Menschen kaufen auf dem Markt in Odessa ein (Archivbild vom März 2022) | dpa
Reportage

Krieg gegen die Ukraine Gedränge auf dem Markt, Flaute im Hafen

Stand: 18.07.2022 08:09 Uhr

Im Hafen von Odessa herrscht Stillstand. Die Seeleute können nicht aufs Meer fahren. In vielen Familien sind die Frauen jetzt die einzigen Ernährerinnen. Alle hoffen auf ein Ende der Blockade der Häfen.

Von Rebecca Barth, ARD-Studio Warschau, zzt. Odessa

Odessa trotzt dem Krieg - und wer sich davon überzeugen möchte, der geht auf den bekanntesten Lebensmittelmarkt der Stadt, den "Priwos". Hier drängen sich die Odessiten - wie sich die Einwohner der südukrainischen Hafenstadt nennen - vorbei an klapprigen Ständen und Bergen von Obst, Gemüse, Nüssen, Fleisch und Fisch.

"Der 'Priwos' war immer offen. Hier wurde immer gearbeitet. Wenn auf dem 'Priwos' gearbeitet wird, lebt Odessa, und alles wird gut. Wir werden gewinnen, wir sind die Stärksten." Das sagt Aljona, eine der runden Frauen aus der Fischabteilung des Marktes.

Es ist zehn Uhr morgens und Aljona holt eine kleine Schnapsflasche hinter ihrem Stand hervor. Den ganzen Tag arbeitet sie hier mit ihrer Tochter.

Seit Kriegsbeginn sind die beiden Frauen die einzigen Ernährerinnen in der Familie. "Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Am Anfang war es sehr schwer. Als der Krieg gerade begonnen hatte, sind alle geflohen. Das Geschäft ist eingebrochen. Aber wir mussten ja Geld verdienen."

Verdienst um die Hälfte zurückgegangen

Seit Februar herrscht Stillstand im Hafen von Odessa - ein großes Problem, auch für die Frauen aus der Fischabteilung. Ihr Verdienst sei um etwa 50 Prozent eingebrochen, gibt Aljona zu, und das Fischangebot rapide gesunken. Am Stand gegenüber steht eine rothaarige Verkäuferin, die hier alle nur Baba Katja nennen. Auch sie kennt das Problem: "Es ist schrecklich. Die Menschen sind komplett ohne Arbeit. Die Familien haben wirklich Hunger."

Vor der 62-Jährigen zappeln schwere Welse in einer Plastikbox. Ab und an sprüht Baba Katja etwas Wasser auf die Fische - so könnten sie eine lange Zeit überleben, sagt sie. Die Fische werden in einer Fischfarm gezüchtet, denn aus dem Meer kann wegen Minen und Seeblockaden nichts mehr nach Odessa geliefert werden.

Früher gab es viele Fische, vor allem im Sommer. Es gab Flundern, Schollen, Meeräschen, aber jetzt nicht mehr. Nach Monaten der Blockade wächst der Frust bei den Frauen auf dem Markt und ihren Männern - Odessas Seeleuten. Laut der ukrainischen Gewerkschaft für Beschäftige im Seeverkehr machen ukrainische Seefahrer etwa acht Prozent der weltweiten Seefahrt aus. Doch 40.000  - also etwa zwei Drittel von ihnen - könnten das Land wegen des Krieges nicht verlassen.

So auch Aljonas Schwiegersohn, der die Frauen heute auf dem Markt besucht. "Ich verlange gar nichts vom Staat. Ich möchte nur, dass der Staat an alle seine Bürger denkt, nicht nur an die, die etwas tun können. Ich bin Seemann, das ist mein Beruf. Ich habe keinen anderen Beruf", sagt er.

Glück hatte, wer bei Kriegsbeginn auf Reisen war. Die anderen Seefahrer sitzen teilweise schon sechs Monate in den ukrainischen Hafenstädten fest. Sie haben eine Petition gestartet und die Öffnung der Grenzen für ihren Berufszweig gefordert. Dann könnten sie nach Rumänien oder in die Slowakei und von dort aufs Meer hinaus fahren, wie die anderen auch. Doch das Parlament hat die Petition abgelehnt.

Eine Katastrophe, findet ein paar Stände weiter auch Natascha. "Sie werden verrückt. Sie sind an das Meer gewöhnt. Sie sind es gewohnt, ständig unterwegs zu sein und zu arbeiten. Mein Sohn sitzt nur noch da, sagt: 'Mama, ich verliere den Verstand.' Ja, langsam wird er depressiv", sagt sie.

Familien fehlt Einkommen der Männer

Ohne das Einkommen der Seemänner kommen viele Familien in Odessa kaum über die Runden. Das weiß auch der Bürgermeister der Stadt, Hennadij Truchanow. Eine Ausnahmeregelung werde es für die Männer dennoch nicht geben. "Wir können keine Risiken eingehen oder so leben, als sei nichts passiert. Und das gilt für absolut jeden in diesem Land. Wir können keine Ausnahme machen", so Truchanow.

Jetzt haben viele Angst, ihre Verträge zu verlieren und ersetzt zu werden. Und so hoffen Aljona, ihre Familie und die anderen Frauen auf Odessas größtem Lebensmittelmarkt auf Verhandlungen. Wenn ein Getreidekorridor zustande käme, gäbe es auch für ihre Männer wieder Hoffnung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. Juli 2022 um 06:39 Uhr.