Russische Raketen vom Tyb RS-24 Jars rollen während einer Parade über den Roten Platz in Moskau. | AP
Interview

Putin und die Atomwaffen "Die Drohungen haben eine neue Qualität"

Stand: 04.10.2022 16:19 Uhr

Russlands Präsident Putin droht zunehmend mit einem Einsatz von Atomwaffen. Der Osteuropa-Experte Mangott sieht dadurch das Prinzip der Abschreckung beschädigt. Im Interview spricht er über Szenarien für eine Eskalation, aber auch die Risiken für Putin.

tagesschau.de: Seit Kriegsbeginn droht Putin indirekt mit dem Einsatz von Atomwaffen. In den vergangenen Tagen hat er den Einsatz dieser Drohung noch einmal verstärkt. Hat sich mit dem für Russland enttäuschenden Kriegsverlauf an der Substanz der Drohung etwas verändert?

Gerhard Mangott: Die Abschreckungswirkung, die sich Putin zumindest am Anfang versprochen hat, damit der Westen sich nicht in den Konflikt einmischt, ist nicht eingetreten. Russland ist jetzt in einer Phase ständiger militärischer Niederlagen, ist militärisch auf dem Rückzug und scheint den vordringenden ukrainischen Einheiten kaum etwas entgegensetzen zu können. Damit wird die Kriegsniederlage ein Stück weit wahrscheinlicher. Deshalb haben solche Drohungen eine neue Qualität, wenn sie in einer Situation gemacht werden, wo eine Kriegsniederlage möglich erscheint und wo in Russland selbst in den Eliten immer stärker darüber nachgedacht wird, dass man diesen Krieg auch verlieren kann.

Gerhard Mangott | dpa
Zur Person

Gerhard Mangott ist Professor für Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen und Sicherheit im postsowjetischen Raum an der Universität Innsbruck.

"Erhebliche Zerstörung" selbst durch kleine Atomwaffen

tagesschau.de: Von welcher Art von Waffen reden wir in diesem Zusammenhang?

Mangott: Bei Nuklearwaffen müssen wir unterscheiden zwischen Atombomben und Wasserstoffbomben. Und wir müssen unterscheiden zwischen strategischen und taktischen Sprengköpfen, die sich in der Zielsetzung des Einsatzes, aber vor allem in ihrer Sprengkraft unterscheiden. Die russischen taktischen Nuklearwaffen, von denen es vermutlich zwischen 2000 und 2200 gibt, sind in der Sprengwirkung skalierbar von einer Kilotonne TNT bis zehn Kilotonnen TNT. Das heißt, die russische Armee könnte also mit einer niedrigen Detonationsstärke anfangen. Aber: Über Hiroshima und Nagasaki wurden Atombomben von 15 Kilotonnen TNT abgeworfen. Deshalb würde auch der Einsatz einer zehn Kilotonnen substrategischen Nuklearwaffe durch Russland in diesem Krieg je nach Detonationsort erhebliche Zerstörungen bewirken.

Von der unausgesprochenen zur ausgesprochenen Drohung

tagesschau.de: Gibt es Szenarien, wo solche Waffen abgeworfen werden könnten, wen sie treffen könnten?

Mangott: Im Augenblick sind diese nuklearen Drohungen motiviert dadurch, dass man die Bevölkerung im Westen verunsichern möchte. Dadurch soll die Unterstützung insbesondere für Waffenlieferungen an die Ukraine geschwächt werden. Man will aber auch den Regierungen der westlichen Staaten ein Eskalationsrisiko vor Augen führen, um einen Denkprozess einzuleiten: Was sind wir bereit zu riskieren für einen Sieg der Ukraine über Russland?

Einen Einsatz halte ich derzeit zwar für nicht sehr wahrscheinlich, weil Russland trotz militärischen Rückschlägen noch keine klare militärische Niederlage droht. Wenn diese aber Gestalt annehmen könnte, dann halte ich es zunächst für möglich, dass Russland explizit eine Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen macht - bis jetzt wurde das ja nur implizit angekündigt.

Szenarien einer Eskalation

tagesschau.de: Und wenn diese Drohung ihre Abschreckungswirkung auch verfehlt und die ukrainischen Offensiven nicht eingestellt werden?

Mangott: Dann könnte ich mir einen Test einer taktischen Nuklearwaffe vorstellen in Verletzung des umfassenden Teststoppabkommens von 1996, das Russland ratifiziert hat. Das wäre eine Detonation, entweder in einem Testgelände auf russischem Gebiet, wie zum Beispiel in Kamtschatka, oder eine Detonation im Schwarzen Meer oder in der Luft über dem Schwarzen Meer, um noch deutlicher an die Ukraine und den Westen zu signalisieren: Einstellung der Kampfhandlungen jetzt, oder es kommt zu massiven Nuklearwaffen-Einsatz.

Wenn sich der Westen und auch die Ukraine nicht abschrecken lassen, dann halte ich auch den Einsatz solcher Waffen für möglich. Allerdings nicht an der Frontlinie, weil das ja auch die russischen Truppen gefährden würde und kein klarer militärischer Vorteil daraus zu gewinnen wäre, sondern eher im Westen der Ukraine oder auch über der Hauptstadt Kiew. Aber das sind vorerst nur Vermutungen.

tagesschau.de: Warum würde die russische Armee dadurch keinen Vorteil erlangen?

Mangott: Natürlich kann man Kommandozentralen als Ziel auswählen oder größere ukrainische Einheiten. Das wäre dann ein Einsatz auf dem militärischen Gefechtsfeld. Aber ich halte das für weniger wahrscheinlich als den Einsatz über bewohntem Gebiet, um der ukrainischen Führung und dem Westen ein klares Signal zu senden.

