Arbeiter in der Näherei von Roubaix | ARD Paris
Weltspiegel

Frankreich "Roubaix lebt und atmet wieder"

Stand: 09.01.2022 07:10 Uhr

Billigmode stürzte die einst wohlhabende Textilmetropole Roubaix in die Krise, heute lassen sich Gründer und Modefirmen dort nieder: Die Stadt ist voller Ideen - von der Maskennäherei bis zur Stricksocken-Bar.

Von Sabine Rau, ARD-Studio Paris

Auf den ersten Blick ist Roubaix der Lack ab - das war nicht immer so. Roubaix im Norden Frankreichs nahe der belgischen Grenze, war einst eine blühende Industriemetropole, berühmt für seine Textilindustrie. Vom Glanz vergangener Tage zeugen heute nur noch die opulenten und herrschaftlichen Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert - denn mit dem Zusammenbruch der französischen Textilindustrie und der Billigmode aus Asien im 20. Jahrhundert begann der rasante Niedergang der Stadt. Heute dominieren Armut und Arbeitslosigkeit. Öde und Leerstand, wo einst Arbeitersiedlungen und Fabrikhallen waren. Doch damit wollen die 100.000 Einwohner der Stadt sich nicht zufrieden geben: In den alten Industriekomplexen entstehen zunehmend wieder neue Initiativen.

Sabine Rau ARD-Studio Paris

Frédéric Minard ist Beigeordneter der Stadt. Er hat Pläne für die alte Industriemetropole: "Die Idee ist, die Vorzüge zu erhalten: die Gebäude, diese Architektur - aber sie anzupassen an die Erfordernisse einer modernen, innovativen Textilwirtschaft. Außerdem gibt es hier noch immer die Kompetenzen und Fähigkeit, die für Unternehmer interessant sind: eine Ingenieurschule , eine Modehochschule."

Textilhersteller kommen zurück

Und tatsächlich: Die Hochschule für Mode und Design von Roubaix hat einen Namen weit über Frankreich hinaus. Zu den Präsentationen der Abschlussklassen kommen Modeeinkäufer aus der ganzen Welt, immer auf der Suche nach neuen Trends und modernen Techniken. Nachhaltigkeit gehört zum Ausbildungskanon. Und das ist auch für die Industrie interessant.

Die großen Textilhersteller haben das längst erkannt. Sie kommen zurück nach Frankreich, um hier wieder zu produzieren, wie Bertrand Morange, Kreativdirektor der Herrenmarke "Jules", bestätigt: "Roubaix ist nicht tot, ganz im Gegenteil! Das erlebe ich hier", sagt er. Die Modebranche werde in der Stadt wieder ein Akteur: "Das ist unsere Verantwortung als großes Unternehmen. Wir müssen den Wandel begleiten und mitgestalten!" Sein Unternehmen plant in Roubaix neue Arbeitsplätze.

Menschen arbeiten in der Modeschule ESMOD | ARD Paris

Auf der Modehochschule ESMOD gehört Nachhaltigkeit fest zur Ausbildung. Das kommt an in der Branche. Bild: ARD Paris

In der Krise eine neue Näherei gegründet

Im Atelier Résilience ist das schon Realität: Eine Art Pop-up-Fabrik, aus dem Stand gegründet - mitten in der Corona-Krise. 120 Näherinnen und Näher arbeiten in einer alten Backstein-Fabrikhalle. Sie fertigen Corona-Masken, zuerst für Roubaix, dann für den ganzen Norden Frankreichs und schließlich für das ganze Land. Auftraggeber ist der Staat, aber die Firma ist ein privates Unternehmen.

Fast alle Beschäftigten kommen aus der Textilbranche, viele waren zuvor arbeitslos, so wie Marie, eine Frau Mitte 50, die ihren Nachnamen nicht nennt. Sie hat Schneiderin gelernt, Kinder großgezogen - eine unterbrochene Erwerbsbiographie. Im Atelier Résilience verdient sie wieder eigenes Geld: Mindestlohn, aber immerhin.

Näherin Marie | ARD-Studio Paris

Marie arbeitet im Atelier Résilience. Sie ist begeistert von dem Effekt, den die Näherei auf die Stadt hat. Bild: ARD-Studio Paris

Sie mag die Atmosphäre und die vielen unterschiedlichen Kolleginnen in der Fabrik, erzählt Marie: "Es gibt hier auch die Mütter mit den Kopftüchern, die niemals gearbeitet haben. Die kommen her, die lernen an den Maschinen. Und sie sind glücklich, denn sie haben ein Einkommen, sie sind unabhängig - und dann man spürt man: Roubaix lebt und atmet wieder!"

Arbeiter in der Näherei von Roubaix | ARD Paris

Im Atelier Résilience fertigen 120 Näherinnen und Näher Corona-Masken. Bild: ARD Paris

Kunst in der alten Badeanstalt

Das kann man auch an anderer Stelle sehen: In der ehemaligen Badeanstalt von Roubaix - einem prachtvollen Art-déco-Bau - präsentieren sich der ganze Stolz und die Geschichte der Stadt: ein Beispiel für gelungene Transformation. Das frühere Schwimmbad mit Jugendstil-Porzellan-Kacheln aus Limoges ist heute eines der berühmtesten Museen Frankreichs. Es beherbergt neben einer eindrucksvollen Sammlung historischer Kleider auch Malerei und Plastiken.

 "Das war natürlich eine verrückte Idee", sagt der Beigeordnete, Frédéric Minard. "Aber sie kommt großartig an: Die Leute erinnern sich, wie sie hier vor 40 Jahren schwimmen gelernt haben und zugleich entdecken sie diese Kunst hier!"

Innenansicht eines Museums in einem Schwimmbad von Roubaix | ARD Paris

Viele Menschen in Roubaix kennen die alte Badeanstalt aus Kindertagen - heute ist sie ein Kunstmuseum. Bild: ARD Paris

Zum Bier ein paar Stricksocken

Und es tut sich noch viel mehr in Roubaix: In der Bar bei "Den Drei Strickern" herrscht Hochbetrieb. Eine Besonderheit auf der Karte: Am Tresen kann man ein Bier und ein paar Socken bestellen. Drei junge Textilingenieure hatten die Idee zu einer Kneipe mit angeschlossenem Strickatelier. Ihre Maschinen produzieren ein Paar in 20 Minuten, ein Pullover braucht etwas länger. Alles aus recycelter Baumwolle.

Jeden Tag gibt es eine andere Farbe zur Auswahl. Acht Euro kostet das Paar Socken. Beim Bier kann man die nachhaltige Produktion der Kleidungsstücke durch eine Glasscheibe beobachten. "Wir wollen so die Leute für umweltverträgliche, heimische Produktion begeistern," erklärt Sacha Boyadjian. Sie und ihre beiden Studienfreunde haben sich für das Projekt ganz schön verschuldet - aber sie hoffen, eines Tages davon leben zu können.

Es gibt zahlreiche Initiativen in Roubaix. Vielleicht funktionieren nicht alle. Aber viele in der Stadt sind überzeugt: Mit neuen Ideen für eine alte Industrie - so kann Roubaix eine Zukunft haben.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 9.1.2022 um 18.30 Uhr im "Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 09. Januar 2022 um 18:30 Uhr.