt in Russland. | ARD Moskau

Bild: ARD Moskau

Ersatzteile - jetzt ein Problem

Soslans Freund und Geschäftspartner David sieht das anders. "Soll ich die Wahrheit erzählen?", fragt er und berichtet, wie genau er merke, dass neue Ersatzteile für ausländische Wagenmodelle seit Monaten nicht mehr ohne Weiteres verfügbar seien: "Wenn bei uns früher die gesamte Reparatur drei Tage in Anspruch nahm, dauert es jetzt fünf Tage und mehr - manchmal zehn. Weil wir nicht an die Teile kommen."

Zum Beispiel, erläutert David weiter, suche er dringend eine Kupplung für ein deutsches Auto - und freut sich, dass ein Kollege anruft und ihm mitteilt, er habe in einem Gebrauchtwagen die passende Kupplung gefunden.

Treffen von Fahrern alter Moskvich-Modelle in Moskau (Russland) | REUTERS

Der "Moskvich" war schon lange ein Fall für russische Nostalgiker - nun fördert die Regierung unter dem Sanktionsregime die Renaissance des Modells. Bild: REUTERS

Zurück zu alten Modellen

Die vom Westen verhängten Sanktionen und der sukzessive Rückzug großer internationaler Autohersteller und -zulieferer aus Russland wirken sich zudem auch auf die heimische Produktion aus. Diese ist in weiten Teilen abhängig von ausländischen Komponenten.

Zwar setzt die russische Führung viel daran, Unabhängigkeit zu demonstrieren. Im stillgelegten Renault-Werk in Moskau soll beispielsweise bald wieder das sowjetische Modell "Moskwitsch" produziert werden und beim russischen Hersteller Avtowaz in Togliatti sind laut Berichten russischer Medien bereits die ersten Fahrzeuge vom Typ Lada ohne ausländische Extras vom Band gerollt, also ohne ABS und ohne Airbags.

Angestellte der russischen Firma Lada arbeiten an einem Auto. | REUTERS

Die Produktion in der Lada-Fabrik in Togliatti läuft weiter - aber die Modelle müssen auf manches Zubehör verzichten. Bild: REUTERS

Hilfe von Drittstaaten

Gleichzeitig erklärte aber Russlands Minister für Industrie und Handel, Denis Manturow, dass man es geschafft habe, durch neue Regelungen zu Parallelimporten - also den Import von Waren über befreundete Drittstaaten - zumindest den Bedarf russischer Autohändler und Servicezentren zu decken.

Für Werkstattleiter David ist das aber, vor allem mit Blick in die Zukunft, kein Grund zum Jubel. Neue, direkte Lieferungen von Originalteilen werde es vorerst nicht geben, sagt er, vielmehr würden nur noch chinesische Bestandteile geliefert, die das Original kopieren: "Oder es läuft alles mithilfe von Parallelimporten und kostet dann doppelt so viel."

In Togliatti (Russland) stehen auf einem Platz neue Pkw der Marke Lada | AFP

Da stehen sie dann, die neuen Ladas. Doch der Automarkt in Russland hat mit deutlich sinkenden Verkaufszahlen zu kämpfen. Bild: AFP

Ändert sich das Kaufverhalten?

Dass die Russinnen und Russen deswegen auf heimische Marken umsteigen, glaubt der erfahrene Mechaniker, der selbst ein deutsches Auto fährt, nicht. Wie zum Beweis zeigt er in den Hof vor seiner Werkstatt auf die Reihe nebeneinander geparkter Wagen - es sind fast ausschließlich Modelle aus den USA und Europa.

Wahrscheinlich aber werden diejenigen, die es nicht dringend müssen, vorerst gar kein Auto kaufen. Schon im Mai wurden laut der Analyseagentur Avtostat russlandweit nicht einmal 28.000 Neuwagen verkauft - gegenüber dem Vorjahresmonat ist das ein Einbruch von knapp 80 Prozent.