Auf dem Flughafen in Amsterdam werden Fluggäste getestet. | dpa

Neue Coronavirus-Variante Omikron wohl schon länger in Europa

Stand: 30.11.2021 14:58 Uhr

Niederländische Forscher haben Omikron-Spuren in Proben entdeckt, die älter sind als die bekannten Fälle. Weiter unklar ist, ob die bisherigen Impfstoffe gegen die Variante helfen. Moderna und BioNTech arbeiten an einem neuen Vakzin.

Die neue Coronavirus-Variante Omikron geht offenbar schon länger in Westeuropa um als bislang angenommen. Darauf deutet eine Mitteilung des niederländischen Gesundheitsinstituts RIVM hin, wonach zwei lokale Infektionen mit der Mutante entdeckt worden seien, die bis zu elf Tage zurücklägen.

Erste Berichte über Fälle der zunächst in Südafrika erkannten Corona-Variante gab es vergangene Woche. Das RIVM entdeckte Omikron-Spuren nach eigenen Angaben in Proben, die auf die Zeit vom 19. bis 23. November datieren. Sie liegen damit zeitlich vor den positiven Omikron-Fällen unter den Passagieren, die am vergangenen Freitag aus Südafrika eingereist und am Amsterdamer Flughafen Schiphol getestet worden waren.

Vier Monate bis zu neuem Impfstoff

Die Direktorin der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA, Emer Cooke, erklärte, die Behörde sei auf Omikron vorbereitet. Es werde zwei Wochen dauern, um Hinweise darauf zu erlangen, ob die gegenwärtigen Covid-19-Impfstoffe mit der Variante fertig würden. Falls ein neues Vakzin benötigt werde, um Omikron entgegenzutreten, werde es bis zu vier Monate dauern, bis ein solches für den Einsatz in der EU zugelassen werde. "Wir sind vorbereitet", sagte Cooke vor EU-Parlamentariern und fügte hinzu, dass die Kooperation mit der Medizinindustrie bereits laufe, um sich für eine solche Eventualität zu rüsten. "Wir wissen, dass es irgendwann eine Mutation geben wird, die bedeutet, dass wir den aktuellen Ansatz ändern müssen."

Cooke schlug besänftigendere Töne an als die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die das globale Risiko durch die Omikron-Variante am Montag als "sehr hoch" eingestuft hatte. Die Variante könnte zu Ausbrüchen mit schwerwiegenden Folgen führen, teilte die WHO mit. Die höchste Intensität an Omikron-Fällen gab es Berichten zufolge in und um die südafrikanischen Städte Johannesburg und Pretoria.

Cooke erklärte, aus dem höheren Durschnittsalter der Bevölkerung und den höheren Impfraten folge für Europa insgesamt eine andere Situation. Bislang seien die verfügbaren Impfstoffe mit allen Virusvarianten fertig geworden. Eine wachsende Zahl von Staaten weltweit berichtet von Entdeckungen der neuen Virusvariante oder reagiert mit Beschränkungen des Flugverkehrs auf die Ausbreitung, während Wissenschaftler auf Hochtouren versuchen, herauszufinden, wie gefährlich Omikron genau ist.

Moderna-Chef sieht schlechteren Schutz gegeben

Moderna-Chef Stephane Bancel geht indes von einer geringeren Wirksamkeit der gegenwärtigen Covid-19-Impfstoffe gegen die neue Omikron-Variante aus. Der Schutz dürfte nicht auf demselben Niveau wie bei der hochansteckenden Delta-Variante liegen, sagte Bancel der "Financial Times". "Ich denke, es wird ein erheblicher Rückgang sein. Ich weiß nur nicht, wie stark, weil wir die Daten abwarten müssen. Aber alle Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, sind der Meinung: 'Das wird nicht gut sein'."

Die Universität Oxford, Partner des Moderna-Rivalen AstraZeneca, sieht dagegen keine Hinweise auf einen mangelnden Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bei Omikron. Es gebe bisher nur begrenzt Daten zu der Variante. Sollte es aber notwendig sein, könnte rasch eine neue Version des Impfstoff entwickelt werden.

Moderna und der Mainzer Hersteller BioNTech haben bereits mit den Arbeiten an einem neuen Impfstoff gegen die Omikron-Variante begonnen. BioNTech hatte allerdings erklärt, dass noch nicht klar sei, ob eine Anpassung seines Vakzins erforderlich sei und erwartet darüber nach Labortests mehr Klarheit in etwa zwei Wochen.

Fälle in Frankreich und Japan entdeckt

Am Dienstag bestätigten Frankreich und Japan die ersten Fälle von Omikron-Nachweisen. Die französischen Behörden bestätigten im Übersee-Département La Réunion im Indischen Ozean erstmals eine Infektion mit der neuen Coronavirus-Variante. Patrick Mavingui, ein Mikrobiologe in der Forschungsklinik für Infektionskrankheiten auf der Insel, erklärte, ein 53-jähriger Mann, der vor seiner Rückkehr nach Réunion nach Mosambik gereist sei und einen Zwischenstopp in Südafrika eingelegt habe, sei positiv auf die Virusvariante getestet worden. Für den Mann wurde eine Quarantäne angeordnet. Er habe Muskelschmerzen und sei müde, sagte Mavingui nach Angaben des Fernsehsenders Réunion 1ere.

In Japan wurde die neue Corona-Variante bei einem Mann nachgewiesen, der kürzlich aus Namibia eingereist war, wie Kabinettssekretär Hirokazu Matsuno mitteilte. Der Patient sei in seinen Dreißigern. Er sei am Sonntag nach seiner Ankunft am Flughafen positiv getestet und dann isoliert worden. Eine Genomanalyse habe dann am Dienstag ergeben, dass er sich mit der zuerst in Südafrika erkannten Variante angesteckt habe. Der Mann werde in einer Klinik behandelt.

Erst am Montag hatte Japan als Vorsichtsmaßnahme ein Einreiseverbot für alle Ausländer verhängt. Die Regelung gilt ab dem heutigen Dienstag. Kambodscha verhängte Einreisesperren über Reisende aus zehn afrikanischen Staaten und berief sich dabei auf die Bedrohung durch die Omikron-Variante. Erst zwei Wochen zuvor hatte das Land seine Grenzen für vollständig geimpfte Reisende wieder geöffnet.

Weitere Fälle in Israel

Auch zwei Ärzte des Schiba-Krankenhauses nahe der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv haben sich mit der Omikron-Variante infiziert. Einer der beiden Kardiologen sei von einer medizinischen Konferenz in London zurückgekehrt und habe nach seiner Rückkehr seinen Kollegen angesteckt, teilte ein Sprecher der Klinik mit. Damit sind in Israel bisher vier Omikron-Fälle bestätigt, es gibt noch mehrere Verdachtsfälle.

Beide Kardiologen seien dreifach mit dem BioNTech/Pfizer-Vakzin geimpft, erklärte der Sprecher. Sie zeigten bisher einen milden Krankheitsverlauf und hätten sich zuhause isoliert. Der Rückkehrer war erst nach seiner Ankunft in Israel positiv getestet worden. Es sei unklar, wo genau er sich in London angesteckt habe, sagte der Sprecher. Die israelische Regierung hatte am Sonntag beschlossen, zur Eindämmung der neuen Variante die umstrittene Handy-Überwachung von Erkrankten wieder einzuführen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2021 um 16:36 Uhr.