Netzwerkkabel und Leuchtdioden sind in einer Netzwerkzentrale zu sehen. | dpa
Analyse

NATO zu Cyberangriffen Angriffe im Netz, Bedrohung im All

Stand: 16.06.2021 09:07 Uhr

Drei Gesprächsrunden sind beim Treffen von Biden und Putin in Genf vorgesehen. Biden will unter anderem Sicherheitsprobleme ansprechen, die den westlichen Partnern zunehmend Sorge bereiten - im Netz und im All.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Von "bösartigen Cyber-Aktivitäten" und "großangelegten Desinformationskampagnen" sprechen die NATO und die USA. Beispiele dafür gibt es genug: den Hackerangriff auf die größte Benzin-Pipeline der USA im Mai, der vorübergehend zu Treibstoffknappheit führte. Kampagnen in sozialen Netzwerken, die vor Wahlen das öffentliche Meinungsbild beeinflussen. Oder Angriffe auf Regierungsnetzwerke mit dem Ziel, diese abzuschöpfen. Von der Verwundbarkeit von Krankenhäusern oder Kraftwerken ganz zu schweigen.

Michael Schneider ARD-Studio Brüssel

Ein Alptraum für die westlichen Staaten, die sich an diese neue Form der Bedrohung erst einmal gewöhnen müssen - und auf der Suche nach Verantwortlichen sind. Den Ursprung vermuten die westlichen Partner immer häufiger in russischen Hackerfabriken, die im Auftrag des Kreml arbeiten.

Russlands Präsident Wladimir Putin will davon nichts wissen und weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Er fordert Beweise für die Vorwürfe. Im Zweifel gelte die Unschuldsvermutung. Doch gerade die USA halten die Indizien für ausreichend, um gegenüber Moskau schärfere Töne anzuschlagen. Vor dem gemeinsamen Treffen in Genf formulierte US-Präsident Joe Biden rote Linien: Wenn Putin weiter eine solche Politik der Cyberaktivität verfolge, werde Washington "auf angemessene Weise antworten".

Bündnisfall wird ausgeweitet

Auch die NATO sucht nach angemessenen Antworten auf eine diffuse Bedrohungslage. Schon jetzt bereitet sich das Militärbündnis auf vermehrte Angriffe im Cyberspace vor. Beim NATO-Gipfel Anfang der Woche wurde über eine neue Strategie der Alliierten beraten. Das Ziel sei, für starke technische Fähigkeiten und gemeinsame militärische Planungen zu sorgen, um einen solchen Angriff abzuwehren. So erklärte es NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Dazu gehöre auch, dass sich die Bündnispartner enger über digitale Attacken austauschen und die politischen Auswirkungen miteinander besprechen.

Das Bündnis schaut damit nicht mehr nur auf klassische Bedrohungen auf dem Land-, See- oder Luftweg, wie sie die NATO aus der Vergangenheit kennt. Den Cyberspace hat sie schon zu einem weiteren Aktionsfeld erhoben, in den Mitgliedsländern gibt es digitale Abwehreinrichtungen.

Bei einem Angriff im Netz können die Alliierten sogar den Bündnisfall ausrufen. Das Verfahren nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages sichert den Beistand der anderen Partner zu. Nun soll der Artikel noch erweitert werden und künftig auch Angriffe im Weltraum abdecken. Man werde dann aber keine Waffen im All stationieren, stellte Stoltenberg klar. Es gehe vielmehr darum, schwerwiegende Angriffe auf Satelliten oder andere Kapazitäten im Weltall abzuwehren und schnell zu reagieren.

Strategien für eine unberechenbare Welt

Damit will das Militärbündnis die Grauzone überwinden, die es bislang bei solchen Angriffen gibt. Denn noch bezieht sich der Bündnisfall nur auf Angriffe in Nordamerika oder Europa, dezentrale Bedrohungen werden erst nach und nach erfasst.

Indem sie nun stärker in den Fokus rücken, will sich die NATO für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts rüsten. Die Ausrichtung des Bündnisses müsse sich verändern, weil die Wirklichkeit sich verändere, so sieht es Generalsekretär Stoltenberg. Die Sicherheitslage sei herausfordernder geworden, die Welt unberechenbarer, und die Machtkämpfe nähmen zu. Auch im Netz und im Weltall.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Juni 2021 um 08:45 Uhr.