NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg | AP

Amtswechsel im Weißen Haus Was die NATO von Biden erwartet

Stand: 20.01.2021 14:36 Uhr

Trump hat dem Nordatlantikpakt eine Menge Baustellen hinterlassen. Im Brüsseler NATO-Hauptquartier sind die Hoffnungen auf den neuen US-Präsidenten groß - auch wenn sich niemand mehr Illusionen macht.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Die größte Baustelle liegt in Afghanistan. Hier hat Donald Trump einen Scherbenhaufen hinterlassen - so sehen es viele Partner in der Allianz, seit er kurz vor der US-Präsidentschaftswahl überraschend und im Alleingang den Abzug eines großen Teils der amerikanischen Soldaten ankündigte.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Ohne die US-Truppen sei die Sicherheit der anderen NATO-Soldaten in Afghanistan gefährdet, fürchtet auch der Generalsekretär der Allianz, Jens Stoltenberg. Sofort nach der Wahl telefonierte er mit Biden. "In meinem Telefongespräch mit Joe Biden habe ich betont, in welchem Dilemma wir jetzt in Afghanistan stecken - und welchen Preis wir zahlen müssen, wenn wir das Land verlassen", sagte er danach.

Der Preis für einen vorschnellen Abzug wäre hoch, da ist sich Stoltenberg sicher: Afghanistan würde sich wieder zu einer Plattform für den internationalen Terrorismus entwickeln.

Deutsche Soldaten abhängig von US-Enablern

Gefährlich könnte ein weiterer Abzug der amerikanischen Truppen auch für die deutschen Soldaten werden, schätzt Bundesaußenminister Heiko Maas. Gut tausend Bundeswehrsoldaten sind im Einsatz in Afghanistan - und ohne die technische Unterstützung der USA läuft bei der Aufklärung und bei der Evakuierung von Verletzten wenig.

"Für uns ist es wichtig, dass die Teile der amerikanischen Truppen in Afghanistan bleiben, die auch notwendig sind für die deutschen Truppen", sagte er. "Das sind Evakuierungshubschrauber, sogenannte Enabler. Die sind wichtig, ansonsten können wir die Sicherheit deutscher Soldaten in Afghanistan nicht mehr garantieren."

Bis Ende Januar will die NATO über die Zukunft des Afghanistan-Einsatzes entscheiden. Brüssel hofft, dass Biden das von Trump geschlossene Abkommen mit den Taliban überprüft - und das Land nicht Hals über Kopf verlässt.

Frankreich fordert "strategische Autonomie"

Trumps Alleingänge - nicht nur in Afghanistan, sondern vorher auch schon in Syrien und im Irak -, sein lautes Nachdenken über den Sinn der Allianz, all das hat den Europäern drastisch vor Augen geführt, dass sie sich nicht mehr wie früher auf die große Schutzmacht von einst verlassen können.

Europa müsse selbst in der Lage sein, für die eigene Sicherheit zu sorgen - am lautesten fordert das NATO-Mitglied Frankreich. Und aus Sicht des französischen Verteidigungsexperten Martin Quencez hat die Wahl von Biden daran nichts geändert:

Aus französischer Sicht ist in den Vereinigten Staaten viel passiert, vieles wird noch passieren und das wird uns betreffen. Darauf müssen wir mit einer Europäischen Strategischen Autonomie reagieren. Sie ist die Antwort auf das, was auf der anderen Seite des Atlantiks passiert.

Ohnehin vermuten nicht nur die Franzosen in der Allianz, dass Präsident Biden zunächst die inneramerikanischen Baustellen bearbeiten muss. Allein das verlange mehr europäische Eigeninitiative in der Sicherheitspolitik, sagen NATO-Diplomaten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Januar 2021 um 15:35 Uhr.