Das Rettungsschiff "Humanity 1" liegt in Catania, Italien. | REUTERS

Seenotrettung vor Italien "Die Situation ist sehr angespannt"

Stand: 08.11.2022 11:31 Uhr

Hunderte Migranten müssen auf Rettungsschiffen in einem italienischen Hafen ausharren. Trotz Kritik der Retter verteidigt Italiens Regierung seine Linie. Aus Deutschland kommen mahnende Worte.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Helft uns - rufen die geretteten Menschen auf dem Schiff "Geo Barents", das im Hafen von Catania festsitzt. Die 214 Migranten dürfen nicht von Bord, die Lage auf dem Schiff werde immer schwieriger, so Juan Matias Gil von "Ärzte ohne Grenzen". "Die Situation ist sehr angespannt. Man streitet untereinander, sie verstehen nicht, was passiert. Und wir können keine Antworten geben", berichtet er.

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

Auch die deutsche "Humanity 1" liegt noch im Hafen der süditalienischen Stadt, 35 Menschen, die von der Crew gerettet worden waren, harren an Deck aus. Kapitän Joachim Ebeling will nicht ablegen, da die Seenotrettung erst abgeschlossen sei, wenn alle Überlebenden an Land gehen können. Gegenüber der internationalen Presse sagte er:

Ich bin wirklich wütend und traurig, dass ich zu einer illegalen Tat gedrängt werde. Denn das Dekret, das mich davon abhält, die Menschen hier auszuschiffen, ist rechtswidrig. Das haben unsere Anwälte klar festgestellt.

Seenotretter gehen rechtlich gegen Italien vor

"SOS Humanity", die das Schiff betreibt, geht inzwischen rechtlich gegen die verhinderte Ausschiffung der Geretteten vor, Italien verstoße gegen europäisches Recht und die Genfer Flüchtlingskonvention.

Derweil hält die Regierung an ihrer Linie fest, Innenminister Matteo Piantedosi sagte: "Wir handeln vor allem menschlich, aber wir halten auch an unseren Prinzipien fest. In diesem Sinne werden auch die nächsten Aktionen sein. Wir werden sehen, wie es läuft. Wir arbeiten sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Schauen wir mal."

Demonstranten halten ein Transparent mit der Aufschrift "Stop the Attack on Refugees" (Stoppt den Angriff auf Flüchtlinge) vor dem Rettungsschiff  "Geo Barents" im Hafen von Catania.  | dpa

Demonstranten halten ein Transparent mit der Aufschrift "Stop the Attack on Refugees" (Stoppt den Angriff auf Flüchtlinge) vor dem Rettungsschiff "Geo Barents" im Hafen von Catania. Bild: dpa

Italiens Regierung wehrt sich gegen Kritik

Die italienische Regierung ist der Auffassung, dass der Staat, unter dessen Flagge ein ziviles Rettungsschiff fährt, für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständig ist. Im Fall der "Geo Barents" wäre das Norwegen, im Fall der "Humanity 1" Deutschland. Die Behörden hatten am Wochenende nur Minderjährige und Menschen in Sizilien an Land gehen lassen, die sie für hilfsbedürftig ansahen.

Piantedosi verteidigt die Auswahl. "Es gibt zuständige Stellen, die diese Art von Bewertungen vornehmen, so dass sie ständig überwacht und von den zuständigen Gebietskörperschaften beobachtet werden", sagte er.

Bundesregierung: "Seenotrettung darf nicht behindert werden"

Die deutsche Regierung sei mit den italienischen Behörden laufend im Austausch, so hieß es am Montag auf der Bundespressekonferenz in Berlin. Die Sprecherin des Außenministeriums, Andrea Sasse, stellte allerdings nochmals klar: "Zivile Seenotrettung darf nicht behindert werden. Das ist unsere moralische und rechtliche Verpflichtung, Menschen in Seenot nicht ertrinken zu lassen. Und das muss natürlich auch das Ziel unseres Handelns sein."

Unterdessen wartet vor der Küste Siziliens weiterhin die "Ocean Viking" der Organisation SOS Mediterranee, die Situation für die 234 Menschen an Bord werde immer schwieriger. Ein weiteres Schiff, die "Rise Above" der Dresdner Organisation Mission Lifeline, erhielt die Erlaubnis, in Reggio Calabria einzufahren. Alle Menschen durften von Bord gehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2022 um 11:00 Uhr.