Die Optionen für den Westen

tagesschau.de: Wie sollte der Westen darauf reagieren?

Mangott: Dazu gibt es unterschiedliche Haltungen. Manche meinen ja, der Westen hätte längst signalisieren sollen, dass er auch über taktische Nuklearwaffen verfügt. Diese "nukleare Botschaft" ist aber bislang ausgeblieben. Es gibt aber öffentliche und nichtöffentliche Signale an die russische Führung, welche Konsequenzen der Einsatz taktischer Nuklearwaffen haben würde.

Das reicht von Konsequenzen im Sanktionsbereich mit einer totalen wirtschaftlichen Isolation des Landes - dem Abbruch aller Handelsbeziehungen - bis hin zum Einsatz konventioneller Waffen zur Zerstörung russischer Ziele in der Ukraine oder eben auch Angriffen auf die Schwarzmeerflotte, die US-General David Petraeus jetzt angedeutet hat. Aber das birgt natürlich ein ungemeines Eskalationsrisiko, das dann keine der beiden Seiten unter Kontrolle hätte.

tagesschau.de: Dann wäre der Westen vollends Kriegspartei geworden und wir würden von einer Konfrontation nicht mehr zwischen primär der Ukraine und Russland, sondern zwischen der NATO und Russland sprechen.

Mangott: Das wäre auch rechtlich ein Kriegseintritt der NATO auf der Seite der Ukraine gegen Russland. Aber wenn einmal Nuklearwaffen im Einsatz sind, hat keine Seite noch die Gewähr, die Eskalation unter Kontrolle zu halten. Ich denke, das beeinflusst manche westliche Regierungen schon, die sagen: 'Wir wissen nicht, was den Einsatz russischer taktischer Nuklearwaffen provozieren könnte und wo die Eskalation dann aufhören sollte. Und deswegen haben wir, was die Ukraine betrifft, begrenzte Kriegsziele; ein ukrainischer Sieg sollte nicht zur Vertreibung aller russischen Truppen von ukrainischem Territorium führen.'

Andere Regierungen wiederum sagen: 'Nein, wir dürfen uns nicht erpressen lassen und müssen dagegenhalten, weil sich sonst in Zukunft jeder Nuklearwaffensstaat Territorium aneignen kann, weil er im Fall von Widerstand immer drohen kann, diese Waffen einzusetzen.' In diesem Dilemma bewegen sich derzeit die Regierungen.

Nuklearwaffeneinsatz "eine reale Gefahr"

tagesschau.de: Das Prinzip der Abschreckung ist das Wissen, dass jeder Einsatz von Atombomben, auch wenn er, wie in Russland, in der eigenen Doktrin als Ersteinsatz möglich ist, am Ende zur gegenseitigen Vernichtung führt. Ist dieses Prinzip jetzt nachhaltig beschädigt?

Mangott: Das sehe ich so, auch weil der Westen signalisiert, dass man sich von Russland nicht nuklear erpressen lassen will, dass man das Engagement für die Ukraine in Form von Waffenlieferungen nicht aufgeben wird und auch auf die ukrainische Regierung nicht einwirken wird, Verhandlungen über eine Waffenruhe zuzustimmen. Die Abschreckung ist beschädigt. Erstmals seit der Kubakrise von 1962 ist der absichtliche Einsatz von Nuklearwaffen eine reale Gefahr.

tagesschau.de: Putin sagt, die USA hätten den Präzedenzfall schon längst geschaffen und verweist auf Hiroshima und Nagasaki.

Mangott: Das war eine sehr wichtige Passage in der Rede vom 30. September. In ihr hat Putin zwar den nuklearen Einsatz der USA am Ende des Zweiten Weltkrieges kritisiert und sich damit eigentlich implizit gegen die Nutzung von Nuklearwaffen im Krieg ausgesprochen. Das ist aber die optimistische Interpretation von Putins Rede, der ich nicht anhänge. Die pessimistische Interpretation bezieht sich auf den Satz, dass damit durch die USA ein Präzedenzfall gesetzt worden sei. Einen Präzedenzfall konstatiert man nur, wenn man ein solches Verhalten imitieren möchte, also auch Nuklearwaffen einsetzen möchte.

Putins Risiken

tagesschau.de: Kann es zu einer Eigendynamik kommen, wo die Drohung indirekt in der Welt ist und auch unter russischen Nationalisten vehement diskutiert wird?

Mangott: Wir wissen nicht genau, wie der Entscheidungsmechanismus beim Einsatz von strategischen oder auch taktischen Nuklearwaffen in Russland abläuft. Formal gesehen entscheidet ausschließlich der Präsident als Oberkommandierender der Streitkräfte darüber. Es kann aber sein, dass diese Autorisierung unter vier oder sechs Augen erfolgen muss. Und es könnte sein, dass Putin in seiner Besessenheit, diesen Krieg gewinnen zu müssen, um auch seine Position abzusichern, sich zur Autorisierung eines solchen Einsatzes durchringt. Aber es könnte auch sein, dass dieser Befehl Putins nicht umgesetzt wird.

Die Risiken für Putin sind ungemein groß - intern ein Widerstand in der politischen Elite gegen eine derartige Eskalation und international natürlich die Reaktionen des Westens mit Sanktionen oder konventionellen Angriffen und eine globale Isolation Russlands nach dem Einsatz einer solchen Waffe. Es könnte nämlich sein, dass auch die indirekten Unterstützer Russlands, China und Indien, aber auch viele andere Staaten im afrikanischen, arabischen, lateinamerikanischen oder südostasiatischen Raum dieses Vorgehen klar verurteilen würden.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de