Im Regieraum einer Live-Übertragung von Russlands Präsident Wladimir Putin | picture alliance/dpa/TASS

Russische Medien Der Truppenaufmarsch ist selten Thema

Stand: 26.01.2022 10:49 Uhr

"Manöver" statt Aufmarsch an der ukrainischen Grenze, "Vorschläge" statt Drohungen des Kremls: Russlands Medien zeichnen ein komplett anderes Bild der Ukraine-Krise als ihre westlichen Pendants.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Wer in den vergangenen Wochen die Nachrichten im russischen Fernsehen verfolgte, das nach wie vor Meinungsmacher Nummer 1 ist, der hat vor allem eines gesehen: Konferenzräume, Sitzungssäle, Videoschalten. Verhandlungen in wechselnden Besetzungen an unterschiedlichen Orten über das Thema, das aus Sicht des russischen Präsidenten Wladimir Putin zentral ist: "Wir müssen wissen, wie unsere Sicherheit gewährleistet werden soll."

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Der Kreml fordert, dass es keine weitere NATO-Osterweiterung gibt. Keine Aufnahme also der Ukraine und Georgiens, keine Manöver, Truppen oder Waffen der Allianz mehr in Osteuropa, Zentralasien und im Südkaukasus. Moskau will schriftliche Garantien, weil sich der Westen - so das Argument - nicht an einst gegebene Versprechen halte.

Die Rolle der Diplomatie, versicherte unter anderem Vize-Außenminister Sergej Rjabkow, sei zentral: "Wir wollen keinen Konflikt. Wir fallen über niemanden her. Wir bedrohen niemanden. Wir wollen nur verlässlich unsere Interessen absichern."

"Das versteht der Kreml nicht" 

Der massive russische Truppenaufmarsch, die Stationierung weiterer Militärtechnik entlang der ukrainischen Grenze - all das ist selten Thema im staatsnahen Fernsehen. Wenn, dann ist von "Manövern" die Rede.

Über entsprechende Satellitenaufnahmen wird eher auf Expertenebene auf einschlägigen Seiten im Netz diskutiert. Auch in Kreml-kritischen Medien sprechen Experten wie der Politologe Iwan Preobraschenskij über die Risiken für Russland, sollte sich die Ukraine-Krise als solche weiter zuspitzen.

Er sagt: "Wenn sich herausstellt, dass Krieg günstiger ist als die Fortsetzung des Friedens mit Russland, wird der Westen bereit sein zu kämpfen. Das versteht der Kreml meiner Meinung nach aber nicht."

Sorge vor einer Eskalation

Inzwischen wächst die Sorge, dass die Lage eskalieren könnte. Und das spiegelt sich auch in den Schlagzeilen einiger Zeitungen wider: Der "Kommersant" sieht Brandstifter am Werk und warnt auf der Titelseite davor, dass sich die Situation rund um die Ukraine im Vorkriegsstadium befinde.

Wer dafür aus russischer Sicht verantwortlich ist, lässt die Schlagzeile in der "Nesawisimaja Gaseta" erahnen: "Die NATO antwortet auf Moskaus Vorschläge, indem sie Truppen in den Osten verlegt", heißt es da. Die Truppenbewegungen der Allianz, die Waffenlieferungen an die Ukraine, die Manöver, der Abzug von Botschaftspersonal - all das schüre die Spannungen. Der Kreml spricht von "Hysterie" und warnt vor Provokationen. 

Dass man am Ende wieder einmal Russland für alles verantwortlich machen werde, davon ist eine breite Mehrheit aktuellen Umfragen zufolge überzeugt. Nur vier Prozent der Befragten glauben, dass Russland schuld wäre, sollte es zu einem Konflikt kommen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Januar 2022 um 12:35 Uhr.