Ein Krankenhausmitarbeiter geht mit zwei neuen Sauerstoffflaschen über den Flur eines Krankenhauses in Bukarest | EPA

Corona-Pandemie Rumäniens Krankenhäuser kollabieren

Stand: 18.10.2021 08:03 Uhr

In kaum einem anderen Land sterben im Verhältnis so viele Menschen an Covid-19 wie in Rumänien. Das liegt auch an der geringen Impfbereitschaft. Die Krankenhäuser sind am Limit.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Nahezu unablässig kommen Krankenwagen mit Covid-Patienten vor der Notaufnahme der Uniklinik Bukarest an. Die Rettungsfahrzeuge haben kaum mehr Platz, um kurz zu parken. Die Rettungssanitäter packen mit an, rollen die Patienten auf den Tragen rasch in die Notaufnahme.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Er sei aus Călărași hierher mit dem Krankenwagen gefahren, einer Großstadt rund zwei Autostunden südöstlich von Bukarest entfernt, sagt der Sanitäter. Einige Patienten seien geimpft gewesen, aber die meisten seien ungeimpft. Es gebe ja weniger schwere Fälle bei den Geimpften. Aber jeder hätte eine Ausrede, um sich nicht impfen zu lassen. "Einer sagt, dass er eine ernsthafte Krankheit hat, wegen der er nicht geimpft werden kann, viele glauben nicht an den Impfstoff. Verschiedene Menschen, verschiedene Fälle."

"Können Sie mich hören?", fragt eine Krankenschwester die Patientin. Sie zeigt ihr, wie sie den Finger auf die Nase drücken und durch das Nasenloch atmen soll. "Drücken Sie mit den anderen Fingern drauf, so."

"Noch nie so viel Tod gesehen"

In der Notaufnahme, auf den Krankenhaus-Fluren wird notdürftig Platz geschaffen für die Covid-Infizierten. Die Intensivbetten sind voll belegt. Die Internistin Petruța Filip erzählt, sie habe hier im Universitätsklinikum Bukarest schon lange nicht mehr so viel Tod gesehen. Eigentlich habe sie noch nie so viel Tod gesehen.

Nur rund 30 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Viel mehr wollen sich auch nicht impfen lassen: Sechs von zehn Rumänen lehnen laut einer Anfang Oktober veröffentlichten Umfrage die Impfung ab. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 1500. Mit Ausnahme der kleinen Karibik-Insel Santa Luca sterben im Verhältnis zur Einwohnerzahl weltweit nirgendwo mehr Menschen an Covid-19 als in Rumänien. Am letzten Freitag waren es 365 Menschen, an einem Tag.

Impfrate ist zu niedrig

Die Impfrate sei sehr niedrig, berichtet Filip. Die Menschen seien nicht geimpft und das Virus habe es geschafft zu mutieren. Es sei viel ansteckender als bisher. Hinzu komme die Tatsache, dass es keine Corona-Einschränkungen mehr gebe wie in den Jahren zuvor. Dies habe stark zur Verbreitung des Virus beigetragen. "Die meisten der infizierten Patienten sind nicht geimpft. Seit Beginn der vierten Corona-Welle hatte ich nur einen einzigen geimpften Patienten, alle anderen waren nicht geimpft", so Filip.

Die Bukarester Ärztekammer schrieb in einem offenen Brief an die Bevölkerung: Die Ärzte seien verzweifelt wegen der Hunderten Toten täglich, das medizinische Personal sei erschöpft und überfordert. "Jetzt sehen Sie selbst, was hier passiert, was sollen wir noch mit Worten sagen? Es hat sich absolut nichts geändert, die Leute lassen sich immer noch nicht impfen", macht ein diensthabender Arzt seiner Dauerbelastung Luft.

Keine Betten mehr für die Patienten

Eine Kollegin fügt hinzu: "Wir hatten hier sogar 20 Infizierte auf Stühlen." Die armen Patienten seien hier tagelang auf Stühlen gesessen. Auch jetzt seien die Patienten da und warteten. "Wir wissen einfach nicht mehr, was wir mit ihnen machen sollen, denn niemand glaubt uns. Man sagt uns nur, dass es überall genauso ist."

"Sind Sie geimpft, meine Dame?", fragt der Arzt. Die Patientin schüttelt den Kopf. Die ältere Frau hat bereits eine Sauerstoffmaske auf dem Mund und ist sehr geschwächt. Freitagnacht, erzählt sie, sei eine Katastrophe gewesen. Sie habe beim Notdienst angerufen. Die sagten zu ihr, sie habe Covid. In der Nacht sei es ihr dann sehr schlecht gegangen. Deshalb sei sie hergekommen. "Ich fühle mich hier besser, jetzt fühle ich mich gut, meine Sauerstoffsättigung hat zugenommen", erzählt sie weiter.

Hilfe aus dem Ausland

Die Lage ist mittlerweile derart kritisch, dass die Regierung gebeten hat, dass Covid-Intensivpatienten im Ausland behandelt werden. Ungarn hat bereits die ersten zehn Patienten in kritischem Zustand übernommen, Polen, Italien und die Niederlande schicken Sauerstoffgeräte und Antikörperstoffe. All das, sagen die Ärztinnen und Ärzte in der Uniklinik Bukarest, sei dringend erforderlich - während sie gleichzeitig die Patienten behandeln.

"Wir haben keine Sauerstoffgeräte mehr, wir haben keine freien Betten mehr, wir haben nichts." Alle Ressourcen seien erschöpft, berichten die Ärztinnen weiter. Sie brauchen unbedingt noch Beatmungsgeräte, sagen sie. Man habe hier Patienten, die ein Beatmungsgerät brauchen und sie haben keines mehr. "Wir behandeln sie hier mit zwei Sauerstoffbehältern. Wir tun einfach alles, was wir können, um ihnen zu helfen."

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 18. Oktober 2021 um 10:20 Uhr.

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Moderation 18.10.2021 • 21:48 Uhr

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