Julia Gulakowa und ihr jüngstes Kind | Norbert Hahn/ARD
Interview

Geflüchtete aus Mariupol "Leichen liegen überall in der Stadt"

Stand: 24.03.2022 15:24 Uhr

Julia Gulakowa ist mit ihren drei Kindern, ihrer Mutter und ihrem Hund aus Mariupol geflüchtet. Sie schildert ihre letzten Wochen in der eingeschlossenen Stadt - und wie die Familie es schaffte, nach Lwiw zu entkommen.

ARD: Wie lange haben Sie gebraucht, um aus Mariupol nach Lwiw zu kommen?

Julia Gulakowa: Etwa drei Tage. Sie haben Anfang März angefangen, Mariupol zu beschießen. Unser Stadtteil kam dann eine Woche später unter Beschuss. Es wurde immer schlimmer. Jeden Morgen ab drei, vier Uhr kamen die Flugzeuge, warfen Bomben und zerstörten die Häuser. Die Leichen liegen überall in der Stadt. Es ist nichts übrig, nichts. Ich verstehe diese Grausamkeit nicht.

Sie zerstören die Gebäude komplett bis auf die Grundmauern. Wir waren im Keller ohne Wasser, Strom und Gas. In der Wohnung war es kalt und das Wasser in den Leitungen gefroren. Unten im Keller war es etwas wärmer. Als wir nach einer Woche aus dem Keller kamen, habe ich meine Nachbarschaft nicht wiedererkannt.

Während des Beschusses geriet unser Haus in Brand. Mein Mann und mein Sohn versuchten, es zu löschen. Mein Mann bekam einen Herzinfarkt. Zusammen mit meinem Sohn haben wir versucht, ihn wiederzubeleben. Aber wir haben es nicht geschafft. Er starb und wir haben ihn nicht mal angemessen begraben können, weil es zehn Grad kalt war. Keiner unserer Nachbarn wollte ein Grab für ihn ausheben. So haben wir ihn dort zurückgelassen.

Familie Gulakowa | Norbert Hahn/ARD

Familie Gulakowa hat sich aus dem umzingelten Mariupol nach Lwiw durchgeschlagen. Bild: Norbert Hahn/ARD

ARD: Wie sind Sie geflohen?

Gulakowa: Russische Soldaten haben die Räder unseres Autos gestohlen. Die Windschutzscheibe war eingeschlagen, aber sie war noch da. Die anderen Scheiben waren kaputt. Mein Bruder suchte mit anderen Leuten nach Rädern. Für mich und die Kinder wäre es unmöglich gewesen, Mariupol zu verlassen. Irgendwann konnten wir dann losfahren. Zwischen Mariupol und Saporischschja waren etwa 15 Kontrollpunkte. Erst wollten sie uns überall nicht durchlassen, dann ging es irgendwie doch. Wir trafen später Freiwillige, die uns zu essen gaben und die uns duschen ließen.

"Wir wissen nicht, wo die nächste Bombe fällt"

ARD: Wohin wollen Sie jetzt gehen?

Gulakowa: Wir wollen nach Tschechien. Bekannte, die in Deutschland sind, haben uns gesagt: Geht besser nach Tschechien. Deswegen wollen wir dahin und dort auch bleiben.

ARD: Warum bleibt Ihr nicht in Lwiw?

Gulakowa: Ich hätte nicht gedacht, dass ich so wegen der Alarmsirenen in Panik geraten könnte ... Ich habe jetzt vor jedem Geräusch Angst. Ich habe Angst, dass jede Stadt beschossen und zerstört werden könnte. Wir wissen nicht, wo die nächste Bombe fällt.

Das Interview führte ARD-Korresondent Norbert Hahn, z.Zt. in Lwiw

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 extra im Ersten am 24. März 2022 um 16:25 Uhr.