Vier Ehrenamtler eines ukrainischen Gemeindezentrums arbeiten an einem Tarnnetz. | WDR
Reportage

Lage in der Ostukraine "Wir werden nicht im Stich gelassen"

Stand: 08.02.2022 09:12 Uhr

Heute besucht Außenministerin Baerbock das ukrainisch-russische Grenzgebiet. Mehr als 100.000 Soldaten hat Russland auf seiner Seite stationiert. Wie leben die Menschen mit der Bedrohung?

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Kiew

"Wir sehen im Moment keine Anzeichen dafür, dass die Einwohner wegen eines angeblichen Überfalls beunruhigt sind", sagt Ksenia Suchowa, Sekretärin im Stadtrat von Mariupol.

Tatsächlich ist in der Hafenstadt am Asowschen Meer, weit im Südosten der Ukraine, von Unruhe oder gar Panik nichts zu spüren. Und das, obwohl immer wieder zu lesen ist, dass Mariupol wegen seiner Lage - zwischen den von prorussischen Separatisten besetzten Gebieten und der von Russland annektierten Halbinsel Krim - bei einer potenziellen russischen Invasion als erstes angegriffen werden könnte.

"Diese Bedrohung begleitet uns seit 2014", sagt die Beamtin Suchowa. "Wir leben sehr nah an der Konfrontationslinie. Aber wir hören keine Schüsse, keine Explosionen." Das beruhige Menschen. "In der Stadt gibt es viele Militärs, die Konzentration der Militäreinheiten ist sowohl zur See, als auch an Land sehr hoch. Und das gibt uns ein Gefühl von Sicherheit."

Daran hätten auch die russischen Truppenbewegungen entlang der ukrainischen Grenze nichts geändert. Die Menschen in Mariupol, sagt Suchowa, hätten sich an ein Leben mit dem Krieg gewöhnt und verstünden, dass die Lage unter Kontrolle sei.

Ksenija Suchowa | WDR

"Die Bedrohung begleitet uns seit 2014", sagt die Beamtin Suchowa. Bild: WDR

Tarnnetzproduktion im Donbas

Rund 230 Kilometer weiter westlich, in der Großstadt Saporischschja, ist der räumliche Abstand zum Krieg im Donbas größer - nicht aber der emotionale. In einem unbeheizten Raum eines sehr in die Jahre gekommenen Gemeindezentrums arbeiten vier Ehrenamtler der Generation Ü50 an einem Tarnnetz - während sie gemeinsam ukrainische Nationallieder singen.

"Sie wissen doch, in welchem Zustand unsere Armee 2014 war", sagt Schanetta Maljarowa, die die Bürgerinitiative damals ins Leben gerufen hat. "Wir schickten Kleidung, Süßigkeiten an die Front … alles, was wir nur konnten. Und wir haben verstanden, dass wir unsere Jungs auch verstecken müssen. Wie konnten wir das tun? Mit Netzen."

Sechs mal acht Meter misst so ein handgearbeitetes Tarnnetz - groß genug auch für Militärfahrzeuge. Die eingeflochtenen Stoffstreifen sind Spenden einer Textilfabrik, Überreste aus der Produktion von Soldatenuniformen.

Dankbarkeit für deutsche Unterstützung

Die aktuellen Entwicklungen entlang der russische-ukrainischen Grenze beobachte sie mit Sorge, sagt Maljarowa, aber auch für sie gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Das Wissen um die nun verstärkten diplomatischen Anstrengungen hilft ihr dabei.

"Das ist ungeheuer wichtig für uns. Wir ehren und respektieren alle, die zu uns kommen. Wir erhalten mit großer Dankbarkeit Militärhilfen - und wir verstehen, dass Europa hinter uns steht."

Auch Deutschland helfe der Ukraine sehr, ergänzt die Rentnerin. "Vielleicht nicht so, wie wir es uns wünschen… Aber wir sind sehr dankbar für die Unterstützung."

Baerbock reist an Konfrontationslinie

Einmal mehr sind die Forderungen der ukrainischen Regierung nach deutschen Waffenlieferungen ins Leere gelaufen. Aber dass die Bundesrepublik die Ukraine seit 2014 vor allem auch humanitär unterstützt, werde von den Menschen vor Ort wahrgenommen und geschätzt, sagt Ksenia Suchowa im Stadtrat von Mariupol. 

"Und dass sie kommen und sich mit unserer Situation beschäftigen, bedeutet, dass wir mit unseren Problemen oder potentiellen Bedrohungen nicht im Stich gelassen werden."

Gestern hat Außenministerin Annalena Baerbock ein von Deutschland mitfinanziertes Militärkrankenhaus in Kiew besucht und damit auch die humanitären Hilfen in den Fokus gerückt. Heute wird sie nach Mariupol und an die Konfrontationslinie reisen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Februar 2022 um 09:00 Uhr.