Ein junger ukrainischer Soldat steht auf einer erbeutete russischen Panzerhaubitze in der Region Charkiw (Ukraine) | via REUTERS

Russischer Rückzug aus Charkiw "Umgruppierung" oder Fehlentscheidung?

Stand: 12.09.2022 13:17 Uhr

Von einem Rückschlag in der Ukraine ist im russischen Staatsfernsehen wenig zu sehen und zu hören. In sozialen Netzwerken aber brodelt es: Kremltreue Kräfte äußern offen ihren Unmut - und fordern Konsequenzen.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Wer heute oder auch in den vergangenen Tagen den staatlichen Nachrichtensender "Rossija 24" einschaltete, der sah und hörte vor allem eines: dass es bei der militärischen Spezialoperation, wie der Krieg in der Ukraine in Russland offiziell genannt werden muss, vorangeht.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Mit stoischer Miene verkündete der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, weitere Erfolge: Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Raketentruppen und Artillerie setzten "mit Präzisionsschlägen" gegen Einheiten und Reserven der ukrainischen Streitkräfte ihren Einsatz in der Region Charkiw fort. Und, so Konaschenkow weiter, "in den Gebieten der Siedlungen Kupjansk und Isjum wurden das Personal und die militärische Ausrüstung der nationalistischen Formation 'Kraken', der 113. Territorialverteidigungsbrigade und der 93. mechanisierten Brigade getroffen". Die Verluste der Ukraine hätten sich auf bis zu 250 Soldaten und mehr als 20 Einheiten militärischer Ausrüstung belaufen, sagte der Sprecher.

Nur wer einen genauen Blick auf die Militärkarten wirft, die eingeblendet werden und sie mit vorherigen vergleicht, sieht, dass sich die russischen Truppen in der Region um Charkiw zurückgezogen haben. Ein Rückzug, den das Verteidigungsministerium am Samstag als "Umgruppierung" dargestellt hatte. Als eine Neuformierung der russischen Streitkräfte im Donbass.

Kadyrow äußert Unmut

In den sozialen Netzwerken, in denen anders als in den Staatsmedien von einer militärische Niederlage gesprochen wurde, sorgte diese Darstellung mitunter für giftige Kommentare. Selbst Kreml-Getreue wie der Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, äußerten ihren Unmut: "Es ist eine Schande, dass die offiziellen Personen nichts gesagt und nichts erklärt haben, obwohl es öffentlich zu sehen war", sagte er.

Auch wenn es keinen Zweifel am Sieg Russlands geben könne, sei klar, dass Fehler gemacht worden seien: "Wenn sie innerhalb der nächsten ein, zwei Tage keine Änderungen an der Strategie der militärischen Spezialoperation vornehmen, werde ich gezwungen sein, die Führung des Verteidigungsministeriums und die Führung des Landes zu kontaktieren, um die tatsächliche Lage vor Ort zu klären."

Auch in Kommentaren und Blogs, die als patriotisch gelten, wird eine Reaktion des Kreml gefordert. Dass in Moskau am Wochenende trotz des Debakels das Stadtjubiläum mit einem großen Feuerwerk gefeiert wurde, wird offen kritisiert. Der Kreml-nahe Politologe Sergej Markow sprach von einer politischen Fehlentscheidung, die nicht folgenlos bleiben werde.

Druck auf den Kreml

Selten wurde in den vergangenen Monaten über einschlägige Kanäle so viel wahrnehmbarer Druck aus den Reihen der Unterstützer auf die politische Führung gemacht.

Offen ist, wie der Kreml damit umgeht, ob sich das Personalkarussell drehen wird, sich die Angriffe auf die Ukraine verschärfen werden. Oder aber ob die Kritiker - wie kremltreu sie auch sein mögen - selbst unter Druck geraten.

Dieser Beitrag lief am 12. September 2022 um 13:50 Uhr auf BR24.