Elzbieta P., die Schöpferin der Regenbogen-Madonna, nach ihrem Freispruch. | AP

Polen Freispruch im "Regenbogen-Madonna"-Prozess

Stand: 02.03.2021 19:03 Uhr

Ein Regenbogen-Nimbus ist keine Beleidigung: So wie drei Aktivistinnen sieht das auch das polnische Gericht, vor dem sie angeklagt waren. Die Urteilsverkündung wurde zum christlichen Plädoyer gegen Homophobie.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

In einem Verfahren, das wegen der politischen Rahmenbedingungen in Polen als "Regenbogen-Madonna"-Prozess auch international Aufmerksamkeit erregt hatte, rührte die Richterin am Ende die Angeklagten buchstäblich zu Tränen: Sie gebe zu bedenken, "dass auch nicht heteronormative Menschen das Recht haben, zur kirchlichen Gemeinde zu gehören und nicht stigmatisiert werden dürfen", sagte die Richterin am Bezirksgericht Plock.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Elzbieta Podlesna, bekannteste Aktivistin der drei angeklagten Frauen, sagte unmittelbar nach dem Urteilsspruch: "Ich hörte das mit großer Rührung. Es passiert wohl selten, dass Staatsbeamte in Richterrobe Worte über Liebe und gegenseitigen Respekt sprechen, auch in Richtung von Vertretern der katholischen Kirche. Und es rührt mich sehr, dass sich der Staat schützend vor Bürger stellt, die am meisten schikaniert und angegriffen werden."

Ostergrab stellte LGBT-Menschen als sündig dar

Tatsächlich klang die ausführliche Urteilsbegründung phasenweise wie eine Anklage gegen jene, die sich durch die Regenbogen-Madonna beleidigt und angegriffen fühlten: Der Priester einer Plocker Kirchengemeinde, der im Strafprozess als Geschädigter aufgetreten war, erhielt eine Lektion, die mancher Prozessbeobachter als Grundkurs christlicher Grundwerte verstand.

Die Gemeinde nämlich hatte ein sogenanntes Ostergrab in Altarnähe aufgestellt - eine sakrale Installation, in der Pappkärtchen vor allerlei Bösem warnten: Hass und Neid, Abfall vom Glauben, aber eben auch vor "Gender" oder "LGBT". Das Kürzel steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, transgeschlechtliche Menschen und andere Zugehörige sexueller Minderheiten.

"In keinem diesem Gericht bekannten Bibeleintrag oder Katechismus der katholischen Kirche findet sich ein Hinweis, dass nicht heteronormative Menschen aus der Kirche auszuschließen seien. Im Gegenteil", sagte die Richterin. "Die Botschaft des Neuen Testaments ist die von Nächstenliebe, Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese positiven, in der europäischen Kultur verankerten Werte sind die Grundlage unserer Moral. Liebe, Verständnis und gegenseitige Achtung sind der richtige Weg."

PiS spricht von einem "Skandalurteil"

Der Priester, der sich nach dem Urteil nicht äußerte, hatte im Gericht abermals unterstrichen, die Zugehörigkeit zu sexuellen Minderheiten sei eine besonders gefährliche Sünde, die gerade Kinder und Jugendliche gefährde - eine Einstellung durchaus im Einklang mit der regierenden PIS-Partei und zahlreichen polnischen Gemeinden, die sich in Erklärungen für "LGBT-frei" erklärt haben. Nicht nur im moraltheologischen Sinn, sondern auch rein rechtlich gesehen hätten Menschen anderer sexueller Neigungen aber das Recht, Teil der Kirche zu sein, ohne stigmatisiert zu werden, erklärte die Richterin nun.

Die Aktion mit den Aufklebern rund um die Plocker Kirche, auf der die berühmte "Schwarze Madonna von Tschenstochau" samt Jesuskind mit Regenbogen-Heiligenschein zu sehen war, sei eine Reaktion auf Homophobie in der Kirche gewesen, sagte das Gericht - und folgte damit im Wesentlichen der Darstellung der angeklagten Frauen.

Unterstützer haben das Bild der Madonna mit der Aufschrift "Ein Regenbogen ist keine Beleidigung" vor das Gerichtsgebäude in Plock mitgebracht. | AP

"Ein Regenbogen ist keine Beleidigung" steht auf Plakaten, die Unterstützer vor das Plocker Gericht mitgebracht hatten. Bild: AP

Sie hätten nicht die Absicht gehabt, jemanden zu verletzen, und im rechtlichen Sinne könne auch von einer tatsächlichen Verletzung religiöser Gefühle keine Rede sein: Denn diese liege nur vor, wenn dabei Worte oder Gesten benutzt würden, die allgemein als verletzend eingestuft würden - das sei beim Regenbogen, einem Gleichheitssymbol, gerade nicht der Fall:

Ein großer Teil der Dokumente in diesem Verfahren sind Briefe von Menschen, die von sich sagen, sie seien praktizierende Katholiken, Religionslehrer, sogar Geistliche, die zu Denken gaben, dass dieses Bild der Gottesmutter Katholiken nicht beleidigt, einen Gegenstand religiösen Kultes nicht herabwürdigt, sondern nur einen Denkanstoß gibt, dass nicht heteronormative Personen auch das Recht haben, zur kirchlichen Gemeinschaft zu gehören.

Dass dieses Urteil aber auch im politisch rechten Lager als Denkanstoß begriffen werden würde, war zunächst nicht erkennbar. Von einem "Skandalurteil" sprach ein PiS-nahes Portal in einem ersten Reflex: Die Profanisierung der Mutter Gottes bleibe unbestraft. Und die Staatsanwaltschaft, die in dem Fall schnell und beherzt Ermittlungen aufgenommen hatte, will dies auf dem Instanzenweg doch noch ändern, kündigte sie umgehend an.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 20. Februar 2021 um 07:15 Uhr.